Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Es würde schon helfen, keine Tierbabys mit einem noch nicht intakten Immunsystem durch die Welt zu karren, sagt Ebner.
+
Es würde schon helfen, keine Tierbabys mit einem noch nicht intakten Immunsystem durch die Welt zu karren, sagt Ebner.

Resistente Keime

„Antibiotika sind ein Produktionsmittel wie Futter“

  • VonMarkus Wanzeck
    schließen

Tierarzt und Vorstandsmitglied von Slow Food Deutschland, Rupert Ebner, über die Standards in der Massentierhaltung und die damit verbundenen Infektionsrisiken für den Menschen.

Zwei Studien aus den vergangenen Monaten: Germanwatch ließ Fleisch von EU-Geflügelherstellern untersuchen. Jede zweite Probe war mit antibiotikaresistenten Krankheitserregern belastet. Im Auftrag von Greenpeace wurde das Abwasser großer deutscher Schlachthöfe analysiert. Fast überall fanden sich antibiotikaresistente Keime. Keime, gegen die Medikamente kaum oder gar nicht mehr wirken. EU-weit sterben daran etwa 33 000 Menschen pro Jahr. Mitten in der Corona-Krise warnte Virologe Christian Drosten, dass Antibiotikaresistenzen die nächste große Gefahr für unser Gesundheitssystem darstellen könnten: „Wir sehen ja, wie es sich rächt, wenn man Betätigungsfelder vernachlässigt, die uns scheinbar nicht betreffen.“ Rupert Ebner, Tierarzt und Vorstandsmitglied von Slow Food Deutschland ist einer derjenigen, die schon seit Jahren auf die Risiken und Nebenwirkungen unserer Tierhaltung hinweisen.

Herr Ebner, wir kämpfen noch mit der Corona-Pandemie, da warnen Sie schon vor der nächsten Gesundheitskrise. Warum?

Stellen Sie sich vor, wir würden in einer post-antibiotischen Zeit leben. Einer Zeit, in der die seit Jahrzehnten verwendeten Antibiotika schlicht nicht mehr wirken. Das hätte Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, gegenüber denen sogar die Corona-Krise verblassen würde. Denn unser gesamtes medizinisches System – vom Gelenkersatz über die Organtransplantation bis zur Kathetermedizin – hängt an Antibiotika. Die aber büßen immer mehr von ihrer Wirksamkeit ein. Und verglichen mit der Entwicklung neuer, gut verträglicher Antibiotika ist die Entwicklung und Zulassung eines Corona-Impfstoffs relativ banal.

Weshalb verlieren Antibiotika ihre Wirkung?

Bakterien, gegen die sie eingesetzt werden, entwickeln mit der Zeit Resistenzen. Deshalb sollten Antibiotika nur sehr sparsam und gezielt zum Einsatz kommen, in Krankenhäusern und Arztpraxen – aber auch in der Tiermedizin. Denn man muss wissen: Mehr als 80 Prozent der Erreger von bakteriellen Infektionen sind bei Mensch und Tier identisch. Und damit auch die Antibiotika-Wirkstoffe in der Human- und in der Tiermedizin.

Beide tragen also Verantwortung.

Ja. Momentan ist es noch so, dass mehr Resistenzen in Krankenhäusern und Hausarztpraxen entstehen, infolge falscher, nicht konsequenter Antibiotika-Anwendung. Aber dort stagniert die Entwicklung von Resistenzen. In der Nutztierhaltung hingegen nehmen sie zu. Dort herrschen, was Antibiotika angeht, furchtbare Verhältnisse. Es werden nicht nur einzelne Behandlungsfehler gemacht, der Fehler liegt im System selbst.

Inwiefern?

Die industrialisierte Nutztierhaltung funktioniert nur durch den strategischen Einsatz von Antibiotika. Das fängt schon mit der Arbeitsteilung von Ferkelerzeugern und Ferkelmästern an. Sie führt dazu, dass Tierbabys mit einem noch nicht intakten Immunsystem von ihren Müttern getrennt und durch die Welt gekarrt werden. So kommt es fast zwangsläufig zu bakteriellen Infektionen.

Sie sagten „strategischer Einsatz“ von Antibiotika. Was bedeutet das?

Wenn in einem Schweine-, Geflügel- oder Kälberbestand ein krankmachender Erreger nachgewiesen wird oder ein einzelnes Tier erkrankt ist, dann werden alle Tiere mit Antibiotika behandelt. Auch alle gesunden.

Ist das strenggenommen nicht Medikamentenmissbrauch?

Eigentlich ja. Das läuft aber unter dem Begriff „Metaphylaxe“ und ist als solche legal. Und jetzt stellen Sie sich vor, die Antibiotika werden über das Trinkwasser verabreicht: Ausgerechnet die gesunden Tiere, die ja mehr trinken, nehmen dabei besonders viel davon zu sich. Dazu kommt, dass ein Teil des Antibiotika-Wassers verschüttet wird und so in der Gülle und damit direkt in der Umwelt landet. Eine solch unspezifische Anwendung von Antibiotika ist einer der Hauptgründe von Resistenzen.

Was würde passieren, wenn man der Tierindustrie den massenhaften Einsatz von Antibiotika untersagte?

Die Branche würde sofort zusammenbrechen. Denn Antibiotika werden von ihr nicht so eingesetzt, wie es theoretisch gedacht ist: um schicksalhaft bedingte Erkrankungen zu behandeln. Es wurde vielmehr ein System installiert, das Krankheiten erst hervorruft. Antibiotika sind in der Massentierhaltung also nicht Medizin, sondern Produktionsmittel. Wie Futter. Wie Wasser. Wie der Diesel für den Schlepper. Selbst Reserve-Antibiotika – wirklich wertvolle Wirkstoffe, die nur dann zum Einsatz kommen sollen, wenn alle anderen nicht mehr wirken – wurden in der Tiermedizin in den letzten Jahren geradezu verramscht. So darf man mit Substanzen, die für die Menschheit eine so entscheidende Bedeutung haben, einfach nicht umgehen!

Rupert Ebner.

Zur Person

Rupert Ebner , 67, ist Vorstandsmitglied von Slow Food Deutschland. Seit 1984 arbeitet er als Tierarzt in einer Praxis für Nutztiere und war sechs Jahre lang Vizepräsident der Bayerischen Landestierärztekammer. 2009 trat er nach knapp 40 Jahren aus der CSU aus und wurde Mitglied bei den Grünen.

Kürzlich veröffentlichte er das Buch „Pillen vor die Säue. Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden“ (Oekom, 2021), das er gemeinsam mit Co-Autorin Eva Rosenkranz geschrieben hat.

Was wäre die Alternative?

Es wäre gar nicht so schwer. Wenn ich die Tiere von der Geburt bis zur Schlachtung in demselben Betrieb lasse, sie nicht auf engstem Raum halte, sie nicht maximal zu mästen versuche und wenn ich bei der Zucht auch auf die Immunabwehr schaue, geht der Antibiotika-Einsatz schlagartig zurück. Aber mit einer solchen Botschaft mache ich mich unbeliebt beim Bauernverband und der Tierärztekammer.

Wieso letztere? Müssten Veterinärinnen und Veterinäre nicht das Tierwohl im Blick haben?

Für einige Tierärzte ist der mehr oder weniger unkontrollierte Verkauf von Antibiotika ein äußerst lukratives Geschäftsmodell. Und es sind diese Kollegen, die inzwischen die Tierärzteverbände beherrschen.

Und die anderen Kolleginnen und Kollegen?

Es gibt natürlich jede Menge ordentliche Tierärzte, die Medikamente auch so wie gedacht einsetzen. Aber wenn das System insgesamt krank ist, ist auch für den normalen, anständigen, fleißigen, zuverlässigen Landtierarzt der Druck groß, Dinge zu tun, die er eigentlich für völlig abwegig hält – nur, um wirtschaftlich zu überleben.

Woran denken Sie?

Die Frage ist, ob das ohnehin schon fragwürdige Instrument der Metaphylaxe in Wirklichkeit nicht manchmal zur Mastförderung eingesetzt wird. Man weiß schließlich: Antibiotika in nicht unbedingt therapeutischer Dosierung bringen bei den Tieren bessere tägliche Gewichtszunahmen.

Das allerdings ist in Deutschland nicht mehr erlaubt. Heißt das, die Gesetze sind in Ordnung, aber es gibt ein Kontrollproblem?

Andersrum: Die Gesetze wurden von den Lobbyisten so gestaltet, dass man sie nach außen als Erfolg und Sicherheit verkaufen konnte – doch in der Realität sind 90 Prozent aller Bestimmungen nur Papiertiger.

Können Sie ein Beispiel geben?

Einer der großen Erfolge war der sogenannte Anwendungs- und Abgabebeleg: Wenn ich ein Tier behandle, dann muss ich unverzüglich ein Dokument erstellen, in dem Behandlungstag, Diagnose, Applikation, Wartezeit, Chargennummer des Medikaments aufgeführt sind. Auch der Landwirt muss das ins Behandlungsbuch eintragen.

Klingt doch ganz vernünftig.

Ja, aber wenn jemand zu mir oder zum Bauern kommt und das kontrolliert, sind in den allermeisten Fällen die Tiere schon gar nicht mehr da. Die Konsequenz ist: Wenn dieser Beleg plausibel aussieht, dann ist alles prima. Ob wirklich so gehandelt wurde? Das kann effektiv niemand prüfen. Und das Volumen an Kontrollmaterial, das hier entsteht, überfordert ohnehin jede Verwaltung. Dadurch entstehen allein in so einer normalen Tierarztpraxis wie meiner im Jahr 120 000 Einträge.

Sowohl Antibiotikarückstände als auch resistente Keime können auf unseren Tellern landen. Wie gefährlich ist das?

Antibiotikarückstände in Lebensmitteln – wofür es gesetzlich zulässige Höchstwerte gibt – passen, mit dem Wissen um das Risiko von Resistenzen, aus meiner Sicht überhaupt nicht mehr in unsere Zeit. Und was die Keime angeht: Für einen gesunden Menschen ist es nicht unbedingt problematisch, beispielsweise einen multiresistenten Staphylococcus aureus mit dem Essen aufzunehmen. Bei einem immungeschwächten Menschen allerdings, etwa einem mit dem Coronavirus Infizierten, oder wenn so ein Keim in eine Wunde gelangt, kann die Sache fatal werden. Dann kann es sein, dass kein Arzt mehr helfen kann.

Interview: Markus Wanzeck

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare