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Homeoffice ermöglicht Flexibilität.

Homeoffice

„Die Arbeitskulturen verändern sich“

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    Rasmus Buchsteiner
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Staatssekretär Björn Böhning über eine höhere Wertschöpfung durch mehr Flexibilität.

Herr Böhning, Sie wollen per Gesetz ein Recht auf Homeoffice schaffen. Wie soll das denn zum Beispiel bei einem Handwerker oder einer Kassiererin funktionieren?
Was wir wissen, ist, dass 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland laut einer DIW-Studie von zu Hause aus arbeiten könnten. Nur zwölf Prozent tun das. Wir sind also noch weit entfernt von dem, was möglich ist. Klar ist aber auch: Für 60 Prozent der Beschäftigten ist Homeoffice nicht machbar. Ein Krankenhauspfleger etwa kann seine Patienten nicht von zu Hause aus pflegen. Daran wollen und werden wir natürlich nichts ändern.

Wozu dann Ihr Gesetzesvorhaben?
Alle, die zumindest gelegentlich genauso gut von zu Hause aus arbeiten könnten, sollen bessere Möglichkeiten erhalten, das auch zu tun.

Mit Ihrem Gesetz wollen Sie die Beweislast umkehren: Künftig soll der Arbeitgeber darlegen müssen, warum Homeoffice für einen Beschäftigten nicht möglich ist. Nehmen Sie bestimmte Branchen oder Tätigkeiten von dieser Regelung aus?
Wir werden einen Autohersteller jedenfalls nicht dazu zwingen, schriftlich darzulegen, dass ein Wagen nur in der Werkhalle montiert werden kann. Das wäre auch absurd. Es wird eine klare Regelung geben, die das Recht auf mobile Arbeit auf diejenigen Fälle beschränkt, in denen Homeoffice im Hinblick auf den Arbeitsmitteleinsatz auch außerhalb des Betriebs wirklich möglich ist. Im Übrigen werden wir den Tarifparteien nicht die Möglichkeit nehmen, die Dinge selbst zu regeln. Im Gegenteil: Wir setzen darauf, dass sie das tun.

Viele Unternehmer befürchten ein Übermaß an Bürokratie.
Wir werden unbürokratische Lösungen finden. Aber es ist doch auch so: Der Arbeitsmarkt verändert sich. Wir sind auf dem Weg in eine Vollbeschäftigungsgesellschaft. Unternehmen müssen attraktiv für Beschäftigte sein. Viele Personaler erleben das längst, wenn begehrte Fachkräfte danach fragen, wie es um die Kinderbetreuung oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestellt ist.

Bekommen Arbeitnehmer, wo es möglich ist, das Recht, ganz zu Hause zu arbeiten – oder gilt das nur für einen oder zwei Tage die Woche?
Dazu werden wir im Gesetz nichts vorschreiben. Diese Fragen müssen Arbeitnehmer und Arbeitgeber untereinander regeln. Uns geht es vor allem um Folgendes: Wenn ein Beschäftigter von zu Hause aus arbeiten will, muss der Arbeitgeber darüber in einen echten Dialog mit ihm treten.

Was bringt Homeoffice den Unternehmern?
Die Arbeitskulturen verändern sich. Heute zählt nicht mehr die bloße Präsenz, sondern das Ergebnis. Außerdem wird zunehmend projektweise in Teams gearbeitet, dank moderner Kommunikationsmittel funktioniert dies sogar über Ländergrenzen hinweg. Diese Flexibilität – genauso wie motivierte Beschäftigte – erhöht die Wertschöpfung.

Zur Person:
Björn Böhning, 40, ist Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Rechtliche Fragen

Kann ich als Arbeitnehmer verlangen, dass mein Arbeitgeber Homeoffice-Arbeit duldet?
Bisher nicht. Jeder Arbeitnehmer muss prinzipiell an einer vom Arbeitgeber bestimmten „Betriebsstätte“ arbeiten. Homeoffice-Klauseln können aber in den Arbeitsvertrag oder in eine Betriebsvereinbarung aufgenommen werden.

Kann mein Arbeitgeber verlangen, dass ich mich als Arbeitnehmer ins Homeoffice zurückziehe?
Ebenfalls nein. Das Weisungsrecht des Arbeitgebers geht nicht so weit, dass er die Arbeitnehmer in Heimarbeit zwingen darf, etwa wegen fehlender Büroflächen im Betrieb. Widerspricht in diesem Fall der Arbeitnehmer, ist eine Kündigung wegen Arbeitsverweigerung unwirksam (LAG Berlin-Brandenburg, 19.10.2018, 17 Sa 562/18)

Sind Mindeststandards bei der technischen Einrichtung des Telearbeitsplatzes zu beachten?
Ja. Bei regelmäßiger Arbeit zu Hause gelten die Vorschriften der Arbeitsstättenverordnung für Telearbeitsplätze. Zum Beispiel dürfen „Bildschirmgeräte ohne Trennung zwischen Bildschirm und externem Eingabemittel“ – etwa iPads – nur kurzfristig betrieben werden. Die Regelungen verlangen Tageslicht und „eine Sichtverbindung nach außen“.

Gelten im Homeoffice die neuen Datenschutzbestimmungen?
Ja. Auch an Telearbeitsplätzen, die in privaten Wohnungen installiert sind, müssen beim Umgang mit personenbezogenen Daten die Datenschutzbestimmungen beachtet werden. Hinzu kommen oft noch privatrechtliche Verabredungen zwischen dem Arbeitgeber und seinen Kunden. Manche Arbeitgeber lehnen aus diesem Grund Telearbeit ab. Andere bieten Onlinelösungen für Verschlüsselungen und sicheres Speichern, begleitet von Vorschriften zum Abschließen von Büros und Schränken. (Matthias Koch)

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