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Ein Bettler in der Leipziger Fußgängerzone.
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Ein Bettler in der Leipziger Fußgängerzone.

Armutsrisiko in der EU

Wer ist arm? Kommt drauf an

  • VonStefan Sauer
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Jeder sechste Deutsche ist nach den Daten des Statistischen Bundesamts armutsgefährdet. Aber die Statistiken nähern sich der Wahrheit nur an.

Annähernd jeder sechste Deutsche war im Jahr 2010 von Armut bedroht. Mit einer Armutsquote von 15,8 Prozent lag die Bundesrepublik aber noch unter dem EU-Durchschnitt von 16,9 Prozent – zumindest rein rechnerisch. Dieser Zusatz ist bedeutsam, weil die am Mittwoch veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamts zur Armutsgefährdung in den 27 EU-Mitgliedsstaaten eines ganz deutlich zeigen: Armut ist relativ. Je wohlhabender eine Gesellschaft insgesamt ist, desto höher liegt die Einkommensschwelle, unterhalb derer eine Person als arm oder als von Armut bedroht gilt.

Als Maßstab dient dabei das sogenannte Medianeinkommen, das exakt in der Mitte der Einkommensverteilung liegt. Personen, die weniger als 60 Prozent der mittleren Einkünfte zur Verfügung haben, gelten als armutsgefährdet. Eine an sich kluge Marke, da sie den allgemeinen Wohlstand einer Gesellschaft besser abbildet als das Durchschnittseinkommen.

Doch auch die 60-Prozent-Median-Grenze hat Tücken: Derzufolge nämlich gäbe es in einer Gesellschaft, in der alle einen Euro pro Monat verdienen, keine Armut, auch wenn die gesamte Bevölkerung verhungern müsste. Umgekehrt wäre in einer Gesellschaft der Milliardäre der Millionär ein armer Hund. Arme Luxemburger?

Ärmer als Tschechen?

Die europäischen Statistiken liefern Beispiele, die näher an der Wirklichkeit liegen. So ist laut Statistik die Armutsgefährdung in der Tschechischen Republik mit 9,8 Prozent EU-weit am geringsten. Verdienen die Tschechen also mehr als zum Beispiel die Luxemburger? Geht es ihnen materiell besser? Mitnichten. Denn der Schwellenwert von 60 Prozent des Medianeinkommens lag in Tschechien 2010 bei 4?471 Euro pro Jahr. Nur wer weniger verdiente, gilt als armutsgefährdet. In Luxemburg dagegen tauchten bereits Personen in der Armutsstatistik auf, die weniger als 19?523 Euro jährlich zur Verfügung hatten. Für Deutschland lag der Schwellenwert bei 11?426 Euro und damit höher als in Großbritannien (10?283) und Italien (9?583), aber etwas niedriger als in Frankreich (11?997).

Das vielleicht krasseste Beispiel für statistische Zerreffekte ist Griechenland. Dort stieg die Armutsgefährdungsquote zwischen 2008 und 2010 um nur einen Punkt auf 21,4 Prozent an. In Wahrheit brachte die Krise zwar für weite Teile der Bevölkerung beträchtliche Einkommensverluste, doch eben deshalb sank auch das Medianeinkommen deutlich. Folge: Der Anteil der relativ Armen blieb fast konstant.

Bei gleichbleibendem Schwellenwert wäre die Armutsquote dagegen auf rund 28 Prozent gestiegen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welcher Informationsgehalt den Armutsstatistiken überhaupt zukommt. Und ob es nicht andere, möglicherweise aussagekräftigere Messgrößen gibt, um Armut zu erfassen.

Kein Grund zum Jubeln

Einen Anhaltspunkt bietet etwa das Eurobarometer der EU-Kommission. Es fußt auf Umfragen bezüglich der subjektiv empfundenen Armut. Danach bezeichnen sich nur knapp elf Prozent der Menschen in Deutschland als einkommensarm, in den skandinavischen Ländern liegt der Anteil zwischen zwei und vier Prozent. Die Armutsstatistiken weisen deutlich höhere Werte auf. Umgekehrt verhält es sich in Griechenland, wo sich ein Drittel der Befragten als arm einstuft, während nur ein Fünftel unter die offizielle Armutsgrenze fällt.

Auf eine weitere Methode der Armutsmessung macht eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aufmerksam. Dabei geht es nicht um die Höhe des Einkommens. Gefragt wird vielmehr, was die Menschen sich leisten können – und was nicht. Wer etwa regelmäßig Probleme hat, seine Miete zu begleichen, nie in den Urlaub fahren kann, die Wohnung wegen Geldmangels nicht angemessen beheizt und kein Auto besitzt, gilt als materiell depriviert, sprich: echt arm.

Andererseits kann auch das Deprivationskriterium in die Irre führen, wie IW-Experte Christoph Schröder an einem Beispiel verdeutlicht: Wer über ein gutes Einkommen verfügt, das Geld aber für teure Hobbys ausgibt, hat vielleicht Probleme mit der Mietzahlung. Arm ist eine solche Person aber deshalb nicht.

Schröder plädiert daher für eine Kombination der unterschiedlichen Armutsmaßstäbe. Werden Daten der am Median gemessenen Armutsgefährdung, der subjektiv eingeschätzten Finanzsituation und der materiellen Deprivation zusammen geführt, so ergebe sich ein aussagekräftiges Bild über das Armutsrisiko in den einzelnen Gesellschaften. Danach liegt Deutschland unter den 27 EU-Ländern auf Platz sieben der am wenigsten von Armut betroffenen Länder. Ein Grund zum Jubel ist das nicht. Aber auch kein Anlass für Depressionen.

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