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Geplante Wegfall der Zuverdienstgrenze: Arbeiten und Rente kassieren

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Von: Wolfgang Mulke

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Die Kombination von vorzeitigem Ruhestand und normaler Beschäftigung kann lukrativ sein. Das ermöglicht der geplante Wegfall der Zuverdienstgrenze.

Frankfurt – Viele Arbeitsplätze sind anscheinend wenig attraktiv oder verschleißen die Beschäftigten frühzeitig. Das könnte eine Erklärung für den Trend zur Frühverrentung sein. Ein Viertel Neurentnerinnen und Neurentner ist nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen, bevor die Altersgrenze erreicht wurde. Dafür nahmen sie deutlich weniger Rente in Kauf. Andere Arbeitnehmer:innen halten dagegen durch, weil sie auf das Einkommen und die volle Höhe der Rente angewiesen sind. Doch es gibt Gestaltungsmöglichkeiten für den Übergang ins Rentenalter.

Die Ampel-Koalition aus SPD, Grüne und FDP will mit der Abschaffung der Zuverdienstgrenze bei einem vorzeitigen Ruhestand den Übergang vom Arbeits- ins Rentenleben flexibilisieren. Vor Beginn der Corona-Pandemie durften Frührentner:innen nur 6200 Euro nebenher verdienen, ohne dass ihr Einkommen auf die Rente angerechnet wurde. Während der Pandemie wurde die Grenze auf 46.060 Euro angehoben. Nun soll sie dauerhaft ganz gestrichen werden. Derzeit berät der Bundestag das Gesetz, das im kommenden Jahr in Kraft treten könnte.

Die Änderung schafft in der Praxis Raum für eine neue Strategie: Es wird möglich, schon eine Rente zu kassieren und trotzdem weiter Vollzeit zu arbeiten als Rentner:in. So können Versicherte zum frühestmöglichen Zeitpunkt in Rente gehen. Das ist der Fall, wenn sie 35 Jahre lang Pflichtbeiträge entrichtet haben und mindestens 63 Jahre alt sind. Dann müssten sie eigentlich bis zu 14,4 Prozent Abschläge auf ihre Rente hinnehmen. Doch wenn sie die Abschläge durch freiwillige Renten-Einzahlungen ausgleichen, entfällt dieser Malus. In diesem Fall arbeiten sie normal in ihrem Beruf weiter, bekommen aber schon Rente.

Ein Senior arbeitet in seiner Elektronik-Werkstatt.
Die Bundesregierung will mit der Abschaffung der Zuverdienstgrenze bei einem vorzeitigen Ruhestand den Übergang vom Arbeits- ins Rentenleben flexibilisieren. © Dwi Anoraganingrum/Imago Images

Frührente und weiter arbeiten: Abschläge durch freiwillige Renten-Einzahlungen ausgleichen

Das zusätzliche Einkommen muss dem Arbeitgeber nicht einmal gemeldet werden. Der Betrieb überweist ja weiterhin die regulären Rentenbeiträge für den Lohn oder das Gehalt. Das verstärkt die Wirkung der Strategie, denn damit steigt auch die Rente weiter an, die nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze gezahlt wird. Bis dahin erhalten die „Teilrentner“ monatlich neben ihrem Arbeitsentgelt schon mal eine Rente und bekommen später auch noch mehr heraus.

Möglich ist dieser Weg auch ohne freiwillige Ausgleichszahlungen. Ob es dann auch ein finanzieller Vorteil ist, hängt von der Lebensdauer ab. Stirbt jemand vergleichsweise früh, fährt er mit dieser Strategie besser, bei einer langen Lebensdauer schlechter. Ein Problem für die älteren Beschäftigten sind die hohen Abschläge bei der Frührente. Für jeden Monat vor der Regelaltersgrenze zieht die Rentenversicherung 0,3 Prozent von der Rente ab. Wer also drei Jahre früher aufhören will, bekommt 10,8 Prozent weniger heraus. Aus einem Rentenanspruch von 1200 Euro wird einer von 1070 Euro.

Die gesetzliche Altersrente orientiert sich am Durchschnittseinkommen aller Versicherten. Doch ab wann spricht man von einer guten Rente?

Schon länger gibt es allerdings die Möglichkeit, die Abschläge durch freiwillige Beitragszahlungen auszugleichen. Das ist ab einem Alter von 50 Jahren möglich, sodass die vergleichsweise hohe Zahlung auch scheibchenweise eingezahlt werden kann. Wie lukrativ diese Strategie in Euro und Cent ist, hängt vom Einzelfall ab. Denn die Rentenzahlung ist zum Beispiel steuerpflichtig. Gut verdienende Arbeitnehmer:innen müssen sich darauf einstellen, dass auf die vorzeitige Rente der Spitzensteuersatz erhoben wird. Auch könnten Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung der Rentner:innen fällig werden.

Eine Beispielrechnung zeigt, welche Faktoren zum Tragen kommen. Eine Versicherte hat einen Rentenanspruch von 1200 Euro erarbeitet. Sie will schon drei Jahre früher eine Rente beziehen und den fälligen Abschlag von 129,60 Euro durch freiwillige Beiträge ausgleichen. Das kostet sie 29.185,70 Euro, die sie über mehrere Jahre verteilt an die Rentenkasse überweist. Im Gegenzug erhält sie drei Jahre lang zusätzlich monatlich 1200 Euro, also 43.200 Euro insgesamt. Davon gehen Steuern und gegebenenfalls Sozialabgaben ab. Die Höhe hängt von ihrem weiteren Einkommen ab. Zudem kann sie die Raten für den Ausgleich des Abschlags von der Steuer absetzen. Unter dem Strich sollte sich der Weg für sie lohnen.

Frührente und weiter arbeiten: Rentenpunkte dieses Jahr recht günstig

Die Höhe der Sondereinzahlungen entpuppt sich bei genauer Rechnung als gar nicht mehr so hoch. Denn die Beitragszahlung kann von der Steuer abgesetzt werden. Angenommen, ein Versicherter verteilt die Gesamtsumme auf drei Jahre und überweist in diesem Jahr freiwillige Beiträge in Höhe von 10.000 Euro an die Rentenkasse. Dann spart er oder sie je nach individuellem Tarif zwischen 1316 Euro und 3948 Euro bei der Einkommensteuer. Für die Altersvorsorge gilt in diesem Jahr der Höchstbetrag von 25.639 Euro. Davon geht noch die reguläre Aufwendung für die Rentenbeiträge ab. Und das Finanzamt erkennt 2022 nur 94 Prozent der Sonderzahlung steuermindernd an. Erst ab 2023 kann der volle Betrag geltend gemacht werden.

Die Regelung ist nicht nur für jene Beschäftigten geeignet, die tatsächlich früher Rente erhalten wollen. Sie ist auch für jene attraktiv, die bis zur Regelaltersgrenze von – je nach Jahrgang – bis zu 67 Jahren ganz normal im Berufsleben bleiben wollen. Denn wer freiwillige Beiträge für mögliche Abschläge leistet, ist nicht verpflichtet, auch tatsächlich vorzeitig einen Rentenantrag zu stellen. Das Geld gibt es dann nicht zurück, sondern es bewirkt einen höheren Rentenanspruch. Aus 1200 Euro werden im Beispielfall rund 1330 Euro. Das kann zum Beispiel für jene attraktiv sein, die ihr Erspartes oder einen Teil davon lieber in die gesetzliche Rente investieren als in den Kapitalmarkt. Viele Sparer:innen erhalten vor dem Ende des Berufslebens eine Lebensversicherung ausbezahlt oder haben eine höhere Summe geerbt. Für sie ist das Modell eine Alternative zu risikoreicheren Anlagen.

Die Höhe der notwendigen Zahlung ändert sich von Jahr zu Jahr. Wie teuer der Ausgleich von Abschlägen tatsächlich ist, errechnet die Rentenversicherung individuell auf Antrag.

Und noch ein Tipp zum Schluss. Wer freiwillige Beiträge leisten will, kann dies in diesem Jahr besonders günstig tun. Denn der Wert eines für die Rentenberechnung maßgeblichen Rentenpunktes ist aufgrund der schlechten Lohnentwicklung im Corona-Jahr 2020 besonders günstig. Er beträgt in diesem Jahr 7235,59 Euro. Im kommenden Jahr kostet ein Rentenpunkt mit 8063,29 Euro gut 800 Euro mehr. (Wolfgang Mulke)

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