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Einen großen Teil des Geldes stecken sie in den Rückkauf eigener Aktien.

Analyse

Angst beflügelt die Börsen

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Steigende Aktienkurse sprechen für gute wirtschaftliche Aussichten - so lautet die geläufige Denke. Das Gegenteil ist aber derzeit der Fall.

An der Börse, so heißt es, wird die Zukunft der Wirtschaft gehandelt. Denn da der Aktienhandel auf Erwartungen über die künftige Geschäftsentwicklung der börsennotierten Unternehmen beruhe, lasse sich an den Börsenindizes die kommende Entwicklung absehen. Gestimmt hat dies zwar noch nie – schließlich sind ökonomische Fundamentaldaten nur ein Aspekt unter vielen, die in die Spekulation der Aktienhändler eingehen. In jüngster Zeit jedoch wird die Annahme, die Börse bilde letztlich den Zustand der Wirtschaft ab, ad absurdum geführt.

Zu den Börsenrekorden beigetragen hat insbesondere in den USA das Phänomen der Aktienrückkäufe: Unternehmen haben in den vergangenen Jahren sehr gut verdient. Einen großen Teil des Geldes stecken sie in den Rückkauf eigener Aktien, was den Kurs dieser Titel in die Höhe treibt. Damit wollen die Gesellschaften ihre Anteilseigner belohnen – der steigende Aktienkurs ist ein Weg, über den sie Gewinne an die Aktionäre verteilen.

Dass US-Konzerne im vierten Quartal 2018 für 223 Milliarden Dollar und im ersten Quartal 2019 für 205 Milliarden Dollar eigene Aktien erworben haben, bedeutet aber gleichzeitig: Offensichtlich wissen die Vorstände nichts Besseres mit dem Geld anzufangen. Sie könnten die Milliarden ja auch in neue Fabriken, Anlagen, Arbeitsplätze investieren. So gut aber werden die Geschäftsaussichten offensichtlich nicht beurteilt, weswegen die Konzernmilliarden an die Börse fließen. Ergebnis: Schlechte Aussichten führen zu höheren Aktienkursen.

Ein weiterer Grund für die global hohen Aktienkurse: niedrige Zinsen. Festverzinsliche Papiere bringen kaum noch Erträge. Global liegt die nominale Rendite von Anleihen im Wert von 16 Billionen Dollar unter null Prozent. Real, also abzüglich Inflationsrate, sind es noch einige Billionen mehr, mit denen man als Anleger Geld verliert. In der Folge fließen große Summen an die Aktienmärkte und sorgen dort für steigende Kurse.

Entscheidender Grund für die steigenden Aktienkurse sind also die niedrigen Zinsen. Grund für die niedrigen Zinsen wiederum ist die Furcht vor Abschwung und Rezession. Ergebnis: Schlechte Aussichten führen zu höheren Aktienkursen.

Nun taucht am Horizont ein weiterer Börsenturbo auf: Die Europäische Zentralbank (EZB) wird im September wohl weitere geldpolitische Lockerungen ankündigen, vielleicht auch die Wiederaufnahme von Anleihekäufen, um die Zinsen weiter zu drücken, was für sich schon die Aktienkurse weiter steigern würde. Nicht ausgeschlossen dabei ist laut EZB-Ratsmitglied Olli Rehn zudem der Kauf von Aktien. Die EZB beträte damit kein Neuland: Japans Zentralbank erwirbt bereits seit 2010 sogenannte Exchange Traded Funds (ETF), also börsennotierte Investmentfonds, und ist so zum dominanten Akteur auf Japans ETF-Markt aufgestiegen.

Die Idee der Zentralbanker: Steigende Aktienkurse ermöglichen den Unternehmen, über die Ausgabe von Aktien mehr Geld für Investitionen einzuwerben und erhöhen gleichzeitig den Wohlstand der Gesellschaft, was die Nachfrage stimuliert. Neben Aktienrückkäufen und niedrigen Zinsen wären Aktienkäufe der Zentralbank damit der dritte Kanal, über den nicht gute, sondern schlechte Geschäftsaussichten die Aktienkurse in die Höhe trieben.

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