+
Die Börse im Blick.

Schattenseiten des Kapitalismus

Apple, Amazon und Co: Werte für die Gesellschaft schaffen

  • schließen

US-Konzerne wollen nicht länger nur das Wohl der Aktionäre im Blick haben.

Zur Erklärung des Phänomens wird von Beobachtern vielfach das schöne deutsche Wort „Zeitgeist“ benutzt. In den USA wird intensiv über die Schattenseiten des Kapitalismus diskutiert. Nun haben sogar knapp 200 Vorstandschefs mächtiger Konzerne versprochen, dass der Schutz der Umwelt, eine gute Bezahlung der Beschäftigten und eine faire Behandlung von Zulieferern eine größere Rolle spielen sollen. Wie viel davon tatsächlich umgesetzt wird, ist allerdings fraglich.

Seit den 1970er Jahren dominiert bei großen US-Unternehmen das Prinzip des „Shareholder Value“: Alles Tun ist darauf abgestellt, für Aktionäre den Wert des Unternehmens zu steigern – damit diese sich die Taschen vollmachen können. Die theoretische Rechtfertigung dafür hat der neo-liberale Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman geliefert, für den die soziale Verantwortung von Unternehmen darin besteht, Gewinne zu steigern. In dem Spielfilm „Wall Street“ hat die Hauptfigur Gordon Gekko dies mit dem Slogan „Gier ist gut“ zugespitzt. Das krude Konstrukt: Wenn jeder seine egoistischen Interessen möglichst rücksichtslos verfolgt, dann soll dies letztlich auch der Gemeinschaft dienen.

Viele Wortmeldungen in den USA zeigen, dass dieses Dogma zunehmend weniger zum Zeitgeist passt. Die Einsprüche kommen ausgerechnet von Konzern und Managern aus der Welt des ganz großen Geldes. So hat Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater, vor wachsender sozialer Ungleichheit gewarnt, da dies in eine Revolution umschlagen könne. Larry Fink, Chef des mächtigen Vermögensverwalters Blackrock, hat eingeräumt, dass der Kapitalismus „für immer weniger Leute funktioniert“. Und nun haben Manager, die zur einflussreichen Lobby-Organisation Business Roundtable gehören, eine Art Manifest beschlossen, dass den Zweck des unternehmerischen Tuns neu definieren soll.

Auch Tim Cook, Apple-Chef, und Jeff Bezos, Amazon-Boss, bekennen sich dazu, dass man Wertvolles nicht nur für Aktionäre, sondern auch für die Gesellschaft und das ganze Land schaffen wolle. Derzeit werde die harte Arbeit vieler Menschen häufig nicht belohnt, heißt es in der Erklärung. Es werde nicht genug getan, damit die Beschäftigten beim rasanten Wandel in der Wirtschaft mithalten könnten. Die Unterzeichner machen sich für eine faire Bezahlung und eine bessere Aus- und Weiterbildung stark.

Die Top-Manager wollen Würde und Respekt gegenüber Mitarbeitern und Lieferanten genauso fördern wie Diversität und Inklusion in den Belegschaften. Es müsse überdies Mehrwert für Kunden geschaffen werden. Und die Unternehmen sollen dafür sorgen, dass sie die Umwelt an ihren Standorten schützen und generell nachhaltig wirtschaften.

Die hehren Ziele werden zu einem Zeitpunkt formuliert, da viele der Unterzeichner und ihre Firmen von verschiedenen Seiten in die Zange genommen werden. So berichtet das „Wall Street Journal“, dass die Justizbehörden mehrerer US-Bundesstaaten Kartell-Ermittlungen gegen große Hightech-Konzerne auf den Weg bringen. Im Visier sind neben Facebook und der Google-Mutter Alphabet offensichtlich auch Apple und Amazon. Vorige Woche hatte schon das Justizministerium eine ähnliche Untersuchung eingeleitet. Im Fokus steht jeweils der Vorwurf des Missbrauchs von Marktmacht. Dabei geht es auch darum, dass die Firmen im großen Stil persönliche Daten von Nutzern gesammelt und analysiert haben sollen, ohne die Betroffenen darüber zu informieren. Das hat den Unternehmen massiv geholfen, sich Wettbewerbsvorteile zu sichern, da sie mit den Informationen ihre Geschäfte optimieren konnten.

Amazon gilt als eines der Unternehmen, das auf diesem Gebiet extrem aggressiv unterwegs ist. Das Bestreben von Big-Tech-Firmen zielt vielfach in Richtung Monopol, was auch mit dem Vernichten von Arbeitsplätzen bei Konkurrenten einhergeht. Den ganz Großen ist es gelungen, enorme Gewinne zu erzielen und gigantische Summen zu horten. So hat Alphabet nach Berechnungen der „Financial Times“ Liquiditätsreserven von 117 Milliarden Dollar angehäuft. Bei Apple waren es einst mehr als 250 Milliarden. Sie wurden inzwischen auf rund 100 Milliarden abgeschmolzen. Das geht auf das mutmaßlich größte Aktienrückkaufprogramm in der Geschichte zurück. Der aktivistische Aktionär Carl Icahn hat das Apple-Management dazu genötigt.

Dahinter steckt einer der Auswüchse, unter denen auch Vorstandschefs unmittelbar leiden. Anteilseigner vom Schlage Icahns zielen darauf ab, in kurzer Zeit extrem hohe Gewinne zu machen. Etwa indem Unternehmen zerschlagen werden, um einzelne Sparten an die Börse zu bringen oder zu verkaufen.

In der Erklärung wird indes das höchst umstrittene Thema der exorbitant hohen Bezahlung von Führungskräften nicht angesprochen. Laut „New York Times“ verdienen die 100 am besten bezahlten Vorstandschefs in den USA im Schnitt rund 250 Mal mehr als ihre jeweiligen Beschäftigten.

Nancy Koehn von der Harvard Business School sagte der „New York Times“, die Manager hätten erkannt, dass „business as usual“ nicht mehr länger akzeptierbar sei. Offen sei aber die Frage, ob sie ihre Art und Weise Geschäfte zu machen, tatsächlich ändern würden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare