Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Blick in das Opel-Entwicklungszentrum, wo Triebwerke auf Schwebekissen in die Prüfstände einfahren und getestet werden.
+
Blick in das Opel-Entwicklungszentrum, wo Triebwerke auf Schwebekissen in die Prüfstände einfahren und getestet werden.

Verkauf

Angriff aufs Herz von Opel

  • Thorsten Knuf
    VonThorsten Knuf
    schließen

Spekulationen um Verkauf des Entwicklungszentrums in Rüsselsheim alarmieren den Opel-Betriebsrat.

Der Gesamtbetriebsrat des Rüsselsheimer Autoherstellers Opel und die IG Metall wollen sich mit aller Macht gegen einen möglichen Verkauf des firmeneigenen Entwicklungszentrums stemmen. Die Arbeitnehmervertreter würden „einen Angriff auf das Herz der Marke Opel und die Beschäftigung“ nicht kampflos hinnehmen, heißt es in einer von Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug am Mittwoch verbreiteten Erklärung. An diesem Donnerstag soll in Rüsselsheim eine Betriebsversammlung stattfinden, zu der auch Opel-Chef Michael Lohscheller eingeladen wurde.

Die Arbeitnehmervertreter reagierten damit auf einen Bericht der Pariser Tageszeitung „Le Monde“ von Mittwoch. Diese hatte berichtet, dass der neue französische Opel-Eigentümer PSA (Peugeot, Citroën) erwäge, sich von wesentlichen Teilen des Entwicklungszentrums zu trennen. Das Management sei dafür bereits an mehrere Entwicklungsdienstleister herangetreten und habe den Verkauf von mehreren Abteilungen mit insgesamt 4000 Mitarbeitern angeboten – was der Hälfte der Belegschaft entspräche. Es gehe um die Bereiche Antrieb, Fahrzeug-Engineering, Werkzeugtechnik sowie das Testzentrum. 

Die betroffenen Betriebsteile befinden sich den Angaben zufolge in Rüsselsheim selbst sowie in Rodgau/Dudenhofen (Kreis Offenbach). Ihr Wert werde auf 500 Millionen Euro geschätzt. PSA habe das Gespräch mit den drei französischen Firmen Altran, Akka und Segula sowie dem deutschen Anbieter Bertrandt gesucht, schreibt „Le Monde“ weiter. Die Diskussionen mit Altran sollen bereits weit fortgeschritten sein.

Der Opel-Entwicklungschef Christian Müller soll bei einer Präsentation Mitte April gesagt haben, dass das Unternehmen nach einer dauerhaften Lösung im Sinne der Angestellten suche. Denkbar seien eine industrielle Partnerschaft oder eine Struktur mit weiteren Anteilseignern neben Opel.

 Angeblich leidet das Entwicklungszentrum derzeit unter einer Überkapazität von 40 Prozent. „Le Monde“ zitiert einen PSA-Verantwortlichen mit den Worten: „Die Hälfte der Forschungs- und Entwicklungsaufgaben von Opel ist gemeinsam mit General Motors über den Atlantik gewandert. Die Ingenieure hingegen sind in Deutschland geblieben.“

Der Betriebsrat erklärte dazu: „Ein (Aus-)Verkauf der Opel-Entwicklung würde Opel die Zukunft nehmen. Das technologische Herz der Marke Opel schlägt im Engineering. Produktion, Service- und Verwaltungsbereiche können ohne Entwicklungszentrum der Marke Opel keine Identität geben.“ 

Ein Opel-Sprecher erklärte, das Unternehmen lote für das Entwicklungszentrum mögliche Partnerschaften aus. Dies könnten „auch strategische Partnerschaften“ sein. Bisher seien aber noch keine Entscheidungen gefallen. Ein PSA-Sprecher ergänzte, dass das Rüsselsheimer Zentrum auch in Zukunft alle Opel-Modelle entwickeln und für Schlüsselkompetenzen der gesamten Gruppe zuständig sein solle.

PSA hatte Opel im vergangenen Jahr vom US-Konzern General Motors übernommen. Seitdem versuchen die Franzosen, das deutsche Traditionsunternehmen wieder profitabel zu machen und in die eigenen Strukturen einzubinden. Ende Mai einigten sich Unternehmen und Arbeitnehmervertreter auf einen Vertrag zur Beschäftigungssicherung bis einschließlich Juli 2023. Die Arbeitnehmer verzichten im Gegenzug auf Geld. Von den 19 000 Stammbeschäftigten in den deutschen Werken sollen 3 700 auf freiwilliger Basis das Unternehmen verlassen.

Nach Darstellung des Betriebsrats wurde  das Management während der Auseinandersetzung über den Konzernumbau explizit gefragt, ob es konkrete Verkaufsabsichten für das Entwicklungszentrum oder Teile davon gebe. Dies sei „verneint“ worden, heißt es in der Mitteilung. Sollten sich jetzt die Medieninformationen bestätigen, würde dies bedeuten, dass PSA und Opel „die Unwahrheit“ gesagt hätten, heißt es in der Mitteilung des Betriebsrats.

Heftige Kritik am PSA-Management übte am Mittwoch auch der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Dudenhöffer schrieb in einer Analyse, die von PSA-Chef Carlos Tavares bei der Opel-Übernahme abgegebene Beteuerung, wonach Opel ein eigenständiger, deutscher Autobauer bleibe, sei offenbar „wenig ehrlich und ernst“ gewesen.

Tavares verfahre offenbar nach dem Motto: „Der Wert von Opel liegt in den 1,2 Millionen Käufern von Fahrzeugen und nicht in der Entwicklung oder in der Produktion.“ PSA habe sich in Wahrheit vor allem Kunden gekauft. Das eigentliche Geschäft werde jetzt gezielt geschrumpft.

Weiter heißt es in der Analyse Dudenhöffers: „Der Verkauf großer Teile des Entwicklungszentrums war ebenso wie der Abbau von vielen Mitarbeitern scheinbar bereits bei der Übernahme geplant.“ Die Franzosen hätten von Anfang an mit verdeckten Karten gespielt, Betriebsrat und IG Metall seien offenbar blind gewesen. „Man muss davon ausgehen, dass dies nicht die letzte Aktion zur Profitabilitätsverbesserung sein wird. Opel entwickelt sich damit zu einer Art Verkaufsabteilung mit angeschlossener Produktion und Mini-Entwicklung.“ Auf längere Sicht könne sogar nur die Verkaufsabteilung übrigbleiben, vermutet Dudenhöffer. „Den Rest macht Frankreich.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare