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Chemielaborantinnen bei BASF in Ludwigshafen. Das Unternehmen forscht an innovativen Materialien für die E-Mobilität.

Arbeitsmarkt

Wie im Rausch

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Nie zuvor wurde in Deutschland so viel gearbeitet wie im vergangenen Jahr. Doch reicht das, um alle Bedürfnisse zu decken?

Die Liebhaber von Evergreens können in diesen Tagen bedenkenlos mal wieder ihre Platte von Geier Sturzflug auflegen. So schön wie die Bochumer Band hat schließlich niemand ein Land im Arbeitsrausch besungen: Die Opas dringen sonntags zur Sonderschicht in die Fabrik ein; die Stechuhr stöhnt lustvoll, und der Gabelstaplerführer prahlt mit seiner Staplergabel.

Vergangene Zeiten, hätte man denken können. Konjunktur hatte zuletzt ein anderer Klassiker: die Sorge der Philosophin Hannah Arendt, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, „also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht“. Nun, so weit ist es ganz offensichtlich noch nicht, auch wenn die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung viele Bürgerinnen und Bürger beunruhigt. Immerhin erwartet die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit in ihrem aktuellen Beschäftigungsausblick, dass in Deutschland in den kommenden 15 bis 20 Jahren jeder fünfte Arbeitsplatz der Automatisierung zum Opfer fallen könnte. Viele Beschäftigte müssten Beruf und Arbeitsplatz wechseln.

Einstweilen fehlt es jedoch nicht an Arbeit. Im Gegenteil: In Deutschland wird so viel malocht wie noch nie. Im vergangenen Jahr erbrachten die Erwerbstätigen insgesamt 61,1 Milliarden Arbeitsstunden. Das entsprach einem Plus von 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelt hat. Erstmals seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1991 wurde die Schwelle von 61 Milliarden Arbeitsstunden überschritten. Einen Rekord gab es mit 44,8 Millionen auch bei der Zahl der Erwerbstätigen.

„Im Jahr 2018 verzeichnen wir die meisten Erwerbstätigen und das höchste Arbeitsvolumen seit der Wiedervereinigung“, so Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen. „Die Arbeit geht uns wahrlich nicht aus, auch wenn das oft behauptet wird.“

Ein Blick zurück zeigt, dass Arbeit, die die Maschinen übernommen haben, bislang durch neue Tätigkeiten für Menschen ausgeglichen wurde. Um Waren und Dienstleistungen im Wert von einer Million Euro zu erwirtschaften, waren 1992 ganze 28 830 Arbeitsstunden erforderlich, im vergangenen Jahr waren es lediglich noch 20 540 Stunden. Das zeigen Berechnungen der FR auf Basis von Zahlen des IAB und des Statistischen Bundesamts. Obwohl der Arbeitsaufwand also um fast 29 Prozent gesunken ist, wird heute mehr gearbeitet als damals. Die frei werdende Arbeitszeit wurde durch Mehrproduktion und neue Tätigkeiten überkompensiert. 

Gleichwohl arbeitet der einzelne Erwerbstätige heute weniger als 1992. Damals lag die durchschnittliche Jahresarbeitszeit bei 1565 Stunden, im vergangenen Jahr waren es noch 1363 Stunden. Diese Differenz von gut 200 Stunden rührt daher, dass in den vergangenen Jahren viele der neu geschaffenen Arbeitsplätze Teilzeitstellen waren. Das liegt nicht nur an den Arbeitgebern, sondern entsprach auch den Bedürfnissen vieler Beschäftigten, insbesondere Frauen, die zunehmend erwerbstätig wurden.

Am meisten arbeiten gegenwärtig die Selbstständigen und ihre mithelfenden Familienangehörigen. Sie kamen im vergangenen Jahr auf eine Durchschnittsarbeitszeit von 1915 Stunden, gefolgt von den vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmern mit 1647 Stunden und den teilzeitbeschäftigten mit 728 Stunden.

Verteilte sich das Arbeitsvolumen Anfang der 1990er Jahre auf 38,8 Millionen Personen, sind es heute 44,8 Millionen. Das ist ein Plus von 15,5 Prozent. Damit stellt sich – auch wenn gegenwärtig so viel gearbeitet wird wie noch nie – die Frage, ob es ausreicht, dass das Arbeitsvolumen im Vergleich zu 1991 nur um 1,32 Prozent gestiegen ist – oder ob eigentlich noch viel mehr Arbeit benötigt würde, um die Bedürfnisse der Menschen zu decken.

Zwei Zahlen geben darauf eine eindeutige Antwort: Die Unterbeschäftigung lag im April bei 3,2 Millionen Menschen. Mit dieser Zahl fasst die Bundesagentur für Arbeit alle Menschen zusammen, die entweder arbeitslos gemeldet sind oder wegen Krankheit oder Fortbildung kurzfristig keinen Job annehmen können und deshalb nicht als arbeitslos gezählt werden. Das Statistische Bundesamt erhob zudem für 2017, dass damals 2,4 Millionen Erwerbstätige mehr und 1,4 Millionen weniger arbeiten wollten. Auf der Basis dieser Zahlen ergibt sich ein grob geschätztes Arbeitsbedürfnis von zusätzlich mehr als 4,5 Milliarden Stunden.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat in Deutschland zuletzt 1,46 Millionen offene Jobs gezählt. Setzt man die durchschnittliche Jahresarbeitszeit an, entspricht das zwei Milliarden Arbeitsstunden. Allerdings ist das eine eher theoretische Spielerei, da in der Realität Angebot und Nachfrage nie deckungsgleich sind. Tatsächlich wird die Lücke zwischen nachgefragten und angebotenen Qualifikationen eher größer.

„Der Beschäftigungsanstieg wird in den kommenden Jahren nicht dadurch begrenzt, dass die Firmen nicht genug Arbeit anzubieten hätten, sondern dadurch, dass Arbeitskräfte knapp werden“, sagt Experte Weber.

Neue Arbeit entsteht hauptsächlich im Dienstleistungssektor. Seit 2014 sind dort laut der Bundesagentur für Arbeit 2,24 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze hinzugekommen. Damit war der Stellenzuwachs vier Mal höher als in der Produktion (plus 498 000), also zum Beispiel am Bau oder in der Industrie. Im Dienstleistungssektor entfielen von den geschaffenen Stellen 984 000 auf Fachkräfte, 560 000 auf Helfer und 698 000 auf Spezialisten und Experten. Innerhalb des Sektors gab es den stärksten Stellenzuwachs bei Verkehr und Logistik, sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen sowie in den Gesundheitsberufen. Das Arbeitsvolumen wächst also, aber die Tätigkeiten verändern sich deutlich.

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