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Armut macht keine Ferien

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Von: Stefan Sauer

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Saint-Tropez am Baggersee: Ein Viertel der Deutschen hat kein Geld für eine Urlaubsreise.
Saint-Tropez am Baggersee: Ein Viertel der Deutschen hat kein Geld für eine Urlaubsreise. © dpa

Ein Viertel der Haushalte in Deutschland kann sich nicht einmal eine Woche Urlaub im Jahr leisten. In den Krisenländern im Osten und Süden Europas ist Anteil jener, die sich keine Ferienreise leisten können, noch viel höher.

Ein Viertel der Haushalte in Deutschland kann sich nicht einmal eine Woche Urlaub im Jahr leisten. In den Krisenländern im Osten und Süden Europas ist Anteil jener, die sich keine Ferienreise leisten können, noch viel höher.

Jeder vierte deutsche Haushalt hat nicht genug Geld, um wenigstens für eine Woche im Jahr in den Urlaub zu fahren. Besonders Alleinerziehenden fehlt es häufig an den finanziellen Möglichkeiten für eine Ferienreise. Die Umfrageergebnisse, die das statistische Bundesamt am Montag veröffentlicht hat, scheinen einen weiteren Beleg für die ungleiche Verteilung des Wohlstandes in Deutschland zu liefern.

Und das tun sie, ohne Zweifel. Wenn 47 Prozent der Alleinerziehenden aus Geldmangel mit ihren Kindern auf Urlaub verzichten müssen, dann ist das ein bedrückender Befund. Auch ein Blick auf die europäischen Partnerländer zeigt, wie eng Wohlstand und Urlaubsaufenthalte miteinander verknüpft sind. Nach Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat mussten sich 2011 immerhin auch knapp sieben Prozent der Norweger finanziell bedingt einer Ferienreise enthalten. In den übrigen skandinavischen Ländern waren es nur wenig mehr.

Armut im Süden und Osten

In Ländern mit geringem Lebensstandard waren die Anteile dagegen sehr viel höher: 76 Prozent der Rumänen, 73 Prozent der Bulgaren und 69 Prozent der Kroaten konnten 2011 nicht in einen Urlaub von mindestens einer Woche fahren. In Lettland, Polen und Ungarn lagen diese Anteile jeweils über 60 Prozent, in den Krisenländern Portugal und Griechenland ebenfalls bei gut 57 und 51 Prozent. Armut macht keine Ferien.

Für Deutschland ermittelte Eurostat einen Nicht-Urlauber-Anteil von 23 Prozent, was auch in etwa dem Umfrageergebnis des Wiesbadener Bundesamts entspricht. Allerdings, und dies schwächt die Armutsthese zumindest hierzulande ein wenig ab, handelt es sich um Selbstauskünfte der Verbraucher, die nicht weiter hinterfragt wurden. Ob das Reisegeld fehlt, weil die regelmäßigen Einkünfte dazu nicht ausreichen oder weil gerade ein neues Auto angeschafft wurde, haben die Statistiker nämlich nicht ermittelt.

Reisebranche beschwichtigt

Die Daten aus der Reisebranche weisen außerdem darauf hin, dass tatsächlich mehr Menschen in den Urlaub fahren, als die Umfragen es vermuten lassen. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands unternahmen fast 54 Millionen Personen über 14 Jahren im vergangenen Jahr mindestens eine Urlaubsreise von wenigstens fünf, im Durchschnitt zehn Tagen Dauer. Das entspricht einem Anteil von über 76 Prozent.

Von den übrigen 24 Prozent dürften nicht wenige der besonders Betagten aus anderen denn aus finanziellen Gründen zu Hause geblieben sein. Mithin handelt es sich nicht bei allen zu Hause gebliebenen um arme Kirchenmäuse.

Fest steht zudem auch: Der Anteil der Deutschen, die einen mehr als fünftägigen Urlaub antreten, war noch nie so hoch wie 2012. Und sie gaben für das Reisen mit rund 63 Milliarden Euro außerdem auch mehr aus denn je zuvor. Vor 40 Jahren, im Jahr 1972 waren nur knapp 25 Millionen der Bundesdeutschen über 14 Jahren in die Ferien gefahren, das war damals ein Anteil von knapp 50 Prozent an dieser Bevölkerungsgruppe.

1982 waren es dann schon knapp über 32 Millionen (55 Prozent), kurz nach der Vereinigung der BRD mit der DDR zehn Jahre später dann fast 58 Millionen (entsprechend gut 71 Prozent). Vor zehn Jahren schließlich, im Jahr 2002, sind rund 63 Millionen Deutsche verreist (75,3 Prozent).

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