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Vorsitzender Peter Fredriksson gibt in der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften die Gewinner des diesjährigen Wirtschatfsnobelpreises bekannt.

Wirtschaftsnobelpreis

Der Wirtschaftsnobelpreis und die Gewinner: Der Armut auf der Spur

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Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht in diesem Jahr an drei Ökonomen, die sich mit den Schattenseiten von Wachstum und Globalisierung beschäftigen.

Nobelpreise sollen außergewöhnliche wissenschaftliche Leistungen würdigen. Gleichzeitig sind sie immer auch ein politisches Statement. Das gilt insbesondere für den Wirtschaftsnobelpreis. In den vergangenen Jahren erhielten ihn Ökonomen für ihre Forschungen zu Klimawandel und technologischem Fortschritt, zu Ungleichheit und Verhaltensökonomik. Dieses Jahr ist ein weiteres Mega-Thema an der Reihe: Der Preis geht an drei Ökonomen für ihre Arbeiten zur Verringerung der Armut.

Lange ging die Ökonomik davon aus, das Problem der Armut erledige sich von selbst – schlicht durch Wirtschaftswachstum und marktwirtschaftliche Reformen. Tatsächlich hat sich in den vergangenen 20 Jahren der Lebensstandard weltweit deutlich verbessert, zumindest im Durchschnitt: In den ärmsten Ländern der Welt verdoppelte sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf.

Die Gewinner: Abhijit Banerjee, Michael Kremer und Esther Duflo

Doch gleichzeitig leben weltweit immer noch mehr als 700 Millionen Menschen von extrem niedrigen Einkommen, so die Schwedische Akademie der Wissenschaften. Jedes Jahr stürben fünf Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, oftmals an Krankheiten, die mit relativ einfachen und billigen Behandlungen verhindert oder geheilt werden könnten.

Der Wirtschaftsnobelpreis – genauer: der Preis der Schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaft zur Erinnerung an Alfred Nobel – geht daher dieses Jahr an Armutsforscher aus drei Ländern: den in Indien geborenen Abhijit Banerjee, den US-Amerikaner Michael Kremer und die Französin Esther Duflo – sie ist mit 46 Jahren die jüngste Preisträgerin der Nobelgeschichte und zugleich erst die zweite Frau, die den Wirtschaftspreis erhält. „Ich dachte, man müsse viel älter sein, um sich den Preis zu verdienen“, so die Ökonomin am Montag.

Wirtschaftsnobelpreis, weil das große Problem in viele kleine aufgeteilt wurde

Verdient hätten die drei Wissenschaftler den Preis, weil sie das große Problem der globalen Armut in kleinere, leichter zu behandelnde Problemstellungen aufgeteilt hätten, begründete die Schwedische Akademie ihre Entscheidung. Die jeweiligen Einzelprobleme hätten die Preisträger in Feldstudien untersucht. Dieser experimentelle Ansatz liefere konkrete Ergebnisse, mit denen das Problem der globalen Armut gelindert werden könne.

Armenviertel in Honduras: Was hilft den Menschen, ein besseres Leben zu führen?

Ein Beispiel: Als wichtiger Treiber für die Produktivität eines Landes gilt sein Bildungsniveau. Die Nobelpreisträger untersuchten daher die Gründe für die schlechte Bildung von Schulkindern in Kenia und Indien und stellten sich die Frage, wie das Bildungsniveau zu möglichst geringen Kosten möglichst stark erhöht werden könnte. Gab es zu wenig Lehrmaterial? Oder gingen die Schüler hungrig zur Schule? In Experimenten statteten die Ökonomen Schulen mit zusätzlichen Büchern oder mit kostenlosen Mahlzeiten für die Schüler aus. Das half zwar einzelnen Schülern, das Gesamtergebnis verbesserte sich jedoch nicht.

Wirtschaftsnobelpreis: Esther Duflo und Abhijit Banerjee und die Ressourcen

Durch weitere Experimente fanden Duflo und Banerjee heraus, dass das größte Problem nicht so sehr in einem Mangel an Ressourcen bestand. Stattdessen sei der Lehrbetrieb ungenügend auf die Bedürfnisse der Schüler ausgerichtet. Durchgreifende Verbesserungen ergaben sich daher durch gezielte Nachhilfeprogramme, insbesondere für die schlechtesten Schüler. Gegen die häufige Abwesenheit des Lehrpersonals hülfen darüber hinaus Zeitverträge, die nur bei guten Resultaten verlängert würden. Das stärke die Motivation der Lehrer.

Wirtschaftsnobelpreis: Michael Kremer - oft fehlt einfach das Geld

Doch Motivation allein löst das Problem der Armut nicht, oft fehlt einfach Geld. So bot Kremer in einem Experiment Dorfbewohnern kostenlose Entwurmungs-Medikamente für die Kinder an. In der Folge gaben 75 Prozent der Eltern ihrem Nachwuchs die Tabletten. Als der Preis auf knapp einen Dollar stieg – was immer noch eine deutliche Subvention bedeutet hätte – fiel der Anteil der Eltern auf 18 Prozent. Sprich: Arme Menschen sind in der Sprache der Ökonomen sehr „preis-sensitiv“, selbst wenn es um die Gesundheit der Kinder geht.

Bekanntgabe der drei Preisträger: Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer (von links).

Auch das Thema Mikrokredite nahmen sich die Nobelpreisträger vor. Sie untersuchten die Effekte in der indischen Metropole Hyderabad. Bei Kleinunternehmen fanden sie nur sehr geringe positive Effekte auf die Investitionen. Gar keine Verbesserungen hingegen stellten sie beim Konsum oder anderen Entwicklungsindikatoren fest, weder nach 18 Monaten noch nach 36 Monaten. Mikrokredite, einst als Wundermittel gegen die Armut gefeiert, scheinen also von begrenzter Wirkung zu sein.

Wirtschaftsnobelpreis ehrt die Forschung über Fehlentwicklung

„Die Entscheidung der diesjährigen Vergabe des Wirtschafts-Nobelpreis verdient große Anerkennung“, lobte der deutsche Ökonom Rudolf Hickel. Statt der jahrzehntelangen unkritischen Rechtfertigungen der Globalisierung werde eine Forschung über Fehlentwicklungen durch die Verfestigung von Armut nicht nur in den Entwicklungsländern anerkannt. Allerdings gebe es aus Entwicklungsländern auch Kritik an den Nobelpreisträgern. Denn ihre „Analyse konzentriert sich auf mikroökonomisch analysiertes Verhalten der Armen in den Entwicklungsländern“, so Hickel. „Umfassende Programme zur Umverteilung von Reich zu Arm finden keine Berücksichtigung.“

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