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Spaß im Freibad? Oft zu teuer für Kinder armer Haushalte.

Armut

Armut bei Kindern: Kein Geld für das Freibad

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Was hilft armen Familien, fragt eine Studie. Unterstützungsangebote werden kaum abgerufen – möglicherweise wegen zu viel Bürokratie.

Arme Kinder nehmen mit Kosten verbundene Bildungs- und Freizeitangebote weit seltener in Anspruch als der Nachwuchs aus finanziell besser gestellten Familien. Das Geld fehlt oft für ganz alltägliche Dinge: den Schwimmbadbesuch, den Gang ins Kino oder die Nachhilfe. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten, das die Darmstädter Sozialrechtswissenschaftlerin Anne Lenze am Montag in Hannover vorgestellt hat.

„Das Bildungs- und Teilhabegesetz hat da versagt“, sagt Lenze. Gemeinsam mit Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann warb die Wissenschaftlerin dafür, Unterstützungsangebote für arme Familien künftig nicht mehr nur auf Antrag zu gewähren. Gegenwärtig können einkommensschwache Familien einen monatlichen Beitrag für Musik- oder Sportvereine abrufen, der jetzt von zehn auf 15 Euro erhöht wurde. Nachhilfe wurde bisher nur unter strikten Auflagen ermöglicht, etwa wenn die Versetzung gefährdet war. Den 10-Euro-Beitrag hätten aber nur 15 Prozent der Berechtigten abgerufen, wie die Untersuchung ergab.

Ministerin Reimann sagte, das derzeitige Dickicht an familienbezogenen Leistungen sei für die Betroffenen schwer durchschaubar, die Unterstützung erreiche deshalb die Kinder zum Teil gar nicht. „Ich will, dass alle Kinder faire Startchancen haben, auch die aus einkommensschwachen Familien“, betonte die SPD-Politikerin. Niedersachsen leitet eine Arbeitsgruppe der Länder, die ein Konzept zur sogenannten Kindergrundsicherung entwickelt. In einem ersten Schritt sollen Kindergeld, Kinderzuschlag, Hartz IV und Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket zusammengefasst werden.

Bundesweit leben rund vier Millionen Kinder in von Armut bedrohten Haushalten: Die eine Hälfte bezieht Hartz IV, bei der anderen reicht das Geld nicht, obwohl die Eltern arbeiten. Wissenschaftlerin Lenze sieht vor allem Verbesserungsbedarf bei der Unterstützung für Bildung und Teilhabe. Dabei solle man sich nicht am Existenzminimum orientieren, sondern schauen, was eine Mittelstandsfamilie für Musikunterricht oder Freizeitparks ausgebe, sagte sie.

Sozialverbände hatten Anfang des Jahres die Einführung einer Kindergrundsicherung von 628 Euro im Monat gefordert – mit steigendem Haushaltseinkommen solle die Leistung langsam abgeschmolzen werden. Auf Bundesebene sind SPD, Grüne und Linke für eine Reform der Leistungen für Familien – die Grünen etwa plädieren für einen Betrag von 280 Euro monatlich plus X. Lenze und Reimann wollten am Montag keinen konkreten Betrag nennen. Die SPD-Ministerin hält die Einführung der Kindergrundsicherung in den nächsten ein bis zwei Jahren für realistisch. CDU und CSU sehen das Vorhaben kritisch.

Die schwarz-rote Koalition in Berlin hatte bereits im März ein Gesetz verabschiedet, von dem Familien mit kleinem Einkommen profitieren sollen – etwa indem das Schulmittagessen kostenlos wird. Dies reiche aber nicht weit genug, kritisierte der Vorsitzende des Kinderschutzbundes Niedersachsen, Johannes Schmidt.

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