Es gibt viel zu tun für die Bahn.
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Es gibt viel zu tun für die Bahn.

Schienennetz

Anschluss für alte Bahnstrecken

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Das deutsche Schienennetz ist jahrelang geschrumpft, jetzt muss es wieder wachsen, um Mittel- und Kleinstädte wieder anzubinden, fordern Verbände.

Insgesamt 300 000 Bewohner mittelgroßer Städte können von neuen Bahnverbindungen profitieren, und zwar relativ einfach. Dafür müssten nur insgesamt fünf alte Strecken wieder hergerichtet werden. Es gibt Dutzende weiterer Projekte mit ähnlichen Effekten. Dies zeigt die neue Liste mit Vorschlägen zur Reaktivierung von Schienensträngen, die der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und die Allianz pro Schiene am Donnerstag vorgelegt haben.

Insgesamt kommen nach der aktuellen Aufstellung 238 Strecken mit einer Länge von rund 4000 Kilometern infrage. Mehr als drei Millionen Menschen könnten so ans Netz angebunden werden, sagte Jörgen Boße, Vorsitzender des VDV-Ausschusses für Schienenverkehr.

Es gibt viel zu tun. 2019 wurde auf nur 106 Kilometern der Personenverkehr wiederaufgenommen. Derweil ist die Vorschlagsliste der beiden Organisationen länger geworden. Ihre aktuelle Version wurde um 55 Projekte mit 963 Kilometern erweitert. Es handelt sich größtenteils um Verbindungen, die außerhalb der Ballungsgebiete liegen.

Doch genau darauf kommt es Boße auch an: Wenn die Eisenbahn das Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts werden soll, dann müsse man das ganze Land im Blick haben und nicht nur Großstädte oder den Fernverkehr. Immerhin seien sieben von zehn Bundesbürgern in Mittel- oder Kleinstädten oder auf dem Land zu Hause. „Es geht dabei um Klimaschutz, aber auch um die Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen“, betont der VDV-Experte. In vielen Fällen geht es darum, Lücken im Netz zu schließen, die häufig historische Gründe hätten. So handelt es sich bei einem der Neuvorschläge um einen sechs Kilometer langen Abschnitt, der Marxgrün in Bayern mit Blankenstein in Thüringen verbindet. Ein anderes empfohlenes Projekt ist die Wiederaufnahme des Verkehrs von Berlin-Gesundbrunnen nach Basdorf (Brandenburg). Die Verbindung ist seit 1961 unterbrochen. Die neuen Empfehlungen sind aber auch lokalisiert in Oberhessen, NRW oder Niedersachsen.

Das deutsche Schienennetz ist über viele Jahrzehnte geschrumpft. Während die Straßen für Pkw und Lkw kontinuierlich ausgebaut wurden, wurden vor allem vor der Bahnreform 1994 Zugverbindungen auf dem Land in großem Stil aufgegeben. Nach 1994 begannen zwar die ersten Reaktivierungsaktionen, dennoch wurden seither noch einmal mehr als 3600 Streckenkilometer für den Personennahverkehr abbestellt. Vor allem die neuen Bundesländer waren betroffen. Während auf nur 933 Kilometer der Fahrbetrieb wieder aufgenommen wurde.

Auch beim Güterverkehr fällt die Bilanz negativ aus – dabei kann ein Güterzug bis zu 140 Lkw ersetzen. Erst Ende vorigen Jahres hat sich der größte Schienenstrang-Betreiber, die DB Netz, dazu durchgerungen, keine Strecken mehr stillzulegen. Derzeit hat das hiesige Streckennetz noch eine Länge von 38 500 Kilometern.

Zahl der Zugfahrer steigt

Laut Allianz pro Schiene waren sinkende Nutzerzahlen in der Vergangenheit die Hauptursache für Stilllegungen. Wobei kaum nach den Ursachen gefragt worden sei und auch nichts getan wurde, um die Angebote attraktiver zu machen. Heute zeige sich immer wieder: Wenn neue Zugverbindungen angeboten werden, nutzen die Menschen das auch. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Bahnfahrer denn auch kontinuierlich.

Für Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, ist klar, dass das Wiederaktivieren „das Erfolgsrezept für einen besseren Verkehrsmix in der Zukunft ist“. Er erinnert dabei an das, was Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) als Ziel vorgegeben hat: Bis 2030 sollen die Fahrgastzahlen auf der Schiene verdoppelt und der Marktanteil der Eisenbahn am Güterverkehr deutlich erhöht werden, und zwar auf 25 Prozent. Das könne nur mit einem Ausbau der Infrastruktur und einer Wiedernutzung stillgelegter Strecken geschehen, so Flege.

Es geht dabei nicht nur darum, Verbindungen von einem Ort zum anderen herzustellen, sondern Nutzern den Zugang zum bundesweiten Bahnnetz zu ermöglichen – ohne erst mit dem Auto in eine größere Stadt fahren zu müssen. Mehr Schienen in ländlichen Räumen können Pendlern ermöglichen, den Pkw stehen zu lassen, womit auch der Straßenverkehr in den Ballungsgebieten entlastet wird.

Die Experten haben aber auch Netzlücken in Gegenden entdeckt, wo trotz hohen Verkehrsaufkommens schlicht keine Eisenbahn mehr fährt oder wo durch die Verlängerung einer Verbindung weiteres Fahrgastpotenzial erschlossen werden kann. Natürlich geht es auch darum, in unterversorgten Gebieten erst einmal ein Basisangebot zu schaffen.

Die unkomplizierteste Wiederaufnahme im Personenverkehr ist dort möglich, wo Güterzüge noch fahren. Es gibt aber auch Strecken, auf denen Gleise herausgerissen wurden, wo eine Reaktivierung aber dennoch preiswerter als ein Neubau ist, da Trassen, Bahndämme und Brücken noch vorhanden sind.

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