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Blick auf den stark beschädigten Reaktor 1 (l.) der Atomruine Fukushima Daiichi und rechts den Reaktor 2.

Atomkraft in Japan

Ein langsamer Tod

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Japans Atombranche steckt seit Fukushima in der Krise. Auch im Ausland stocken die Projekte. Die Analyse.

Es ist noch nicht lange her, da gab sich Japan ziemlich siegessicher. Das Atom-Desaster von Fukushima sei ärgerlich und teuer, keineswegs aber das Ende aller Tage. Die für Japans Volkswirtschaft so wichtige, vermeintlich billige Energie aus den gut 50 Reaktoren im ganzen Land sei unverzichtbar. Und ohne das Know-how der dahinterstehenden Konzerne wiederum käme die ganze Welt nicht aus. Japans Atombranche, die wegen ihrer guten Vernetzung in alle wichtigen Kreise eben oft als nukleares Dorf bezeichnet wird, werde diese Krise überleben.

Fast acht Jahre sind vergangen, seit nach einem Erdbeben der Stärke 9 und einem teils 40 Meter hohen Tsunami drei der sechs Atomreaktoren des Kraftwerks Fukushima die Kerne schmolzen. Und auch wenn sich Politik und Wirtschaft seither viel Mühe geben, alles nur wie einen Betriebsunfall aussehen zu lassen, von dem man sich schon bald wieder erholen werde, tritt immer deutlicher das Gegenteil zutage. Gut möglich, dass Japans Atombranche statt einem Revival gerade langsam stirbt.

Zuletzt zeigte sich dies am Multikonzern Hitachi, der jetzt verkündete, sich aus seinen AKW-Geschäften in Großbritannien zurückzuziehen. Im November cancelte schon Toshiba nach einem Projekt in den USA ein weiteres in Großbritannien. Beide Firmen stehen vor dem Problem, dass die Preise für Atomkraft durch strengere Regulierung steigen, während erneuerbare Energien billiger werden.

Im britischen Energiemix, an dem die Atomkraft bisher knapp ein Fünftel ausmachte, dürfte der Anteil in Zukunft fallen. Wegen des nahenden Endes der Laufzeiten einiger Atomkraftwerke mutmaßen einige Politiker Großbritanniens gar ein natürliches Ablaufdatum der Atomkraft in einem guten Jahrzehnt. Für Konzerne keine attraktiven Investitionsbedingungen.

Ähnlich sieht es in Japan selbst aus. Zwar wurden seit der Katastrophe von Fukushima wieder einige Reaktoren nach strengeren Prüfverfahren ans Netz gelassen und ein bereits vor 2011 begonnener Kraftwerksbau fortgesetzt. Neue Projekte wurden aber nicht mehr angestoßen.

Weniger als die Stimmung der Japaner, von denen die Mehrheit seit Fukushima gegen die Atomenergie ist, haben ökonomische Prinzipien die japanische Branche in eine tiefe Krise gestoßen. Strengere Sicherheitsvorschriften machen das Geschäft zusehends unattraktiv. Das japanische Taumeln provoziert auch ein Wanken in der globalen Atombranche, die seit Jahrzehnten von japanischem Know-how abhängt. Laut dem „World Nuclear Industry Status Report“ waren 2018 zwar 50 neue Anlagen in Bau. Doch fiel ein Großteil auf China, wo es in den Folgejahren nicht mehr zu ähnlich vielen Projekten kommen wird. In anderen Ländern, etwa in Argentinien, Indonesien und Kasachstan, wurden Baupläne verschoben, in Jordanien, Malaysia und den USA Vorhaben ganz aufgegeben.

In Japan ist offiziell kein Ende in Sicht. Laut dem neuen Energieplan der Regierung von Premierminister Shinzo Abe soll Atomkraft bis 2030 wieder einen Anteil von knapp einem Viertel ausmachen, also ähnlich viel wie vor der Katastrophe. Allerdings fragt man sich zusehends, wie dies gelingen soll. 2018 kam die Atomkraft nur auf knapp zwei Prozent. Und das „nukleare Dorf“ kann immer weniger auf Profite aus dem Ausland zurückgreifen, um ins durch Sicherheitsbestimmungen teurer werdende Inlandsgeschäft zu investieren.

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