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Apple startet Musik-Streaming

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Von: Arne Löffel

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Hören sie alle die gleiche Musik oder jeder seine eigene? Auf jeden Fall geht es bei den Silent Discos wie hier im kalifornischen Napa leise zu.
Hören sie alle die gleiche Musik oder jeder seine eigene? Auf jeden Fall geht es bei den Silent Discos wie hier im kalifornischen Napa leise zu. © Imago

Während Streaming-Dienste wie Spotify Kunden den Zugang zu Musik erleichtern, müssen Künstler um faire Entlohnung kämpfen. Nun startet auch Apple mit einem Musikstreaming-Dienst.

Das Angebot der Musik-Streamingdienste erscheint schon fast unmoralisch: Gebt uns Euer Geld – etwa zehn Dollar im Monat – und wir geben Euch dafür Musik. Wir geben Euch mehr Musik, als Ihr jemals werdet anhören können. Nicht eine spezielle Musik, sondern „die“ Musik, die ganze Musik. Abgesehen davon, dass dies natürlich ein Spottpreis für ein ganzes kulturelles Genre wäre, ist die Behauptung auch maßlos übertrieben.

Tatsächlich sind Streamer wie Spotify und der heute in den deutschen Markt stoßende Dienst von Apple, die Musik nicht zum Speichern, sondern zum direkten Abhören auf Computern oder mobilen Endgeräten via Internet vertreiben, weit davon entfernt, auch nur annähernd auf ein vollkommenes Musikarchiv zurückgreifen zu können. Angeboten wird vor allem, was in den Hitparaden läuft und damit einem breiten Publikum gefällt. Kritiker sagen: Wer Streamingdienste abonniert, der hört auch das, was im Radio so läuft.

Einer, den das besonders stört, ist Sänger und Autor Sven Regener, bekannt geworden mit seiner Band „Element of Crime“. Als „Ein-Euro-Shop“ der Musik bezeichnete er Streamingdienste im „Bayerischen Rundfunk". Das neue Album der Band sucht man bei Spotify vergebens. Sie wollten nicht, dass ihre Platte „einfach so aus Zufall abgenudelt wird“, begründete Regener den Schritt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Auch andere deutsche Künstler wie Farin Urlaub oder Herbert Grönemeyer haben ihre Werke ausdrücklich nicht fürs Streamen zur Verfügung gestellt.

Prominentestes Beispiel der Streaming-Verweigerer ist Taylor Swift. Der US-Megastar entzog Marktführer Spotify im November die Rechte für sein aktuelles Album. Nicht wegen grundsätzlicher Bedenken der Beliebigkeit, sondern weil Swift sich nicht fair bezahlt fühlte. Dabei hört sich der Deal gar nicht schlecht an: Sechs Millionen US-Dollar hat Spotify im Jahr 2014 nach eigenen Angaben an Swifts gezahlt.

Für Streamingdienste ist der Ausstieg solcher Top-Stars wie Swift eine Katastrophe. Wenn die Nutzer den Eindruck gewinnen, dass die Stars mit ihren aktuellen Hits bei den Streamern gar nicht vertreten sind, dann wird der Service uninteressant. Kein Wunder also, dass Swift mit ihrer Androhung, auch Apple das aktuelle Album für den jüngst gestarteten Streamingdienst zu versagen, den Giganten empfindlich getroffen hat.

Abrufe bestimmen Live-Gagen

Allerdings besteht das Angebot von Streaming-Diensten nur zu einem geringen Teil aus absoluten Top-Stars. Die breite Masse sind Musiker, die von ihrem künstlerischen Schaffen zwar leben, von den Millionengagen einer Taylor Swift aber nur träumen können. Einer dieser Künstler ist Douglas Greed. Der deutsche Techno- und House-Produzent bezeichnet Streaming im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau als „bitter-süßes Bonbon“. Wer mit seinen Songs eine stattliche Zahl an Abrufen generiere, könne damit sein Ego aufpolieren und Veranstaltern zeigen, wie erfolgreich und beliebt er im Netz ist. Das schlage sich wiederum auf die Gagen für Live-Auftritte nieder. „Eine verhältnismäßige Monetarisierung der Streams findet jedoch nicht statt“, kritisiert Greed. Als Beispiel führt er die britische Band Portishead an, die im April mitteilte, für 34 Millionen Streams ihrer 90er-Jahre-Hits nur 2500 US-Dollar erhalten zu haben. „Da stellt sich die Frage der Wertigkeit von Musik“, so Greed.

Der Chef der Jenaer Plattenfirma „Freude am Tanzen“, Thomas Sperling, hält Musikstreaming dagegen prinzipiell für eine gute Sache, weil es den Nutzern den Zugang zur Musik erleichtere. „Ich finde, das sollte so barrierefrei wie möglich sein. Daher ist Streaming eine zeitgemäße Darreichungsform von Musik“, sagt er. Das mache Spotify auch so erfolgreich.

Veraltete Verträge

Das Hauptproblem bei der gerechten Verteilung sieht Sperling darin, dass die Wertschöpfungskette der Musikindustrie nicht auf Streaming vorbereitet war – und dass sich die Verträge der Plattenfirmen mit den Künstlern noch an der Idee des physischen Tonträgers orientieren. Diese Verträge unterstellen Kosten, die zum Beispiel bei der Herstellung und dem Vertrieb von CDs entstehen. Allein der für die Herstellung von CDs übliche „Technikabzug“ liegt laut Sperling bei 20 Prozent. Dazu kommen Kosten für Werbung, Rückstellungen für Retouren und so weiter. „So entsteht die Situation, dass ein Künstler am Ende laut Vertrag zum Beispiel nur 18 Prozent der Einnahmen erhält“, sagt Sperling. Und weil diese Verträge Einnahmen aus Online-Vermarktungen nicht gesondert regeln, kommt es zu Minimalstvergütungen wie bei Portishead. „Außerdem steht nach wie vor die Frage im Raum, was im Online-Bereich eine faire Vergütung ist“, betont Sperling. Dem Vernehmen nach erhalten kleinere Labels für je 1000 Abrufe bei YouTube 50 Cent, bei Spotify 3,50 Euro und bei Tidal immerhin 16 Euro.

Tidal zahlt deshalb so viel für die Abrufe, weil sich der Streaming-Dienst seit seiner Gründung im April gegen die Marktmacht von Spotify & Co. stemmt. Die von US-Rapper Jay-Z gegründete Firma feierte ihre Geburt mit einer großen PR-Veranstaltung, zu der Stars wie Beyoncé, Daft Punk, Madonna, Jack White, Rihanna und Kanye West erschienen – auch, weil sie die Miteigentümer von Tidal sind. Mit dem neuen Streamingdienst wollen sie erreichen, dass die Vergütung für die Streams nicht bei den Labels oder Vertrieben versickert, sondern direkt den Künstlern zugute kommt.

An der Masse der Musikhörenden gehen diese Bemühungen allerdings vorbei. Ob es nun daran liegt, dass die Anliegen der Musiker bei den Nutzern auf Desinteresse stoßen oder die Marktpräsenz von Apple und Spotify einfach zu groß ist, ist unklar. Die Zahlen sprechen jedenfalls eine klare Sprache: Während die App von Spotify im App-Store von Apple auf dem neunten Platz rangiert, liegt Tidal nicht mal auf einem Chart-Platz der beliebtesten 150 Apps. „Im Endeffekt läuft alles darauf hinaus, dass Musiker ihr Geld vor allem mit Liveauftritten verdienen und dass das Veröffentlichen von Musik zur Visitenkarte für das Wochenende wird“, prognostiziert Douglas Greed.

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