Von Blutdruck bis Lungenfunktion: Im mobilen Labor können knapp 60 Gesundheitsparameter analysiert werden. wellabe
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Von Blutdruck bis Lungenfunktion: Im mobilen Labor können knapp 60 Gesundheitsparameter analysiert werden. 

Start-Up

Arbeiten bis der Arzt kommt

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Ein Fitnesscheck in der Firma mit anschließender Videosprechstunde – damit ist das Start-up Wellabe erfolgreich. Nicht nur Beschäftigte, auch die Unternehmen profitieren.

Regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung? Davor drücken sich viele lieber. Vor allem Männer. Mit der Folge, dass potenziell chronische Krankheiten wie Rückenschmerzen oder Diabetes oft nicht rechtzeitig erkannt und therapiert werden. Wenn der Arztbesuch aus Bequemlichkeit ausbleibt, dann kann der Check ja am Arbeitsplatz stattfinden. Darauf basiert die Geschäftsidee des Medizin-Start-ups Wellabe. Und das mit Erfolg. Während es vom ersten auf das zweite Quartal für viele Firmen steil bergab ging, hatten die Münchner „über 300 Prozent mehr Anfragen von Kunden“, wie Sebastian Dünnebeil berichtet.

Er ist Mitgründer des Jungunternehmens, das mittels mobilem Labor die Belegschaft von Firmen im Betrieb testet und jeden einzelnen Mitarbeiter dann per Videochat von einem Arzt beraten lässt.

„Das Thema Gesundheit hat eine andere Priorität bekommen“, erklärt der Informatiker die gesteigerte Nachfrage. Firmen wollten zeigen, dass sie sich um das Wohlergehen ihres Personals sorgen und es so enger an sich binden. In einer alternden Gesellschaft sei es zudem gut, ein zumindest grobes Bild über den Gesundheitszustand der Belegschaft zu bekommen, um rechtzeitig gegensteuern zu können.

Wellabe-Gründer Dünnebeil (links) und Theodossiou.

Denn viele Menschen kennen ihren Gesundheitsstatus nicht und ignorieren oft Symptome. Gerade jeder zehnte bis zu 34-Jährige geht hierzulande regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen. Bei den bis zu 59-Jährigen steigert sich das nur auf knapp ein Fünftel, während es bei Frauen rund jede zweite ist.

Wellabe analysiert knapp 60 Gesundheitsparameter vom Blut und Lungenfunktion über Gewicht und Körperfettanteil bis zum Stresslevel von Mitarbeitern. Die Untersuchten werden anschließend in einem Arztgespräch per Videochat über die Ergebnisse im Detail informiert und erhalten, wenn nötig, individuell per App digitale Präventionsprogramme. Schon mit einer anderer Ernährung oder mehr Bewegung lasse sich oft viel erreichen, sagt Dünnebeil.

Digitale Gesundheitsangebote

Wellabe ist 2018 von Sebastian Dünnebeil und Michael Theodossiou gegründet worden. Dünnebeil ist auf medizinische Informatik spezialisiert und hat an der TU München studiert. Theodossiou hat früher für einen Krankenversicherer gearbeitet. Die beiden halten noch die Mehrheit an Wellabe, zwei Wagniskapitalgeber die restlichen Anteile. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 20 Mitarbeiter – davon drei Ärzte – und operiert noch nicht in der Gewinnzone.

Vorbilder sind die beiden US-Firmen Forward und Omada Health. Hierzulande ist Wellabe nach eigenen Angaben das erste Unternehmen, das mobile Labordiagnostik in Verbindung mit digitaler Beratung und Konsultation eines Arztes anbietet. Mit Amazon, Bahn oder Allianz hat Wellabe schon namhafte Kunden gefunden. Digitale Gesundheitsangebote sind derzeit gefragt. Videosprechstunden boomen. Gesundheitsapps zahlt bald die Kasse.

Arbeitgeber bekämen keine Information über einzelne Mitarbeiter, sondern nur anonymisierte Auskünfte wie den Anteil ihrer Belegschaft mit überhöhtem Blutdruck, bedenklichen Cholesterinwerten oder Burnout-Symptomen.

Inklusive dem Ausfüllen von Fragebogen und einem Arztgespräch dauert ein Gesundheitscheck pro Person rund 45 Minuten. Die Resultate belegen Handlungsbedarf. „Rund ein Viertel schicken wir zum Arzt“, stellt Dünnebeil klar. In diesen Fällen seien die ermittelten Werte so schlecht, dass eine Behandlung dringend empfohlen wird. 40 Prozent der untersuchten Männer hätten zu hohen Blutdruck, oft ohne das zu wissen. Andere würden ahnen, dass was nicht stimmt, bräuchten es aber schwarz auf weiß, um aktiv zu werden. 14 Prozent aller Untersuchten seien krankhaft fettleibig. Viele aus solchen Befunden resultierende Zivilisationskrankheiten ließen sich mit Vorbeugung gut vermeiden, sagt der Wellabe-Mitgründer.

Seinem Unternehmen gelingt es offenbar, Vorbehalte oder die Bequemlichkeit des Einzelnen zu überwinden. „Wir erreichen rund die Hälfte der Männer und mehr als die Hälfte aller Frauen in einem Betrieb“, sagt Dünnebeil. Speziell bei Männern ist das ein Vielfaches derer, die regelmäßig zum Hausarzt gehen. Die Idee, den Arztbesuch am Arbeitsplatz zu absolvieren und damit dort, wo Menschen einen Großteil des Tages verbringen, fruchtet offenkundig.

Rund 10 000 Beschäftigte in Betrieben von Kiel bis Rosenheim hat das 20-köpfige Wellabe-Team bislang getestet. Pro Person koste das deutlich unter 100 Euro, selbst wenn alle 60 möglichen Parameter untersucht werden, sagt Dünnebeil. Manchmal würden die Kosten auch anteilig oder komplett von einer Krankenkasse übernommen. Eine bundesweite Regelung für mobile Gesundheitschecks im Betrieb gebe es aber nicht. Wo die Kasse nicht zahlt, übernehmen Arbeitgeber die Kosten.

Vor der Pandemie seien Anfragen für Gesundheitschecks im Betrieb in der Regel von Personalabteilungen gekommen, erinnert sich Dünnebeil. Jetzt beschäftige sich damit meistens die oberste Führungsebene. „Ein Paradigmenwechsel zeichnet sich ab“, sagt der Wellabe-Gründer. „Wir können davon ausgehen, dass der Arztbesuch der Zukunft sich maßgeblich verändert und nicht mehr nur in Arztpraxen stattfinden kann“, ergänzt Mitgründer Michael Theodossiou.

Aus aktuellem Anlass bieten die Münchner auch Corona-Antikörpertests an, die pro Person 50 Euro extra kosten. Erster Kunde dafür war die Volks- und Raiffeissenbank (VR) Ostalb im baden-württembergischen Aalen. „Wir waren einer der Landkreise, die anfangs stark vom Virus betroffen waren, weil wir Busreisen nach Ischgl hatten“, erzählt VR-Personaler Benjamin Novilla. Die Ergebnisse dieser Spezialuntersuchung lägen noch nicht vor. Aber Wellabe habe man schon zum zweiten Mal im Haus, weil hier die Teilnahmequoten verglichen mit anderen Aktionen zum Gesundheitsmanagement im Betrieb am höchsten seien. 80 in den beiden Hauptfilialen angebotene Tests seien schnell komplett ausgebucht gewesen.

Man wolle Mitarbeitern etwas Attraktives bieten und die Arbeitskraft erhalten, sagt der Personalexperte zu den Gründen der Checks. Vorigen Oktober seien zum Beispiel hohe Cholesterinwerte auffällig gewesen. „Da haben wir eine Gesundheitsberaterin gebucht“, erklärt Novillo. Auch ein Anti-Stresstraining sei geplant, aber bis dato leider der Pandemie zum Opfer gefallen.

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