+
Das Besucherzentrum am Hauptsitz von B. Braun in Melsungen AG.

B.Braun

Frau an der Macht

  • schließen

Anna Maria Braun übernimmt den Vorstandsvorsitz des milliardenschweren Medizintechnikherstellers B.Braun.

Fast könnte der Eindruck entstehen, dass man den Amtsantritt von Anna Maria Braun in Melsungen gar nicht mehr abwarten konnte. Auf der Website des Medizintechnikkonzerns B. Braun war der Chefwechsel bei dem Unternehmen am Sonntag jedenfalls schon vollzogen. Dort stand nun unter dem Pressebild von Anna Maria Braun: „Vorsitzende des Vorstands, Vorstand Personal- und Rechtswesen und Arbeitsdirektorin, Vorstand Region Asien Pazifik“. Das Foto ihres Vorgängers Heinz-Walter Große war hingegen schon verschwunden. Offiziell beginnt die Amtszeit von Anna Maria Braun allerdings erst an diesem Montag. Sie steigt damit in den winzigen Zirkel von Frauen auf, der in Deutschland ein global agierendes, milliardenschweres Unternehmen leitet.

Anna Maria Braun ist Nachfahrin eines unternehmungslustigen Apothekers, der im 19. Jahrhundert sein Geschäft um den Versandhandel mit Kräutern erweiterte und damit den Grundstein für den heutigen Konzern legte. Die Eigentümerfamilie findet sich regelmäßig auf den Reichenlisten der Finanzmagazine wieder und winkt bei Fragen nach einem Börsengang ebenso regelmäßig ab. Auch Anna Maria Braun betont, das Unternehmen solle in Familienhand bleiben.

Firmenerbin zu sein, kann der Karriere dienlich sein. Es kann den Aufstieg auf den höchsten Chefposten eines Unternehmens erleichtern, aber es muss es nicht. Es gibt ausreichend Beispiele von Firmenpatriarchen, die einer steilen Management-Karriere ihrer Töchter im Wege gestanden haben. Besonders krass ist das Beispiel des Industriellen Heinz Hermann Thiele, Miteigentümer von Knorr Bremse, der während eines Vortrages an der TU München in Anwesenheit seiner Tochter öffentlich erklärte, dass er Frauen ganz allgemein nicht für geeignet halte, ein Unternehmen zu führen. Tatsächlich zeigen die wenigen Frauen, die eine Spitzenposition in einem Unternehmen erlangen, seit Jahren, dass sie Männern in nichts nachstehen.

Mit 39 Jahren ganz oben angekommen: Anna Maria Braun.

Anna Maria Braun ist ab diesem Montag die oberste Arbeitgeberin für fast 64 000 Menschen in aller Welt, Chefin eines Konzerns, der 2018 knapp sieben Milliarden Euro umsetzte und dessen Fabriken mehrere tausend verschiedene Produkte von der Kanüle bis zum künstlichen Hüftgelenk ausstoßen. Wenige Frauen in der deutschen Wirtschaft sind in einer solchen Position. Von den 200 größten Unternehmen außerhalb des Finanzsektors hierzulande, zu denen auch B. Braun zählt, haben nur sieben eine Vorstandsvorsitzende, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

Geschenkt wurde Anna Maria Braun nichts. Sie hat früh Auslandserfahrung gesammelt, hat ihr Abitur in Großbritannien abgelegt, den Abschluss als Master of Law an der Georgetown University in Washington gemacht. Bevor sie 2009 bei B. Braun anfing, arbeitete sie als Wirtschaftsanwältin in einer Düsseldorfer Kanzlei. Seit sechs Jahren hat Anna Maria Braun – seit 2016 als Vorstandsmitglied – das gesamte Asien-Pazifik-Geschäft unter sich. In Malaysia, der Drehscheibe für diese rasch wachsenden Märkte, wurden binnen neun Jahren 700 Millionen Euro investiert. Die Eröffnung des Campus in Penang, einem großzügigen Komplex von Produktions- und Verwaltungsgebäuden, nennt sie ein Highlight ihrer dortigen Zeit. Mehr als sieben Jahre hat Anna Maria Braun in Malaysia gelebt, ihre beiden älteren Kinder kamen dort zur Welt. Ihr Mann, ein Immobilienunternehmer, ist dem Land geschäftlich verbunden.

Seit 2016 gehört die Juristin dem Vorstand des nordhessischen Medizintechnik- und Pharmaherstellers an. Ab diesem Montag wird sie den familieneigenen Konzern nun in sechster Generation leiten. Zuvor hat sie sich noch eine Auszeit für die Familie genommen. Die Managerin ist erst 39 Jahre alt, das jüngste ihrer drei Kinder noch ein Baby.

Was dieses besondere Ereignis, die erste Firmenchefin in der 180-jährigen Unternehmensgeschichte zu werden, in ihr auslöse, wurde sie in einem Interview für den Geschäftsbericht gefragt. „Ich denke nicht in besonderen Momenten“, hat sie geantwortet. „Wir halten bis zum 1. April nicht den Atem an, sondern stecken mitten im Tagesgeschäft und gehen konzentriert die Aufgaben an, die vor uns liegen.“ Sie spricht über Wachstum, über neue Formen der Zusammenarbeit und der Teambildung. Sie wirkt umgänglich, offen und zielorientiert. Für ein Gespräch stand sie vor ihrem Amtsantritt allerdings nicht zur Verfügung. Das signalisiert, dass es ihr um das Unternehmen geht, weniger um sich selbst.

Sie hat drei Brüder und eine Schwester. Ihr Vater Ludwig Georg Braun ist nach 34 Jahren an der Unternehmensspitze Aufsichtsratschef. Familien- und Managementerfahrungen dieser Art könnten auch außerhalb Nordhessens nützlich sein. Seit einigen Monaten sitzt sie im einflussreichen Beirat der Führungsholding der familiengeführten Oetker-Gruppe. Der Eigentümerclan macht – anders als die diskreten Melsunger – immer wieder durch Reibereien von sich reden.

Die Leitung von B.Braun teilt sich Anna Maria Braun mit vier Männern und einer weiteren Frau: Annette Beller. Die Managerin ist für die zentralen Services und für die Finanzen zuständig. Damit sind bei den Melsungern die beiden wichtigsten Vorstandsposten von Frauen besetzt. Nichts weniger als eine Sensation.

Von Daniel Baumann und Barbara Will

Von der Apotheke zum Weltkonzern

Der Besitzer verstorben, das Geschäft geschlossen: Die Rosenapotheke im nordhessischen Melsungen war verwaist. Der Kasseler Apotheker Julius Wilhelm Braun (1808 – 1850) griff 1839 zu. Bald schon erweiterte er das Geschäft um einen Versandhandel. Sein Sohn Bernhard begann mit der pharmazeutischen Produktion, Enkel Carl stellte mit der Herstellung von chirurgischen Nahtmaterial die Weichen für die Wandlung zum Industriebetrieb. Die erste ausländische Fertigungsstätte entstand 1925 in der norditalienischen Stadt Mailand.

Heute ist die B. Braun Melsungen AG mit knapp 64 000 Beschäftigten in 64 Ländern aktiv. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr – durch ungünstige Wechselkurse gebremst, um 1,8 Prozent auf 6,91 Milliarden Euro. Vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen blieben 952,5 Millionen Euro übrig. Der Überschuss fiel um ein Fünftel auf 328,4 Millionen Euro. (wll)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare