Gastwirtschaft

Die armen Sparer

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Negativer Realzins - ein aufgeblasenes Problem.

In den vergangenen Tagen ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen ins Negative gerutscht, was weltweit ein Volumen von 7000 Milliarden Dollar an Anleihen betrifft. Die Medien, auch jene, die es besser wissen müssten, haben schon seit Monaten den Schuldigen ausgemacht: Es ist der böse Italiener an der Spitze der Europäischen Zentralbank, der seinen Kumpels das billige Schuldenmachen ermöglichen will und daher den deutschen Sparer enteignet.

Werfen wir mal einen Blick auf die Zahlen: In der Zeit von 1996 bis 2018 war in über 13 Jahren der Realzins auf Bankeinlagen, also der Zins bereinigt um die Inflation, niedriger als null. Der höchste Wert betrug 1,8 Prozent im Februar 1999. Einige von uns erinnern sich sicher gern an die Mitte der 1980er, als eine Bundesobligation, die etwas auf sich hielt, ordentliche 10,75 Prozent abwarf, aber da verklärt sich aus heutiger Sicht so manches. Ein negativer Realzins ist also eher die Regel, als die Ausnahme.

Und wie sieht es mit dem „deutschen Sparer“ aus? Erstmal Glückwunsch an alle Habenichtse, sie gehören bereits zu den 90 Prozent der reichsten Deutschen, denn die anderen zehn Prozent haben mehr Schulden als Ersparnisse! Wenn es denn gelungen ist, mit harter Arbeit etwa 60 000 Euro zusammenzusparen, verfügt nur noch die andere Hälfte der Deutschen über mehr Vermögen.

Aber jetzt Hand aufs Herz: Angenommen, der Realzins steigt wieder auf zwei Prozent, wie relevant sind die 1200 Euro Zinseinkommen auf die 60 000 Euro im Verhältnis zu den anderen Einkommensquellen? Handelt es sich beim Negativzins wirklich um ein existenzielles Problem für die Massen, wie uns der öffentliche Diskurs glauben machen will?

Gehört eine Familie zur normalen Gruppe der Besitzenden, wird der größte Teil ihres Vermögens immer der Anspruch an die gesetzliche Rentenversicherung sein. Bei zum Beispiel 1000 Euro Rente im Monat auf 15 Jahre kommen hier schnell sechsstellige Beträge zusammen.

Hier sollen nicht die Folgen des Negativzinses verharmlost werden – er hat vor allem auf die Stabilität des Bankensystems katastrophale Auswirkungen -, aber eben nicht auf die Mehrheit der deutschen Sparer. Seien wir aufmerksam, wenn kleine Interessengruppen wie auch beim Thema „Spitzensteuersatz“ ein kleines, nur sie betreffendes Problem aufblasen, um sich die Unterstützung der Massen zu sichern!

Der Autor ist ehemaliger Investmentbanker.

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