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Der Künstler Neil Harbisson, hier bei der Innovations-Konferenz "Riga Comm" 2014, kann mit seinem Implantat Farben hören.
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Der Künstler Neil Harbisson, hier bei der Innovations-Konferenz "Riga Comm" 2014, kann mit seinem Implantat Farben hören.

Digitalisierung

Mit Antenne im Kopf

  • Daniel Baumann
    VonDaniel Baumann
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Die Verschmelzung von Mensch und Technik schreitet rasant voran. Bei der Digitalkonferenz „Me Convention“ in Frankfurt am Main zeigt die Branche ihre Entwicklungen - und einen erstaunlich kritischen Blick auf die Gefahren, die damit verbunden sind.

Der Astronaut Buzz Aldrin ist eine Legende. Er war mit Neil Armstrong auf dem Mond. Sheryl Sandberg ist die mächtigste Frau der digitalen Welt. Die Managerin steuert das Tagesgeschäft von Facebook. Doch der wahre Star auf der Frankfurter „Me Convention“ ist Neil Harbisson. Der erste Cyborg der Welt fasziniert und begeistert die Teilnehmer der Digitalkonferenz in Frankfurt mit klugen Sichtweisen und großen Entertainerqualitäten. Der Autobauer Daimler und die Macher der legendären Digitalkonferenz „South by Southwest“ haben ihn nach Frankfurt geholt. Drei Tage lang wurde in der Mainmetropole in Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops über die digitale Welt diskutiert. Ein Stelldichein der globalen Digitalszene, die sich in den Tagen zuvor bereits in Köln getroffen hatte, dort waren die Topmanager von Twitter, Facebook oder Pinterest zu sehen.

Harbisson hat es nicht ganz leicht gehabt, in die Messestadt zu kommen. Die Reise mit dem Flugzeug ist für den in New York lebenden Blondschopf jedes Mal ein Abenteuer. In Wien haben sie an der Sicherheitskontrolle mal den Arzt gerufen. Der sollte prüfen, ob der 33-Jährige, gelinde gesagt, noch ganz bei Trost ist. Denn der britisch-irische Künstler ist der erste Mensch mit einer in den Schädel implantierten Antenne. Harbisson kann damit Farben hören, was nicht ganz unpraktisch ist für jemanden, der seit seiner Geburt nur Grautöne sehen kann. Doch die Antenne, dieser zusätzliche Sinn, der Farben in Tonfrequenzen verwandelt, schreit eben auch nach Erklärungen – von einem Leselicht bis zu einem Selfiestick haben die Menschen schon alles mögliche dahinter vermutet. Der Künstler plant also immer genügend Zeit für die Sicherheitsbeamten ein, wenn er mit dem Flugzeug verreist.

Emotionen können erfasst werden

Der Antennen-Mann steht wie kein zweiter für die fortschreitende Verschmelzung von Mensch und Technik. Der Künstler treibt eine Entwicklung ins Extreme, die in der engen Verbindung von Mensch und Smartphone längst allgemein sichtbar geworden ist. Die Unternehmerin Rana June präsentiert auf der „Me Convention“ eine Technologie, mit der die Emotionen von Menschen erfasst werden, um Erlebnisse aller Art auf sie abzustimmen, zum Beispiel ein DJ-Set auf einer Party. Kai Shimada spricht darüber, wie das menschliche Gehirn gehackt werden kann, um zu tieferen Erkenntnissen zu gelangen. Andernorts geht es um Schnittschnellen zwischen dem menschlichen Gehirn und Computern.

Zugleich wird die Technik immer menschlicher. Ambarish Mitra präsentiert eine App, die mit Hilfe künstlicher Intelligenz ihre Umgebung erkennt und daraus Schlussfolgerungen zieht. Bauträger aus Stahl, geschwungene Bögen: moderne Architektur. Eine Frau, braunes Haar: Prinzessin Catherine. Es lässt einen vor Faszination und Ehrfurcht erschauern, derart gut ist das Maschinengehirn. Und der Fortschritt eilt viel schneller voran, als vor kurzem noch gedacht.

Der Mensch allerdings, der verändert sich kaum. Er ist gefangen in jahrtausendealten Verhaltensmustern, so der Unternehmer und Internetkritiker Andrew Keen. Er drohe deshalb Opfer der Technik zu werden. Ein Beispiel: Viele Apps werden so programmiert, dass sie Menschen süchtig machen. Der ständige Griff zum Smartphone ist kein Zufall, sondern wird durch bewusst eingesetzte technische Kniffe stimuliert. Keen sieht großen politischen Gestaltungsbedarf, um die Verwerfungen, die mit jeder technischen Revolution einhergehen, aufzufangen. Google und Facebook zähmen, die wirtschaftliche Ungleichheit wieder kleiner machen, den durch Wut, Hass und Misstrauen geprägten gesellschaftlichen Dialog neu aufbauen.

Falschinformationen sind großes Problem

Denn wem soll man im Internetzeitalter noch glauben? Dieser Frage stellt sich die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation, Katherine Maher. Obwohl die Stiftung mit ihrer Online-Enzyklopädie Wikipedia für viele Nachschlagewerke und Bibliotheken zur Konkurrenz geworden ist, betont Maher, wie wichtig institutionalisiert hergestelltes Wissen ist. Dass viele Einträge auf Wikipedia zwar gemeinschaftlich von „normalen“ Bürgern erstellt werden, dass die Artikel letztlich aber auf der Arbeit von Wissenschaftlern, Journalisten und Experten basieren. Maher betont die Bedeutung von Fakten in einer Zeit, in der Fakten – wie es scheint – diskutierbar geworden sind.

Eine gefährliche Entwicklung, findet Simone D. Sanders, die im US-Präsidentschaftswahlkampf das Kommunikationsteam von Bernie Sanders geleitet hat. „Es ist zwingend nötig, dass Menschen faktenbasierte Informationen erhalten.“ Facebook spiele hier eine unschöne Rolle, kritisiert sie. Das Netzwerk befördert Silodenken und die Verbreitung von falschen Nachrichten.

Doch Facebook-Managerin Sheryl Sandberg, die nicht nur in Frankfurt auftrat, sondern auch auf der Internetkonferenz „Dmexco“ in Köln, ging auf derlei Kritik nicht ein, sondern nutzte ihre vor kritischen Nachfragen geschützten Auftritte, um Facebook als Weltverbesserer zu präsentieren. In Köln blieb es Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel überlassen, auf die Probleme des Netzwerks hinzuweisen, die von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zwar erkannt und zur Behebung angemahnt sind, über die man offenbar aber nicht allzu gerne spricht.

Facebook ist auch die Grundlage, auf der sich verhaltensbasiertes Marketing, sowohl politischer als auch kommerzieller Art, zunehmend verbreitet. Mit auf die Individuen zugeschnittenen Botschaften und Werbeclips wird versucht, tiefer in die Köpfe der Menschen einzudringen, bestimmte Zielgruppen für bestimmte Ziele zu gewinnen. „Verhaltensbasiertes Marketing ist gefährlich“, findet Kommunikationsspezialistin Sanders. Zwar sei die Technologie nicht per se ein Problem, doch in den Händen der falschen Menschen könne sie schlimme Ergebnisse zeitigen.

Technik und Gesellschaft, Wirtschafts- und zivile Interessen, der Dialog über die Digitalisierung ist vielfältiger und nachdenklicher geworden. In die Technikeuphorie und die Wohlfühlatmosphäre der Digitalkonferenzen mit Gentechnik-freiem Popcorn, analogen Wandtafeln, Schaukeln und begrünten Bühnen mischt sich ein erstaunlich aufgeklärter, unideologischer Blick auf die Realität.

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