+
Hat nach dem Kapitän an Bord am meisten zu sagen: Erste Offizierin Svea Harder.

Frachtschifffahrt

Der Arbeitsplatz ist die Schiffsbrücke

  • schließen

Schiffe sind nur etwas für breitschultrige Popeyes? Nicht mit Svea Harder. Die 31-Jährige fährt seit zehn Jahren zur See. Diskriminierung und dumme Sprüche inklusive. Doch davon lässt sich eine wie sie nicht abschrecken.

Die alte Kirche und der große Containerterminal – nirgendwo im Hamburger Hafen prallen Gegensätze heftiger aufeinander als im Stadtteil Altenwerder. Von dem früheren Fischerdorf an der Elbe sind nur das Gotteshaus und der Friedhof noch übrig. Der Rest ist vor Jahren einem der modernsten Umschlagplätze für Schiffscontainer in Europa gewichen.

Svea Harder kennt Altenwerder gut. „Ich bin hier groß geworden“, sagt sie, während sie am Kai steht und zu einem riesigen Containerschiff aufschaut. Heute fährt sie zur See. Ihr Schiff wird gerade mit Containern beladen.

Die 31-Jährige ist Erste Offizierin und hat nach dem Kapitän und zusammen mit dem Chefingenieur an Bord am meisten zu sagen. Die drei goldenen Schulterstreifen auf ihrer Uniform zeigen das an. Die Nautikerin ist seit zehn Jahren auf den Weltmeeren unterwegs und damit eine absolute Ausnahme. „Meistens bin ich die einzige Frau an Bord “, sagt sie.

Harder ist eine von 62 nautischen Offizierinnen in Deutschland. Das entspricht nach Auskunft des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) einem Frauenanteil von sechs Prozent. Noch geringer ist die Zahl der Kapitäninnen. 13 Frauen kommen auf 963 Männer: eine Quote von 1,3 Prozent. In Europa liegt der Anteil weiblicher Führungskräfte laut dem Europäischen Reederverband ECSA bei nur rund zwei Prozent.

Europas Schiffseigner wollen das ändern und den Arbeitsplatz auf See für Frauen attraktiver machen. Grund ist weniger der Einsatz für Gleichberechtigung als ein eklatanter Personalmangel. Ende November hat die ECSA im Schulterschluss mit der Europäischen Seeleutegewerkschaft ETF in Brüssel eine Erklärung abgegeben. „Damit die Schiffsindustrie in Europa das benötigte qualifizierte Personal rekrutieren kann und wettbewerbsfähig bleibt, ist es zwingend, maritime Karrieren für mehr Frauen attraktiv zu machen“, heißt es darin.

Svea Harder bekam die Begeisterung für die Seefahrt in die Wiege gelegt. Ihr Vater war Kapitän, ihr Großvater auch. „Es war unfassbar spannend, mit meinem Vater mitzufahren. Nach der Schule hatte ich zwar andere Optionen überlegt wie das Hotelfach oder Grundschullehrerin, aber die Seefahrt hat mich so begeistert, dass ich mich entschlossen habe, Nautik zu studieren“, erzählt sie.

Im Studium war sie nicht die Einzige. Die Ausbildungen durchlaufen mehr Frauen als später auf See zu finden sind. So machen die Seefahrtschülerinnen laut Reederverband derzeit 20 Prozent aller Azubis aus. Bei den Offiziersanwärtern stellen Frauen gut 16 Prozent. Dass davon aber nur ein Bruchteil zur See fährt, hat auch damit zu tun, dass Erfahrungen wie die von Svea Harder fehlen.

Vielen gilt die Seefahrt immer noch als absolute Männerdomäne. Geschichten von Freibeutern lassen grüßen. Doch das sei nicht zeitgemäß. „Wir müssen das aus den Köpfen kriegen“, sagt Max Johns, Geschäftsführer des Reederverbandes. „zum Beispiel den Mythos, Seeleute seien alle breitschultrige Popeyes“. Körperliche Arbeit auf den Schiffen sei zwar wichtig, aber nur ein Teil. Es gehe immer mehr um hochwertige Tätigkeiten. „Wir brauchen dafür die Frauen“, sagt Johns.

Svea Harders Arbeitsplatz ist die Schiffsbrücke, bei einem modernen Containerschiff rund 50 Meter über Deck. Von hier oben sehen die Binnenschiffe auf der Elbe wie Spielzeuge aus. Mehrere Bildschirme mit Seekarten und Daten prägen das Cockpit. Neben Fragen der Instandhaltung des Schiffes, der medizinischen Versorgung und der Überwachung der Ladung sind vor allem nautische Fähigkeiten gefragt. Es gilt etwa beim Ansteuern der Häfen frühzeitig den Tiefgang des Schiffes zu berechnen. Das ist eine komplexe Operation, in die der Verkehr, das Ladevolumen, der Wasserstand und der Kraftstoffverbrauch als wichtige Faktoren einfließen.

Doch es ist nicht unbedingt der Charakter der Arbeit, der viele Frauen vom monatelangen Schippern auf See abhält. „Eine der größten Eintrittshürden ist psychologisch: zu wissen, dass sie die einzige Frau an Bord sind“, weiß Reedervertreter Johns. Und das ist in bestimmten Regionen eine besondere Herausforderung.

„In bestimmten Häfen ist die Akzeptanz gegenüber einer Frau gleich Null“, erzählt Svea Harder. Im saudi-arabischen Dschidda habe der Lotse sich geweigert, das Schiff an den Kai zu bringen, solange sie auf der Brücke gewesen sei. Das war während ihrer Ausbildungszeit. „Das habe ich akzeptiert, damit es keinen Stress gibt“, sagt sie. Heute als Offizierin könne das der Lotse nicht mehr verlangen. Die Diskriminierung bleibe aber: „Normalerweise steuere ich die Maschine beim Anlegen und spreche mit dem Lotsen. Die letzten Male in Dschidda hat der Kapitän die Kommunikation übernommen. Der Lotse hat mich völlig ignoriert.“

Doch auch für die männliche Crew sind Frauen bisweilen noch Exoten: „Wir werden intensiver beäugt und betrachtet. Es gibt einige, die uns die Arbeit auf der Brücke nicht zutrauen, weil wir Frauen sind.“ Harder begegnet dem mit Ruhe und Beharrlichkeit. Das alleine reicht aber oft nicht aus. Frauen müssten besondere Leistungen bringen, um anerkannt zu werden. „Ich habe schon den Eindruck, mich als Frau und Führungskraft besonders beweisen zu müssen. Wenn ich mir einen Fehler geleistet habe, wissen es alle anderen an Bord. Wenn es einem männlichen Kollegen passiert, wird es schneller vergessen.“

Daran wird sich etwas ändern müssen, um mehr Frauen für die Schifffahrt zu gewinnen. „Die Branche ist in der Bringschuld“, sagt VDR-Geschäftsführer Johns. „Es müssen klare Regeln aufgestellt und die Crews geschult werden.“ Es müsse eine „Kultur des Respekts gegenüber allen Crew-Mitgliedern herrschen“, heißt es beim europäischen Reederverband. Dazu zähle, heißt es nebulös, „frauenfreundliche Einrichtungen“ an Bord zu schaffen.

Außerdem wollen die Reeder Frauen zeigen, dass die Branche auch langfristig attraktiv ist, eine Menge Jobs etwa in den Häfen anbiete. „Die Erfahrung auf dem Schiff ist unersetzlich, wenn man später an Land arbeiten will“, sagt Offizierin Harder. Das könne zum Beispiel dann der Fall sein, wenn man sich dafür entscheide, eine Familie zu gründen.

Solange werde sie aber weiter zur See fahren, auch wenn sie die einzige Frau bleibe. Und die Männer lernten auch dazu: „Die benehmen sich anders, wenn eine Frau an Bord ist. Es läuft alles gesitteter ab. Die reißen sich alle mehr zusammen.“

Und wenn es doch mal einen blöden Spruch gibt, weiß sich Harder zu helfen. „Ich kann kontern.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare