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Alarmsignale: Waldbrände in Sibirien.

Interview mit Klimaforscher 

„Abholzung stoppen, klimafreundliche Landwirtschaft betreiben“

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Forscher Stefan Rahmstorf über den Willen zum Klimaschutz und die Frage, was Aufforsten bringt.

Professor Rahmstorf, der neue IPCC-Report warnt: Eine globale Erwärmung von über 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit würde unter anderem die Nahrungsmittel-Sicherheit auf der Welt stark bedrohen. Ist das Limit überhaupt noch drin? Erreicht sind bereits gut ein Grad.
Noch ist das machbar. Das hat der IPCC-Sonderbericht zu den 1,5 Grad vom letzten Herbst wieder gezeigt. Die Frage ist allerdings, ob die heutige Weltgesellschaft die politische Kraft und Entschlossenheit dazu hat.

Was sind die wichtigsten Maßnahmen, um die 1,5 Grad noch halten zu können?
Wir müssten dazu sehr rasch aus der fossilen Energienutzung aussteigen und auch bei der Landnutzung einiges ändern – Abholzung stoppen, klimafreundliche Landwirtschaft betreiben.

Kann eine forcierte Aufforstung, wie sie jüngst von Forschern der ETH Zürich empfohlen wurde, tatsächlich das Klima retten?
Forcierte Aufforstung kann einen wichtigen Beitrag leisten und vielleicht zehn oder 20 Prozent der derzeitigen Emissionsmenge kompensieren, aber das dauert lange und ändert nichts am notwendigen raschen Ausstieg aus den fossilen Energien.

Bisher steigen die globalen Emissionen weiter an, statt zu sinken, die Klimaschutzmaßnahmen reichen bei weitem nicht aus. Gibt es noch Hoffnung auf eine Kehrtwende?
Wie gesagt, es geht dabei vor allem darum, den politischen Willen zu mobilisieren. Die Hoffnung darf man nie aufgeben, lange Zeit schien auch der Mauerfall politisch unmöglich. Aber nicht nur in der Natur, auch in der Gesellschaft gibt es Kipppunkte. Die Schülerbewegung Fridays for Future hat die gesellschaftliche Diskussion schon deutlich verändert, unterstützt von den mehr als 26 000 Wissenschaftlern von Scientists for Future und zahllosen anderen.

Derzeit wirken die Ozeane, die zwei Drittel der Erdoberfläche bedecken, noch als stabilisierender Faktor, da sie sich deutlich langsamer aufheizen als die Landfläche. Gibt es hier Risiken, die die Erwärmung an Land noch beschleunigen könnten?Der Weltklimarat sagt, bis 2030 müssen die globalen Emissionen um 50 Prozent sinken, um eine Chance auf 1,5 Grad zu sichern. Braucht es dazu ein Notprogramm?

So könnte man es nennen. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat es kürzlich mit der Mobilisierung der USA für den Zweiten Weltkrieg verglichen. Damals wurde die gesamte Automobilindustrie der USA innerhalb von neun Monaten auf Rüstungsgüter umgestellt. Erst war es hart, aber am Ende haben die USA ökonomisch profitiert.

Zur Person: Stefan Rahmstorf arbeitet unter anderem am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Die thermische Trägheit der Ozeane bremst die globale Erwärmung, das wirkt sich vor allem in küstennahen Regionen aus. Vor allem aber saugen sie ein Drittel unserer CO2-Emissionen aus der Luft. Die Kehrseite ist, dass die Ozeane dadurch versauern und marine Ökosysteme durch die Wärme und Kohlensäure geschädigt werden – was wiederum die weitere CO2-Aufnahme beeinträchtigen könnte.

Der IPCC-Bericht wird als „Alarmstufe Rot“ für unsere Art der Landnutzung gewertet. Gilt das auch für die Nutzung der Ozeane?
Ich meine schon. Der Wissenschaftliche Beirat für globale Umweltveränderungen hat davor ja schon mehrfach gewarnt, zuletzt in seinem Hauptgutachten Menschheitserbe Meer von 2013.

Der Weltklimarat wird das Thema Weltmeere und Klima in einer weiteren großen Studie behandeln. Was werden darin die großen Themen sein?
Die Erwärmung, Versauerung, Ausbreitung sauerstoffarmer „Todeszonen“ im Meer, Meeresanstieg, die Schädigung der Ökosysteme – wir befinden uns ja bereits mitten in einem großen Korallensterben.

Der Meeresspiegel-Anstieg beträgt bisher rund 20 Zentimeter. Wie geht es damit weiter?
Bei weiterer Klimaerwärmung wird der Anstieg sich weiter beschleunigen. Der Meeresspiegel reagiert sehr langsam, daher liegt der größte Anstieg noch vor uns, selbst wenn wir ab jetzt nichts mehr emittieren.

Eine mögliche Schwächung des Golfstroms, der „Fernheizung Europas“, könnte auf unserem Kontinent die Erwärmung bremsen oder sogar eine Abkühlung bewirken. Wie realistisch ist das?
Es gibt inzwischen starke Belege dafür, dass das Golfstromsystem sich bereits so, wie von den Klimamodellen vorhergesagt, abgeschwächt hat – um rund 15 Prozent. Die dadurch verursachte Kälteblase liegt draußen über dem Atlantik und betrifft bislang keine Landgebiete. Es besteht aber ein schwer kalkulierbares Risiko, dass das System kippen könnte.

Interview: Joachim Wille

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