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Jedes Jahr brechen bundesweit 70.000 junge Leute ihre Ausbildung zum Koch vorzeitig ab.

Arbeitsmarkt

Angebot und Nachfrage klaffen bei Jobs auseinander

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Im August gibt es 828.000 offene Stellen. Zugleich sind 2,5 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Wie kann das sein? Fragen an Valerie Holsboer.

Lkw-Fahrer, Pflegekräfte, Bürokaufleute, Kochgesellen, Elektriker – das Angebot offener Stellen auf der Jobaktiv-Messe in Berlin Mitte September ist beeindruckend. 40 Firmen haben sich beteiligt, tausende Besucher sind gekommen. Für Valerie Holsboer, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, bietet die Messe Gelegenheit, sich zum tatsächlichen oder vermeintlichen Fachkraftmangel zu äußern – und dazu, wie Arbeitslose und Lehrstellenbewerber auf der einen und offene Stellen und Ausbildungsplätze auf der anderen Seite besser zueinander finden. 

Frau Holsboer, der Zentralverband des deutschen Handwerks beziffert den Fachkraftmangel in Handwerksberufen auf 140.000, nach Angaben des IT-Branchenverbands Bitkom fehlen bundesweit 55.000 IT-Spezialisten, die Bundesagentur für Arbeit meldete im August 828.000 offene Stellen. Nie war die Klage der Wirtschaft über fehlende Fachkräfte lauter. Zugleich sind 2,5 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Wie kann das sein?
Zunächst mal freuen wir uns natürlich über die anhaltende positive Entwicklung mit sinkender Arbeitslosigkeit und steigender Beschäftigung. Ein Nebeneffekt ist allerdings, dass viele Arbeitgeber wachsende Schwierigkeiten haben, freie Stellen zu besetzen. Im Schnitt wird eine freie Stelle mittlerweile nach 109 Tagen besetzt, vor zehn Jahren waren es lediglich 60 Tage. Zwar gibt es rein statistisch betrachtet bundesweit genug Arbeitskräfte. In einzelnen Unternehmen, Regionen und Branchen ist der Personalmangel aber ein sehr reales Problem, trotz mehr als zwei Millionen Arbeitsloser. 

Können oder wollen diese Menschen die freien Stellen nicht besetzen? 
Manche unserer Kunden können tatsächlich nicht. Sie haben „multiple Vermittlungshemmnisse“, wie wir das nennen: gesundheitliche Einschränkungen, Suchtprobleme, keine abgeschlossene Ausbildung, jahrelange Entwöhnung von einem geregelten Tagesablauf. Um diese Menschen zu erreichen, braucht es mehr als Jobangebote, da brauchen wir ganzheitliche Ansätze, die das ganze Lebensumfeld und die Familien in den Blick nehmen. Jobcenter, öffentliche Gesundheitsdienste, Sucht- und Schuldnerberatung, Kinderärzte, Schulen, Sozial- und Jugendämter müssen gemeinsam denken und handeln lernen, um die Lage der Menschen Schritt für Schritt zu verbessern. Wir müssen uns vor allem um die Kinder kümmern, damit Arbeitslosigkeit nicht vererbt wird. Das ist gesellschaftspolitisch wichtig, mir persönlich aber auch ein echtes Herzensanliegen. 

„Multiple Vermittlungshemmnisse“ beantworten die Frage nach Fachkraftmangel auf der einen und Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite aber nur zum kleineren Teil. 
In vielen Fällen passen Angebot und Nachfrage räumlich und fachlich schlicht nicht zusammen. Der Arbeitssuchende wohnt in Brandenburg, seine Fähigkeiten werden in Baden-Württemberg nachgefragt. Andersherum benötigt ein Unternehmen Mitarbeiter mit Qualifikationen, die vor Ort nicht vorhanden sind. Es gibt Regionen, in denen wir überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit und zugleich Fachkraftmangel feststellen. Das beginnt schon in der Ausbildung: Die ideale Lehrstelle befindet sich eben nicht immer um die Ecke. Es ist ja total verständlich, wenn Auszubildende in der Nähe ihrer Familie und Freunde, also in ihrem bekannten Lebensumfeld ins Berufsleben einsteigen möchten – und das möglichst in ihrem Traumberuf. Aber das ist nicht immer möglich. 

Wie gehen Sie damit um? 
Wir reden mit Bewerbern und Lehrstelleninteressenten wie auch mit Arbeitgebern und Ausbildungsbetrieben. Wir versuchen beiden Seiten klar zu machen, dass man aus pragmatischen Gründen vielleicht einige Abstriche in Kauf nehmen sollte. Ich wünsche mir Arbeitgeber, die sich wagemutig auf Menschen auch unterhalb des Traumkandidaten-Niveaus einlassen. Viele Unternehmen haben längst begriffen, dass der Arbeitsmarkt heute ein anderer ist als noch vor zehn Jahren; und dass man sich die Mitarbeiter nicht mehr unter vielen Bewerbern aussuchen kann. Das habe ich gerade auch wieder bei der Jobaktiv Messe erlebt. Diese Unternehmen bieten Weiterbildungen an, auch für ältere Beschäftigte, und stellen Azubis ein, trotz des einen oder anderen Defizits. Andere Betriebe haben diesen Erkenntnisprozess noch vor sich. 

Was sollten Lehrstellen- und Arbeitssuchende erkennen? 
Auch sie sollten bereit sein, sich von Idealvorstellungen zu verabschieden. Das fällt gerade jungen Menschen schwer. Aber da kann ich nur raten: Seht euch frühzeitig in Betrieben um, geht raus, macht Praktika und Ferienjobs, fragt Arbeitgeber in eurer Umgebung, ob man mal reinschnuppern kann. Wir unterstützen das mit vielen Angeboten, um den Übergang von der Schule in das Berufsleben zu erleichtern. Wir gehen beispielsweise in die Klassen und laden Auszubildende ein, ihre Erfahrungen direkt an ihre Altersgenossen weiterzugeben. 

Woher rühren die unrealistischen Vorstellungen mancher junger Leute vom Berufsalltag? 
Das klingt jetzt vielleicht platt, aber Film und Fernsehen spielen da schon eine Rolle. Der Koch auf dem Kreuzfahrtschiff in der Vorabendserie mag ein Held sein, im wahren Leben geht es anders zu in der Restaurantküche. Zum Teil tragen auch Unternehmen selbst mit Imagekampagnen zu überzogenen Erwartungen bei. Wenn Arbeitgeber nur mit der Schokoladenseite des Berufs werben, die weniger angenehmen Seiten aber verschweigen, dann sind Enttäuschungen programmiert. Und das ist ein ernstes Problem: Jedes Jahr brechen bundesweit 70.000 junge Leute ihre Ausbildung vorzeitig ab, manche wechseln den Ausbildungsberuf, andere den Lehrbetrieb, dritte studieren, gehen arbeiten oder melden sich arbeitslos. So oder so halte ich die Zahl von 70.000 Abbrüchen aber für erschreckend, weil sie zeigt, wie häufig Wunsch und Wirklichkeit nicht zusammenpassen. Im Unibereich ist das übrigens nicht anders: 800.000 Studentinnen und Studenten brechen insgesamt in Deutschland ihr Studium ab. 

Also mehr Ehrlichkeit und weniger Hochglanzwerbung? 
Unbedingt, ja. Unternehmen sollten ihre Arbeitsangebote möglichst realistisch präsentieren. Sie müssen die Vorzüge der Jobs ja nicht unter den Scheffel stellen, aber sie sollten eben auch die Nachteile benennen: Ja, Du musst auch am Sonntag mal Backwaren verkaufen, aber dafür gibt’s Zuschläge und einen freien Tag obendrauf. Passt? Passt. 

In welchen Branchen fehlen besonders viele Arbeitskräfte und Auszubildende?
Im Einzelhandel, im Handwerk, im Gastgewerbe, in Gesundheitsberufen und im sozialen Bereich allgemein. Und auf akademischer Ebene Spezialisten für IT und künstliche Intelligenz, quer durch alle Branchen. 

Bis auf Letztere zählen die genannten Berufe nicht eben zu den bestbezahlten der Republik, 
Die Bezahlung ist wichtig, aber nicht allein und nicht einmal zuerst ausschlaggebend. Arbeitnehmerbefragungen zeigen, dass die Atmosphäre im Betrieb, das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten, die Wertschätzung der Arbeit eine größere Rolle spielen als die Vergütung. Abgesehen davon kann der Staat die Löhne ja nicht einfach per Gesetz festlegen. 

Sind nicht vor allem die Unternehmen selbst am Fachkraftmangel schuld, weil sie zu wenig ausgebildet haben? Mittlerweile bietet nur noch jeder fünfte Betrieb Ausbildungsplätze an.
Das stimmt so nicht ganz. Gerade kleine Unternehmen orientieren sich am eigenen Personalbedarf und bilden entsprechend aus. Das heißt: Sie stellen nicht jedes Jahr neue Azubis ein, sondern nur alle drei oder fünf Jahre. Die werden dann in einem Jahr ohne neue Lehrlinge als nicht ausbildender Betrieb registriert. Das verzerrt die Statistik. Außerdem ist es für Unternehmen nicht so einfach, auf Ausbildungsbetrieb „umzustellen“. Das haben wir selbst erfahren. 

Wie das? 
Die Bundesagentur hatte 2013 und 2014 die Azubi-Ausbildung zum Teil ausgesetzt.  Wir haben das bald bereut, mussten aber erst einmal wieder die Voraussetzungen schaffen, also ausreichend Ausbilder und Berufsschulplätze zur Verfügung haben, um erneut ausbilden zu können. Das hat Arbeit, Geld und Zeit gekostet. War uns eine Lehre. 

Geld und Zeit kosten auch viele Qualifizierungsmaßnahmen, die von der BA finanziert werden – ohne Erfolg. Oft wird am Bedarf vorbei qualifiziert. 
Oft auch nicht, weil wir sehr eng mit den Unternehmen vor Ort zusammenarbeiten. Aber ich will nicht bestreiten, dass es da Luft nach oben gibt. Deshalb werden wir die Qualität solcher Maßnahmen künftig besser erfassen. Wie hoch ist die Vermittlungsquote im Anschluss an die Qualifizierung? Wie viele Teilnehmer brechen ab? Wie steht es um Fehlzeiten? Diese Kriterien sollen für die Auftragsvergabe an Weiterbildungsträger künftig maßgeblich sein. 2019 wird das neue Qualitätsmanagement flächendeckend scharf geschaltet. Außerdem können Arbeitsuchende mit Bildungsgutschein die absolvierte Maßnahme bewerten. Auch das liefert uns Hinweise auf die Qualität der Weiterbildungsangebote. 

Aber kann nicht das, was heute sinnvoll erscheint, morgen schon überholt sein? Die Digitalisierung schürt die Sorge vor massiven Arbeitsplatzverlusten. 
Unser Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht davon aus, dass diese Prozesse in den kommenden zehn Jahren rund 1,5 Millionen Stellen überflüssig machen werden, dass aber zugleich auch 1,5 Millionen neue Stellen entstehen. Leider werden die frei gewordenen Arbeitskräfte nicht einfach die neuen Stellen besetzen können, weil andere Qualifikationen gefragt sind. In Wahrheit weiß aber niemand genau, welche Arbeitskräfte wo in welcher Zahl in fünf oder zehn Jahren benötigt werden. Was wir tun können: Schritt für Schritt auf Veränderungen reagieren, auf Sicht fahren, lernbereit bleiben und offen sein für Neues. 

Interview: Stefan Sauer

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