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Die Gewerkschaft IG BCE (Bergbau, Chemie, Energie) gehört zu den erfolgreichsten Strippenziehern in der Bundeshauptstadt (Symbolfoto).
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Die Gewerkschaft IG BCE (Bergbau, Chemie, Energie) gehört zu den erfolgreichsten Strippenziehern in der Bundeshauptstadt (Symbolfoto).

Die Angst der Unternehmen

Arbeitslosigkeit sinkt, Fachkräftelücke droht

  • VonEva Roth
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Die Arbeitslosenzahlen sehen zwar gut aus: Immer mehr Leute haben einen Job. Doch dafür droht ein anderes Problem: Die Unternehmen fürchten den Fachkräftemangel.

Die Arbeitslosenzahlen sehen zwar gut aus: Immer mehr Leute haben einen Job. Doch dafür droht ein anderes Problem: Die Unternehmen fürchten den Fachkräftemangel.

So richtig zufrieden ist Dieter Hundt nicht. Der Arbeitgeberpräsident findet es zwar erfreulich, dass die Arbeitslosigkeit im August weiter gesunken ist. „Mit voranschreitender wirtschaftlicher Erholung wird aber auch immer deutlicher, dass Deutschland unter einer strukturellen Fachkräftelücke leidet“, stellt er fest. Allein im naturwissenschaftlich-technischen Bereich fehlten bereits jetzt 65000 Fachleute.

Der Mangel an Fachkräften gefährdet nach den Worten von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle die konjunkturelle Erholung. Politik und Wirtschaft müssten „frühzeitig die Weichen stellen, dass der Aufschwung nicht durch Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel in bestimmten Sektoren zum Erliegen kommt“, sagte Brüderle am Dienstag nach einem Treffen mit hochrangigen Wirtschaftsvertretern.

Tobt in Deutschland tatsächlich schon ein Kampf um kluge Köpfe? Noch nicht, doch womöglich schon bald, sagen Arbeitsmarktexperten: Gäbe es bereits einen massiven Mangel an Ingenieuren, müssten die Einkommen jetzt schon stark steigen, meint Timo Baas vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Sabine Klinger, Leiterin des IAB-Forschungsbereichs Prognosen und Strukturanalysen, weist zudem auf den hohen Anteil teilzeitbeschäftigter Frauen in Ostdeutschland hin, die gerne länger arbeiten würden, aber keine Vollzeit-Stelle fänden.

Die Situation könnte sich auf mittlere Sicht verschärfen, wenn Politik und Wirtschaft nicht reagieren: Denn in fünf bis zehn Jahren sei mit einem „Einbruch des Erwerbspersonen-Potenzials“ zu rechnen, weil dann die Babyboomer-Generation nach und nach in Rente gehe. Zudem sinke die Zahl der Schulabgänger, sagt IAB-Volkswirtin Klinger. Dies gilt insbesondere für Ostdeutschland. Dort werden künftig jährlich nur noch 100000 bis 120000 junge Menschen die Schule verlassen – Anfang des Jahrzehnts waren es etwa doppelt so viele. Im Westen dürfte es zeitversetzt eine ähnliche Entwicklung geben.

Betriebe erwarten insbesondere im Sozial- und Gesundheitsbereich Engpässe, das zeigen Umfragen des IAB. Auch bei den oft genannten Ingenieuren und IT-Leuten könnte die Lage kritischer werden. Als Mittel gegen den Fachkräftemangel sind zurzeit eine Reihe von Instrumenten in der Debatte: Brüderle fordert zusammen mit Arbeitgeberpräsident Hundt, Fachkräften aus dem Ausland die Einreise zu erleichtern. Zudem müssten Frauen und Ältere besser in den Arbeitsmarkt integriert werden, verlangt Hundt. Die FR hat sich die Vorschläge genauer angesehen und bewertet (siehe Texte unten).

Jobchancen spürbar besser

Schaut man sich die aktuelle Lage an, so haben sich die Jobchancen von einer Gruppe spürbar verbessert, die in der Fachkräftedebatte nicht auftaucht: Die Zahl der Leiharbeiter ist im Jahresvergleich um 174000 gestiegen, berichtet die Bundesagentur für Arbeit. Aber auch im Sozial- und Gesundheitswesen wurde das Personal kräftig aufgestockt.

Die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen ist im August auf 3,18 Millionen Menschen gesunken, das sind rund 280000 Jobsuchende weniger als vor einem Jahr und 4000 weniger als im Vormonat. Die Arbeitslosenquote blieb im Monatsvergleich stabil bei 7,6 Prozent. In Ostdeutschland gab es saisonbereinigt rund 988000 Erwerbslose – damit sank die Zahl erstmals seit Anfang der 1990er Jahre unter die Grenze von einer Million.

Das „exorbitant starke Wachstum“ der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal sei ein Grund für den Rückgang, sagt Hans-Ulrich Brautzsch, Arbeitsmarktexperte beim Institut für Wirtschaftsforschung Halle, der FR. Zudem macht sich das sinkende Arbeitskräfteangebot bemerkbar: Viele Menschen sind in den Westen umgezogen, und die Zahl der Geburten ist nach der Vereinigung drastisch gesunken Auch Brautzsch prophezeit, dass die „Überalterung“ in Ostdeutschland mittelfristig zu einem Fachkräftemangel führen wird.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Möglichkeiten es gibt, den Fachkräftemangel zu bekämpfen?

Welche Möglichkeiten gibt es, den Fachkräftemangel zu bekämpfen?

Mehr Frauen in die Betriebe

Frauen müssen besser in den Arbeitsmarkt integriert werden, fordert Arbeitgeberpräsident Hundt. Die Erwerbsbeteiligung ist nicht mehr großartig zu steigern, denn viele Frauen haben einen Job, sagt IAB-Arbeitsmarktforscherin Sabine Klinger. Allerdings arbeitet etwa die Hälfte Teilzeit oder in einem Minijob. Wenn also mehr Frauen auf Vollzeit wechseln, könnte man – etwa im Sozialwesen – einen Fachkräfte-Mangel vorbeugen. Doch wollen Beschäftigte das überhaupt? Einige schon, vor allem in Ostdeutschland. Dort wünschen sich 50 Prozent der Teilzeit-Frauen eine volle Stelle. Hier ist es also klar Sache der Unternehmen, die viel beschworenen Potenziale der Frauen stärker zu nutzen. In Westdeutschland wollen immerhin zwölf Prozent länger arbeiten. Die Job-Lust dürfte größer werden, wenn es eine bessere Kinderbetreuung gibt. Hier tut der Staat einiges. Aber auch Firmen können Kitas einrichten – und flexiblere Arbeitszeit-Modelle anbieten.

Längere Arbeitszeiten

Ein triviales Instrument, um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen, ist die Verlängerung der Arbeitszeit. Das kann zum einen durch eine längere Lebensarbeitszeit erfolgen, zum anderen über den Stopp des Trends zu immer mehr Teilzeitstellen. Selbst die Verkürzung des Jahresurlaubs wird von Arbeitgebervertretern schon gefordert. Der Effekt ist aber erst einmal der, dass durch die längere Arbeitszeit weniger Leute beschäftigt werden. Langfristig kann dadurch in einzelnen Berufen dem Fachkräftemangel begegnet werden. Die längere Lebensarbeitszeit kann wiederum über ein späteres Ausscheiden aus dem Berufsleben oder durch einen früheren Eintritt erfolgen. Letzteres hängt eng mit der Schulpolitik zusammen. So treten jetzt erstmals Schüler in einem Bundesland (Hamburg) nach verkürzter Schulzeit (G-8-Modell) auf den Arbeitsmarkt. Da es sich um zwei Jahrgänge handelt, gibt es zunächst entsprechend mehr Schulabgänger.

Rente mit 67

Die Rente mit 67 soll nach dem Willen der SPD erst kommen, wenn mehr als die Hälfte der Älteren noch einen Job haben. Derzeit sind es erst 21 Prozent der über 60-Jährigen. Sie profitieren zwar auch etwas vom neuen Aufschwung, aber längst nicht in dem Maße wie jüngere Jahrgänge. So bleibt die Zahl der älteren Arbeitslosen (50 bis unter 65 Jahre) bei rund 900000 konstant, ihr Anteil an allen Arbeitslosen ist mittlerweile auf gut 28 Prozent gestiegen. In der Gruppe der 55 - bis 65-jährigen ist die Arbeitslosigkeit binnen Jahresfrist sogar um sechs Prozent auf mehr als eine halbe Million gestiegen. Das bedeutet, dass unter den Beschäftigten in Deutschland derzeit eher weniger als mehr Senioren zu finden sind. Wenn die Unternehmen tatsächlich mehr ältere Beschäftigte in ihren Betrieben halten wollen, müssen sie ihre Personalpolitik also radikal ändern ? im eigenen Interesse.

Mehr Ausbildungsplätze

Der heutige 1.September bedeutet für eine halbe Million Jugendlicher den Einstieg in das Berufsleben. Die endgültige Bilanz liegt noch nicht vor, doch schon jetzt lässt sich sagen, dass es erstmals etwas weniger Bewerber als im Vorjahr gibt – wobei der Rückgang allein den Osten betrifft. Dort treten jetzt die geburtenschwachen Jahrgänge nach der Wende zum beruflichen Start an. Im Westen steigt dagegen die Zahl der Bewerber weiterhin. Mitte August waren noch 153000 Bewerber unversorgt und 103000 Stellen unbesetzt. Diese Lücke dürfte sich noch etwas schließen. Um den Nachwuchs zu sichern, fördern einzelne Firmen bereits Jugendliche aus sozialen Brennpunkten, berichtet der Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Solche Ansätze müssten an Breite gewinnen. Noch wichtiger ist, dass das Bildungssystem Migranten nicht länger benachteiligt. 2007 haben 16 Prozent der ausländischen Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verlassen.

Beschäftigte weiterbilden

Bei der Weiterbildung tun viele Betriebe schon einiges. Die Arbeitgebervereinigung BDA spricht denn auch von einem „umfassenden Engagement“. Allerdings gibt es auch Schwachstellen. Zwar ist es für größere Firmen selbstverständlich, einen Teil der Belegschaft fortzubilden: Mehr als 90 Prozent der Betriebe mit mehr als 250 Beschäftigten geben an, Qualifizierungs-Angebote zu machen. Im Durchschnitt aller Betriebe sind es aber nur 49 Prozent. Vor allem Firmen mit weniger als zehn Beschäftigten fallen hier negativ auf. Hinzu kommt, dass oft vorrangig diejenigen Arbeitnehmer in den Genuss von Kursen kommen, die ohnehin schon gut ausgebildet sind. Unqualifizierte oder prekär Beschäftigte gehen häufig leer aus. Auch Ältere weiterzubilden, erscheint vielen Firmenchefs offenbar noch abwegig: Nur sieben Prozent der Betriebe beziehen Ältere in die Qualifizierung ein. Das zeigt das IAB-Betriebspanel, das rund 16000 Firmen nach ihrem Engagement gefragt hat. Wenn Arbeitnehmer länger arbeiten sollen, dann müssen sie künftig natürlich auf dem Laufenden gehalten werden.

Ausländer rein!

Wir werden ohne Fachkräfte aus dem Ausland unseren Wohlstand nicht halten können“, sagt Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Der FPD-Politiker will deshalb mehr Bürgern außerhalb der EU ermöglichen, in Deutschland zu arbeiten. Bisher gilt: Wenn Hochqualifizierte aus Asien oder Südamerika einen deutschen Arbeitsvertrag mit einem Jahreseinkommen von mindestens 66000 Euro vorweisen können, erhalten sie eine unbegrenzte Arbeitserlaubnis. Diese Einkommensschwelle will Brüderle senken. Kritiker warnen, die Debatte auf diese Regelung zu verengen. So gibt es für Ausländer auch andere Wege, nach Deutschland zu kommen: So bekommen Akademiker aus den neuen EU-Staaten und aus anderen Kontinenten eine Arbeitserlaubnis, wenn kein Inländer für den Job zu finden ist. Und Bürger aus der alten EU dürfen sowieso in Deutschland eine Stelle annehmen.

Bislang hält sich die Zahl der Einwanderer in Grenzen. 547 Personen sind im vorigen Jahr über die 66000-Euro-Regelung nach Deutschland gekommen, so das Arbeitsministerium. Zudem kamen 10700 Fachkräfte aus Ländern, die nicht zur alten EU gehören. „Deutschland ist nicht so attraktiv“, meint der Forscher Timo Baas vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Viele Akademiker gehen lieber in englischsprachige Länder. Teils sind dort auch die Löhne höher. In Deutschland erhalten Migranten laut Baas meist etwas 20 Prozent weniger Geld als Inländer mit vergleichbarer Tätigkeit. Der Forscher ist deshalb überzeugt: Wenn man Zuwanderung will, muss die Politik ein umfassendes Konzept entwickeln.

Gleichzeitig müssen Unternehmen aktiv werden und etwa im Ausland um qualifizierte Leute werben. Aber brauchen wir überhaupt mehr Beschäftigte aus nicht-europäischen Ländern? Das ist auch unter Fachleuten umstritten. Selbst Befürworter sagen jedoch: Die Zuwanderung wird unsere Probleme nicht lösen. Wir müssen uns mehr um Frauen, Migranten und Ältere kümmern, die schon hier leben.

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