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Atomreaktor im Keller

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Von: Jonas Rest

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Irgendwann kam auch den Kodak-Managern offenbar mal der Gedanke, dass die atomreaktorgestützte analoge Bildentwicklung keine Zukunft hat.
Irgendwann kam auch den Kodak-Managern offenbar mal der Gedanke, dass die atomreaktorgestützte analoge Bildentwicklung keine Zukunft hat. © dpa

Manchmal werden Dinge einfach vergessen – ein kühlschrankgroßer Reaktor etwa, gefüllt mit atomwaffenfähigem Uran. Der stand mehr als dreißig Jahre in einem Kellerlabyrinth unter dem Kodak-Firmensitz in Rochester im US-Bundesstaat New York.

Das fand die Lokalzeitung Democrat and Chronicle nun heraus – zuvor scheint das nukleare Gerät niemand so recht bemerkt zu haben. Dabei war die Existenz des Reaktors streng genommen kein Geheimnis. In allgemein zugänglichen Forschungspapieren hat es Hinweise darauf geben. Im öffentlichen Bewusstsein war der Atomreaktor dennoch nicht vorhanden. Irgendwie hatte die mittlerweile in höchster Finanznot steckende US-Firma wohl auch vergessen, Katastrophenschutz oder Feuerwehr auf das strahlende Gerät im Keller hinzuweisen. Man sei sich nicht sicher, ob man die lokalen Behörden jemals informiert habe, wird ein Kodak-Sprecher in der Zeitung zitiert. Die in der Stadtverwaltung für Katastrophen zuständigen Beamten gaben jedenfalls zu Protokoll, im Dunkeln gelassen worden zu sein. Anwohner wussten natürlich auch nicht, was in Kodaks Keller so getrieben wurde .

Reaktor für die analoge Bildentwicklung

Angeschafft hatte sich die Fotofirma den Reaktor, der aussieht wie ein futuristischer Kohleofen, um Chemikalien und andere Materialien für die analoge Bildentwicklung zu überprüfen. Auch experimentierte der Konzern wohl mit Neutronenradiographie, einer Bildtechnik. Das war 1974, also fünf Jahre vor der Atomkatastrophe in Three Mile Island, die dazu führte, dass die bis dahin vorherrschende Atomeuphorie etwas abklang. Zuvor war bekanntlich sogar diskutiert worden, Atomreaktoren in Lkw und Bussen einzusetzen und mittels nuklearer Explosionen den Bau von Kanälen zu beschleunigen. Kodak dürfte allerdings das einzige US-Unternehmen sein, das sich einen kleinen Atommeiler in den Keller stellte.

Besonders brisant ist dabei, dass sich in dem Reaktor etwa 1,5 Kilogramm hochangereichertes Uran befanden, das auch für Atombomben eingesetzt werden kann. Aus Sorge, dass Terroristen solches Material stehlen könnten, werden in den USA seit Jahren Forschungsreaktoren geschlossen. Irgendwann nach den Anschlägen vom 11. September dürfte auch jemandem bei Kodak aufgefallen sein, dass es ein Sicherheitsproblem geben könnte. Oder den Managern kam der Gedanke, dass die atomreaktorgestützte analoge Bildentwicklung keine Zukunft hat. In jedem Fall wurde der Reaktor 2007 unter strengster Geheimhaltung demontiert – und das hochangereicherte Uran in eine staatliche Anlage geschafft.

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