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In der Gruppe der 55- bis 65-Jährigen ist die Beschäftigung gestiegen.

Arbeitsmarkt

Nur wenige Ältere finden neue Jobs

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Die Arbeitslosenquote bei 55- bis 65-Jährigen sinkt. Doch die Chancen älterer Arbeitnehmer, einen neuen Job zu finden, stehen schlecht.

Wer die 60 überschritten hat, ist auf dem Arbeitsmarkt abgeschrieben – so schien es lange. Wollte eine Firma sparen, waren es oft diejenigen mit alten Verträgen, die als erste gehen mussten. Wer mit Ende 50 seinen Job verlor, galt als schwer vermittelbar, als Kandidat für die Langzeitarbeitslosigkeit.

Doch beim Blick auf die Arbeitslosenstatistik von 2018 entsteht der Eindruck: Diese Zeiten sind vorbei. In der Gruppe der 55- bis 65-Jährigen ist die Beschäftigung gestiegen – um 6,2 Prozent auf mittlerweile 6,3 Millionen. Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort. Ein immer größerer Teil der Älteren ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Alleine zwischen 2007 und 2017 ist die Quote um 14,4 Prozentpunkte auf 60,7 Prozent gestiegen. Ilona Mirtschin, Statistikerin bei der Bundesagentur für Arbeit, führt das auch auf die Einführung der Rente mit 67 zurück. Insgesamt mache sich vor allem der „Fachkräfteengpass“ bemerkbar: „Die Arbeitgeber sind daran interessiert, ältere Arbeitskräfte länger im Beruf zu halten.“ 

Und auch die Arbeitslosigkeit ist 2018 gesunken – um 4,6 Prozent. Die Arbeitslosenquote der 55- bis 65-Jährigen ist mit 5,7 Prozent nur noch etwas höher als der Durchschnitt aller Altersklassen, der bei 5,2 Prozent liegt. Ein Grund zum Feiern? 

Das Problem mit der Statistik 

So sieht es eine Studie der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PWC). In ihrem „Golden Age Index“ vergleicht sie seit Jahren, wie die OECD-Staaten bei der Erwerbstätigkeit Älterer abschneiden. Deutschland ist demnach zwischen 2003 und 2018 von Rang 26 auf Rang 14 geklettert – und gehörte zu den Staaten, die die größten Fortschritte gemacht haben. Die Forscher schreiben das neben der guten Konjunktur auch den Hartz-Gesetzen zu. 

Ist es also tatsächlich vorbei mit den Zeiten, in denen die Ü-55er auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt waren? Ein Blick auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die der Frankfurter Rundschau exklusiv vorliegen, zeigt: Das trifft nur auf diejenigen zu, die bereits eine Beschäftigung haben. Doch die Chancen älterer Arbeitnehmer, einen neuen Job zu finden, stehen nach wie vor schlecht: Von knapp 1,1 Millionen älteren Menschen, die im vergangenen Jahr aus der Arbeitslosenstatistik gestrichen wurden, fanden nur 222.150 eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt, 25.890 nahmen eine subventionierte Tätigkeit auf, wechselten also zum Beispiel in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, und 21.000 wurden anderswie erwerbstätig, haben sich also zum Beispiel selbständig gemacht. 

Das deckt sich mit der Erfahrung von Eileen Luther. Sie leitet im Auftrag des Jobcenters Essen das Programm „50+ Aktiv“, das zum Ziel hat, ältere Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Im vergangenen Jahr habe ihr Team 14 von 99 Menschen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen bringen können. „Und das sind mehr als wir erwartet haben.“ 

Gesundheit hat gelitten 

Doch was passiert mit den Menschen, die keine Arbeit finden? Der größte Teil, nämlich 389.490 Personen, wird wegen Arbeitsunfähigkeit nicht mehr als arbeitslos gezählt. Auch Eileen Luther erlebt in der Praxis, dass viele der Menschen, die zu ihr kommen, gesundheitliche Probleme haben. Oft sind es Folgen jahrelanger körperlicher Arbeit – oder psychische Folgen der Arbeitslosigkeit selbst: Depressionen etwa oder Bluthochdruck. 

Weitere 151.780 Menschen begannen 2018 Ausbildungen oder andere Maßnahmen. Außerdem notiert die Statistik für 219.710 Personen „Ausscheiden aus Erwerbsleben“, „fehlende Mitwirkung“ oder schlicht „Sonstiges“ als Gründe. Und dann gibt es noch die 77.060 Personen, die unter sogenannte Sonderregelungen fielen. Dahinter verbirgt sich in erster Linie der umstrittene Paragraf 53a des Sozialgesetzbuches: Wer älter als 58 Jahre ist und seit mehr als einem Jahr keine Stelle angeboten bekommen hat, gilt nicht mehr als arbeitslos.

Karl Brenke, Forscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, hält von dieser Regelung überhaupt nichts: „Sie hat keine andere Funktion als die Statistik zu schönen.“ Zwar sei die Tendenz, das Ausmaß der Arbeitslosigkeit zu verschleiern „nicht mehr so schlimm wie unter Kohl“. Aber die positiven Zahlen dürften dennoch nicht über die Realität hinwegtäuschen: „Der allergrößte Teil ist nicht aus der Arbeitslosenstatistik ausgeschieden, weil er einen Job gefunden hat.“

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