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Atomkraft in Großbritannien: Mehr Laufzeit? No, thanks

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Von: Joachim Wille

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Der britische Regierungschef Boris Johnson (r.) zu Besuch im AKW Hinkley Point C, dessen Bau sich verzögert.
Der britische Regierungschef Boris Johnson (r.) zu Besuch im AKW Hinkley Point C, dessen Bau sich verzögert. © AFP

Angesichts der Gaskrise wird geprüft, ob die Laufzeiten von den Reaktoren verlängert werden sollen. In Großbritannien wird schon der dritte Reaktor stillgelegt.

London - In Deutschland wird zunehmend hitzig über eine Verlängerung der Laufzeiten für die drei noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke debattiert. In Großbritannien wurde derweil am Montag (1. August) bereits der dritte Reaktor in diesem Jahr endgültig abgeschaltet.

Der Energieversorger EDF Energy hat am Montag den britischen Atomreaktor Hinkley Point B-1 im Südwesten des Landes endgültig abgeschaltet, nachdem Anfang Juli bereits die erste Anlage des Doppelkraftwerks, B-2, vom Netz gegangen war. Damit setzt sich die Abschaltungswelle im Land fort. Im letzten Jahr waren auf der Insel drei Reaktoren stillgelegt worden, zwei Anlagen in Dungeness im Südosten sowie Hunterston B-1 in Schottland, im Januar 2022 folgte Hunterston B-2. EDF Energy ist Tochter des französischen Stromkonzerns EDF.

Atomkraft in Großbritannien: Reaktor wird wegen Alter geschlossen

Grund für die aktuellen Abschaltungen und die der anderen Reaktoren waren das Alter der AKW und Sicherheitsprobleme durch Risse in den Graphitkernen der gasgekühlten Anlagen. Die Hinkley-Point-Reaktoren waren seit 1976 in Betrieb, sie liefen also 46 Jahre lang.

Auch in Großbritannien wurde darüber diskutiert, ob die Laufzeiten der beiden Reaktoren angesichts der Gaskrise, die die Insel ebenso trifft, verlängert werden können. Die Regierung in London hatte das im Frühjahr prüfen lassen. EDF Energy winkte jedoch ab. Es sei wegen der erforderlichen detaillierten Sicherheitsnachweise nicht möglich, das Doppel-AKW über den Winter in Betrieb zu halten. Aus der Nuklearbranche hieß es laut der Zeitung The Telegraph, das AKW habe „noch einen Winter in sich“ gehabt, nun aber werde die Stromversorgung auf der Insel in den kommenden Monaten zusätzlich belastet.

Atomkraft in Großbritannien: Neue Reaktoren geplant

Die Atomkraft lieferte zuletzt rund 16 Prozent des britischen Stroms. In dem Land war seit 1956 eine Atomkapazität von 15 700 Megawatt (MW) aufgebaut worden, davon ist inzwischen mehr als die Hälfte, über 9000 MW, wieder stillgelegt worden. Auch die beiden AKW-Neubauten in Hinkley Point mit 3400 MW, die EDF Energy 2027 in Betrieb nehmen will, können den Rückgang nicht ausgleichen. London plant jedoch weitere neue Reaktoren.

In Frankreich, wo mit 56 Reaktoren rund die Hälfte der europäischen AKW steht, waren zuletzt bis zu 29 abgeschaltet. Gründe sind normale Wartungs- und Reparaturarbeiten, die zum Teil wegen Corona nachgeholt werden müssen, sowie Stillstände, weil in neueren Reaktor- typen Risse in Rohrleitungen des Notkühlsystems festgestellt worden waren. In der jüngsten Hitzewelle mussten zudem einige Reaktoren abgeschaltet werden, weil in Flüssen, die zur Kühlung der AKW gebraucht werden, zu hohe Wassertemperaturen herrschten. Betreiber EDF rechnet 2022 mit einer um ein Viertel niedrigeren Kernkraftproduktion als 2021. (Joachim Wille)

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