1. Startseite
  2. Wirtschaft

Angst im Hörsaal

Erstellt:

Von: Clemens Dörrenberg

Kommentare

Essen von zu Hause statt aus der Mensa: Viele junge Menschen müssen sparen.
Essen von zu Hause statt aus der Mensa: Viele junge Menschen müssen sparen. © picture alliance/dpa

Zu Beginn des Wintersemesters befürchten Studierende hohe Energienachzahlungen und sorgen sich um ihre Existenz.

In wenigen Tagen beginnt die Vorlesungszeit an den meisten Hochschulen in Deutschland. Die Vorfreude dürfte sich jedoch bei vielen der bundesweit fast drei Millionen Studierenden in Grenzen halten. Viele sorgen sich, wie sie bei immens steigenden Energiekosten den Winter über ihre Existenz sichern sollen. Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vom Mai dieses Jahres leben 30 Prozent aller Studierenden in Deutschland schon jetzt in Armut. Bei 802 Euro monatlich liegt laut der Studie das mittlere Einkommen armer Studierender.

Obwohl in zahlreichen Branchen derzeit dringend Arbeitskräfte gesucht werden, arbeiten Studierende häufig in geringfügig vergüteten Beschäftigungsverhältnissen, etwa auf 450-Euro-Basis. Eine kontinuierliche Lohnentwicklung wie bei Festangestellten gibt es meistens nicht. Für viele junge Menschen ist es während der Studienzeit unmöglich, Rücklagen für finanzielle Engpässe zu bilden, um sich auf die steigenden Energiekosten einzustellen.

„Mir macht es Angst, nicht zu wissen, inwiefern meine Wohnkosten steigen“, sagt Lea, die in Bonn im dritten Master-Semester Medienwissenschaft studiert. „Es beschäftigt mich permanent, und ich gucke die ganze Zeit, wie ich mich im Alltag einschränken kann“, fügt die 29-Jährige hinzu, die Bafög erhält und neben dem Studium als wissenschaftliche Hilfskraft an der Bonner Uni arbeitet.

In ihrer Zweier-WG hat sie mit ihrem Mitbewohner beschlossen, das gemeinsame, kleine Wohnzimmer erst mal nicht zu nutzen und damit auch nicht zu heizen. Pullover und dicke Socken haben sie bereits ausgepackt und wollen den Heizungsregler ihrer Wohnung in diesem Jahr erst so spät wie möglich aufdrehen. „Ich lebe nicht in Saus und Braus“, sagt Lea. Aber wenn es hart auf hart komme, müsse sie gelegentliche Buchkäufe sowie die Unisportkurse für Boxen und Kickboxen streichen. Und ihr Zeitungs-Abo müsse dann ebenfalls wegfallen. „Viel kürzer und kühler dusche ich jetzt schon“, ergänzt sie.

Auch der 26-jährige Lukas, der in Frankfurt Politische Theorie studiert, berichtet, er schränke sich als Student ohnehin ein, wo er könne: „Ich kaufe billige Produkte, Second-Hand-Klamotten und gehe nicht so oft aus.“ Als Alternative zum Ausgehen wähle er das günstige „Kiosk-Bier“. Die einmaligen 200 Euro, die die Bundesregierung zur Entlastung für Studierende sowie Berufsfachschülerinnen und -schüler vorgesehen hat, halten beide für zu wenig. „Das reicht nicht zur Nachzahlung der Nebenkosten“, befürchtet Lea. „Ein Tropfen auf den heißen Stein“, bemängelt Lukas.

Bisher ist es ohnehin noch unklar, wann und auf welchem Weg das Geld ausgezahlt werden soll. Möglicherweise könnte es am 1. Dezember überwiesen und der Geldtransfer von Studierendenwerken koordiniert werden.

Matthias Anbuhl, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, sagt: „Studierende stehen in diesem Wintersemester vor einer sozialen Notlage, die so dramatisch ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Er bezeichnet die beschlossene Einmalzahlung der Bundesregierung als „wichtigen Baustein“. Daneben fordert er zusätzliche finanzielle Unterstützung der Bundesländer für die Studierendenwerke, „damit diese die Öffnungszeiten ihrer Einrichtungen möglichst nicht kürzen und die Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln nicht eins zu eins auf die Studierenden abwälzen müssen“. Ein Anstieg der Mieten in den Studierendenwohnheimen soll so vermieden und Essenspreise in den Mensen sowie Cafeterien sollen so begrenzt werden.

Studienkredite werden bisher noch nicht stärker nachgefragt. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet die Förderbank KFW keinen Anstieg. „Die Gründe hierfür vermuten wir in der guten Arbeitsmarktlage für Studierende und in der Erhöhung der Bafög-Beträge“, berichtet KFW-Sprecher Wolfram Schweickhardt. Das Bafög war im August leicht um 5,75 Prozent erhöht worden. Beim Höchstsatz stieg der Betrag von 861 auf 934 Euro. Dazu hatte es einen einmaligen Heizkostenzuschlag von 230 Euro gegeben. Studierendenvertretungen kritisierten daraufhin, dass die Erhöhung jedoch durch die Inflation geschluckt werde.

Matthias Anbuhl vom Deutschen Studentenwerk fordert, die Bafög-Sätze ab dem kommenden Sommersemester „nach dem Vorbild Österreichs der Inflation anzupassen und einen jährlichen Inflationsausgleich im Bafög zu verankern“. Außerdem spricht er sich für eine „Anhebung des Bafög-Grundbedarfs auf 602 Euro aus, analog zum geplanten Bürgergeld. Dass der Bundestag Ende September einen „Notfallmechanismus“ beim Bafög beschlossen hat, begrüßt Anbuhl. Durch den Mechanismus sollen in Krisenzeiten auch Studierende Bafög erhalten, die sonst keinen Anspruch darauf haben, etwa weil sie ihren Nebenjob aufgrund einer Krise verloren haben. Anbuhl kritisiert jedoch, dass die aktuelle Krise, in der Studierende oft nicht wüssten, „wie sie im Winter Strom, Gas und Lebensmittel bezahlen sollen“, von dem Mechanismus nicht erfasst werde.

Für die Studierenden, die bereits unter Corona-Bedingungen studieren mussten, bedeuten die Sorgen um die Energie- und Lebenshaltungskosten eine weitere, große Belastung. Sie haben die letzten vier Semester unter erschwerten Bedingungen erlebt, drei davon fast ausschließlich online vor dem heimischen PC. „Die immaterielle, die psychische Notlage der Studierenden ist schon länger ein großes Problem“, sagt Anbuhl. Psychosoziale Beratungsstellen der Studierendenwerke würden „förmlich überrannt“. Soziale Isolation und Vereinsamung, die „grundsätzliche Infragestellung des Studiums“, in hohem Maße depressive Verstimmungen, Hoffnungslosigkeit, bis hin zu suizidalen Gedanken hätten die Beratungsstellen der Studierendenwerke registriert.

Die Bonner Studentin Lea sagt: „Mich hat die Zeit persönlich völlig aus der Bahn geworfen.“ Neben ihren finanziellen Sorgen hat sie immer die Corona-Pandemie im Hinterkopf: „Mich beschäftigt auch, dass die Unis vor Weihnachten wieder schließen könnten.“ Dass die Uni-Gebäude im Winter weniger geheizt würden, damit rechnet sie ohnehin. Sollte die Uni wegen Corona ganz geschlossen bleiben, müsste sie nicht nur erneut isoliert von Kommiliton:innen und Dozent:innen zu Hause ihr Studium organisieren. Gleichzeitig müsste sie die Heizung in ihrer Wohnung zwangsläufig häufiger aufdrehen, mehr Energie verbrauchen und hätte dadurch mit noch höheren Kosten zu rechnen.

Auch interessant

Kommentare