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Protest in der AfD-Hochburg Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) bei einem Wahlkampfauftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Nach der Wahl

Armut wählt die AfD

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Die AfD findet ihre Wähler vor allem im Osten. Irgendwie spielt das Geld dabei eine Rolle. Irgendwie aber auch nicht.

Ronny wählt rechts. Laut einer in den sozialen Medien kursierenden Berechnung, gibt es einen deutlichen statistischen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Vornamens Ronny und dem Anteil an Wählern der Alternative für Deutschland (AfD).

Auch in Frankreich ist man dem Rechtstrend auf der Spur. Die Statistik zeigt: Dort, wo das Wasser besonders hart ist, neigen die Wähler dem Front National zu. „Hartes Wasser, harte Rechte – das ist der schönste Schein-Zusammenhang, den ich je gesehen habe“, kommentierte der britische Ökonom Jonathan Portes.

In ganz Europa und auch in den USA geht die Frage um: Warum wählen Leute rechts? Vornamen und Wasserqualität spielen dabei natürlich keine Rolle. Aber das Geld. Gesucht wird nach einem Zusammenhang zwischen sozialer Situation und politischer Haltung.

Wissenschaftler untersuchen die wirtschaftliche Lage der Wahlbezirke, Ökonomen befragen Wähler nach ihrem Einkommen. Doch zumindest für Deutschland ist die Antwort wenig eindeutig: Irgendwie spielt das Geld eine Rolle. Und irgendwie nicht.

Arbeitslosenquote sinkt, liegt aber immer noch über der im Westen

Dabei liegt der Zusammenhang nahe: AfD-Wähler finden sich vor allem im Osten Deutschlands. Und dort sind die Zustände auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer deutlich schlechter. Zählt man Berlin nicht zum Osten, so ist die Wirtschaftsleistung je Einwohner fast ein Drittel geringer als im West-Durchschnitt, so der Regierungsbericht zum Stand der deutschen Einheit.

Die Arbeitslosenquote ist im Osten zwar kräftig gesunken – von 18,7 Prozent 2005 bis auf zuletzt 7,1 Prozent. Damit liegt sie aber noch immer zwei Prozentpunkte höher als im Westen. Zudem wird im Osten weniger verdient: Im Durchschnitt erhielt 2016 dort ein Vollzeitbeschäftigter brutto 2640 Euro, im Westen waren es 700 Euro mehr. Fast jeder Zehnte im Osten kriegt nur den Mindestlohn. Die Ost-West-Angleichung der durchschnittlichen Haushaltseinkommen stagniert seit Mitte der neunziger Jahre.

In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist mehr als jeder Fünfte armutsgefährdet, im früheren Bundesgebiet sind es nur 15 Prozent. Dabei wird im Osten im Durchschnitt länger gearbeitet, öfter am Sonntag, in der Nacht und in Wechselschicht. „Die insgesamt schlechtere sozioökonomische Lage zwischen Rostock und Suhl erklärt große Teile des Wählergefälles“, so eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Ein „kulturell bedingter Ostfaktor besteht nur in begrenztem Maße“.

Zur Erklärung des AfD-Erfolgs mit sozialen Faktoren passt auch, dass die AfD im Westen dort gut abschneidet, wo es relativ viele Arbeitslose und Arme gibt: im Saarland und in Bremen. Doch vieles passt eben auch nicht. So ist in der AfD-Hochburg Sachsen die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren extrem stark gesunken. Inzwischen ist sie niedriger als in den anderen Ost-Ländern und in vielen Regionen im Westen. Umgekehrt ist die Arbeitslosigkeit in Hamburg am schwächsten geschrumpft und höher als in Sachsen – die AfD schneidet dort allerdings nur unterdurchschnittlich ab.

Ihre größten West-Erfolge feiert die Partei dagegen in den reichsten Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg. Nach einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist die AfD – im Gegensatz zur NPD – ohnehin eher eine Partei, die viele Besserverdienende anzieht. Über ein Drittel ihrer Sympathisanten komme aus dem obersten Einkommensfünftel. Mit diesem Fakt wollte das arbeitgebernahe IW den Vorwurf entkräften, mangelnde Umverteilung sei für den Erfolg der AfD verantwortlich.

Doch so einfach ist die Sache auch wieder nicht – die IW-Studie bezieht sich auf das Jahr 2014, und damals war die AfD noch eher eine eurokritische Professorenpartei. Seitdem dürfte sich die Zusammensetzung ihrer Anhänger geändert haben.

Die belastbarste Untersuchung zur sozialen Situation der AfD-Anhänger hat kürzlich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vorgelegt. Bedeutsam ist hier vor allem das bedarfsgewichtete Haushaltseinkommen 2016 – also die Summe, die jedem Haushaltsmitglied durchschnittlich zur Verfügung steht. Hier lagen 2016 AfD-Anhänger mit 1533 Euro weit unter den Anhängern der CDU und Grünen (1800 Euro), der SPD (1667 Euro) und selbst der Linken (1598 Euro). Weniger hatten nur Nichtwähler (1333 Euro) – und aus diesem Lager bezog die AfD besonders viele Stimmen bei der Bundestagswahl 2017.

Gleichzeitig hält das DIW allerdings fest: Zwar habe die Mehrheit der AfD-Anhänger ein unterdurchschnittliches Einkommen, aber „eine substanzielle Minderheit steht gut da“. Insgesamt sei die Einkommensspreizung bei keiner Wählerschaft so groß wie bei der AfD. Daher gebe es wohl „keinen simplen Determinismus zwischen Einkommen und Parteipräferenz“, so das DIW.

Das eine ist das Einkommen, das andere ist die subjektiv empfunden Lage. Laut DIW fühlt sich die AfD-Anhängerschaft in der Mehrheit materiell ungerecht behandelt. Das spiegelt auch eine Umfrage der Böckler-Stiftung von Anfang 2017 wider. Stärker als andere sähen AfD-Anhänger ihre soziale Lage bedroht und kämpfen mit Abstiegserfahrungen und Zukunftsängsten. Die Mehrzahl von ihnen – 56 Prozent – zählt sich selbst zur Unter- oder unteren Mittelschicht. Überdurchschnittlich sehen sie sich als Absteiger – ihnen gehe es schlechter als der Elterngeneration – und AfD-Anhänger fürchten eher um die Zukunft ihrer Kinder.

Diese Abstiegsfurcht hat laut Böckler-Stiftung allerdings einen „materiellen Kern“. Nicht nur verdienen die AfD-Anhänger oft wenig. Zudem ist die Abstiegserfahrung insbesondere im Osten verbreitet. Im Zuge der Wiedervereinigung wurden tausende Betriebe geschlossen, 2,5 Millionen Menschen verloren ihren Job. Zwischen 2000 und 2015 ging die Vollzeitbeschäftigung in Ostdeutschland um zehn Prozent zurück. Tarifbindung und Gewerkschaftsmacht sind schwach. Vermögen, das Sicherheit bietet, gibt es wenig. „Selbst 25 Jahre nach der Wiedervereinigung waren die Geldvermögen in Ostdeutschland im Schnitt nur halb so hoch wie im Westen“, errechnet die Allianz.

Insgesamt, so die Böckler-Stiftung, seien es „weniger reale Entbehrungen, sondern vor allem eine Kombination aus wahrgenommenem Abstieg in der Vergangenheit und Abstiegsängsten in Bezug auf die Zukunft“, die die AfD-Wähler kennzeichneten.

Fazit: Wie Menschen wählen, hängt nur zu einem Teil von ihrer objektiven wirtschaftlichen Lage ab. Wichtig ist, wie sie ihre Lage subjektiv bewerten und ob sie eher pessimistisch in die Zukunft sehen. Und schließlich zählt, welche Ursachen sie für ihre Lage sehen und welchen Schluss sie daraus ziehen – ob sie beispielsweise ihr Gerechtigkeitsgefühl eher mit einer Vermögensteuer oder einer Zuwanderungsobergrenze befriedigt sehen.

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