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Lebensmittelspende: Den Haushalten unterhalb der Armutsgrenze geht es immer schlechter.

Verteilungsbericht

Armut: Umverteilung von oben nach unten hat abgenommen

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Wohlhabende haben mehr, die Ärmsten verlieren real an Einkommen - das zeigt der Verteilungsbericht des gewerkschaftsnahen Instituts WSI.

Die Ungleichheit in Deutschland ist seit langem ein zentrales Thema politischer Debatten. Immer wieder wird daher Umverteilung gefordert. Dem wurde in den vergangenen Jahren jedoch entgegengehalten, das Problem löse sich von allein, denn die soziale Schere schließe sich wieder. Das arbeitgebernahe Institut IW stellte 2017 eine „stabile Einkommensverteilung“ fest. Laut dem Münchener Ifo-Institut hat seit 2006 die Ungleichheit sogar „deutlich abgenommen“. Neue Berechnungen zeigen nun aber: Der Rückgang währte nur kurz. Seit 2010 hat sich die Schere wieder geöffnet. Grund ist, dass die Ränder der Verteilung auseinanderstreben – die Armut nimmt zu.

Ungleichheit hat deutlich zugenommen

Die Entwicklung der Ungleichheit ist ein umstrittenes Thema. Denn aus ihr lassen sich politische Forderungen ableiten – entweder nach Umverteilung von oben nach unten oder die Entlastung hoher Einkommen. Unstrittig unter den Forschern ist, dass die Ungleichheit seit der Wiedervereinigung deutlich zugenommen hat. Insbesondere nach dem Jahr 1999 kam es zu einem drastischen Anstieg, der allerdings 2005 zu Ende ging. Seitdem sei die Verteilung der verfügbaren Einkommen „weitgehend stabil“, stellte vergangenes Jahr noch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung fest.

Doch das scheint nicht zu stimmen. Das gewerkschaftsnahe Institut WSI hat in seinem neuen Verteilungsbericht untersucht, wie sich die verfügbaren Haushaltseinkommen seit 2005 entwickelt haben. Das Institut analysierte dafür die Daten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP), einer umfangreichen Haushaltsbefragung. Sie zeigen: Zwischen 2005 und 2009 ging der Gini-Koeffizient, das gängigste Maß für Ungleichheit, tatsächlich zurück. Doch „seit dem Jahr 2010 zeichnet sich ein erneuter Anstieg der Ungleichheit ab“. Im Jahr 2016 – das letzte Jahr, für das bislang Daten vorliegen – hat sie einen Rekordwert erreicht. Und das trotz der seit Jahren guten Konjunkturlage und sinkender Arbeitslosigkeit.

Ungleichheit - „Die Armen werden zunehmend abgehängt“

Was tun gegen Ungleichheit? Das WSI stellt fest: „Ungleichheit ist kein Schicksal“. Und macht einige Vorschläge, wie sie bekämpft werden könnte. So fordert es zum einen die Verkleinerung des Niedriglohnsektors, zum Beispiel über eine Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro oder die Stärkung von Tarifverträgen. Tariflöhne haben in der Vergangenheit deutlich stärker zugelegt als der Lohn-Durchschnitt.

Zu den Vorschlägenzählt auch eine stärkere Besteuerung von Spitzen- und Kapitaleinkommen. Statt einer pauschalen Abgeltungssteuer von 25 Prozent müssten Kapitalerträge wieder mit dem persönlichen Steuersatz belegt werden, der mit wachsendem Einkommen progressiv steige. Nötig sei auch die höhere Besteuerung großer Erbschaften und eine Wiederaufnahme der Vermögenssteuer.

Auch eine Anhebungder Hartz-IV- Sätze befürwortet das Institut, so dass kein ALG-II-Empfänger unterhalb der Armutsgrenze leben müsse. Dies sei häufig noch der Fall: 2014 habe das komplette Einkommen eines Single-Haushalts mit ALG II im Durchschnitt 160 Euro unterhalb der Armutsgrenze gelegen. kau

Die Daten zeigen laut WSI, dass nicht nur die wohlhabenden Haushalte deutlich mehr Geld haben. Der Aufschwung bescherte auch der Mitte Zuwächse. Das Problem: „Die mittleren Einkommen steigen zwar, die Armen profitieren davon aber nicht, sie werden zunehmend von dieser Entwicklung abgehängt.“ Die unteren 40 Prozent der Haushalte seien gegenüber dem Rest zurückgefallen, die ärmsten zehn Prozent hätten sogar real an Einkommen verloren. In der oberen Hälfte dagegen stiegen die Einkommen kräftig.

Die Ränder der Verteilung entfernen sich damit voneinander. Es gibt immer mehr Arme. 1991 waren noch lediglich 11,4 Prozent der Bevölkerung einkommensarm, was bedeutet, ihr Einkommen lag unter 60 Prozent des mittleren Einkommens. Dieser Wert ist inzwischen auf 16,7 Prozent gestiegen. Diese Haushalte verfügen nicht unbedingt über weniger Geld als vor einigen Jahren. Doch der Abstand ihres Einkommens zum – gestiegenen – mittleren Einkommen ist gewachsen. Damit werden sie relativ ärmer: 2005 lagen zwischen ihrem Einkommen und dem mittleren Einkommen noch 2873 Euro. Diese „Armutslücke“ ist laut WSI inzwischen auf 3452 Euro gestiegen.

Wachsende Lohnungleichheiten

Fazit des WSI: „Immer mehr Reichtum konzentriert sich bei den sehr Reichen, während gleichzeitig die Armen zunehmend von der Entwicklung in der Mitte der Verteilung abgehängt werden.“ Zu diesem Schluss kommt das Institut, obwohl in der SOEP-Umfrage die extrem wohlhabenden Haushalte unterrepräsentiert sind, da nur wenige von ihnen an Umfragen teilnehmen. Das bedeutet, dass die Ungleichheit in der Realität wohl noch größer ist als die SOEP-Zahlen zeigen. Starke Treiber dieser Entwicklung seien erstens die wachsenden Lohnungleichheiten. Die zunehmende Spreizung der Löhne habe bereits Ende der 1990er Jahre eingesetzt. Ein zweiter Grund sei die Tatsache, dass die Kapitaleinkommen – beispielsweise aus Unternehmen oder Finanzanlagen – stark bei den Reichen konzentriert sind. Über solche Einkommensquellen „verfügen in nennenswertem Maße ausschließlich Haushalte an der Spitze der Verteilung“, so das WSI. Und drittens verteile der Staat weniger als früher von oben nach unten um. So seien hohe Einkommen entlastet worden, während gleichzeitig geringe Einkommen durch höhere Verbrauchssteuern belastet wurden.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kam zu dem Ergebnis, dass auch das Vermögen in Deutschland sehr ungleich verteilt ist. Demnach besitzen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens (56 Prozent). Die ärmere Hälfte hat dagegen nur einen Anteil von 1,3 Prozent. Allerdings habe die Vermögensungleichheit in den vergangenen zehn Jahren nicht weiter zugenommen, heißt es in der DIW-Untersuchung.

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