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Die Zerstörung des Internets

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Immer mehr Daten werden in den Rechenzentren von wenigen Anbietern wie Amazon gespeichert. Das ist ein Risiko.

Man kann die Sache so sehen wie Werner Vogels: als riesigen Fortschritt, von dem viele profitieren. Der Technikchef des Versandhändlers Amazon preist die Rechenzentren seines Unternehmens als perfekte Dienstleistung für fast jede Firma, die große Datenmengen speichern und verarbeiten muss. Eine Anmeldung bei Amazon genügt, und schon steht via Internet immer genau so viel Speicher und Rechenleistung zur Verfügung, wie gerade benötigt wird.

Bekannte Firmen wie der Videodienst Netflix oder das Unterkunftsportal Airbnb speichern ihre Filme und Übernachtungsangebote auf Amazons Servern. Sie haben keine eigenen Rechenzentren. Das Angebot von Amazon ist für sie unkomplizierter und billiger. Statt sich mit lästigen Hardware-, Software- und Sicherheitsfragen zu beschäftigen, können sich die Firmen auf den Kern ihres Geschäfts – den Verkauf von Filmen und Übernachtungsgelegenheiten – konzentrieren. Wer heute einen Netflix-Film schaut, der ruft die Daten von Amazon-Servern ab.

Man kann die Sache aber auch so sehen wie Ray Hicks. Der Chef des Chicagoer Cybersicherheitsexperten 5th Column hält es für riskant, dass immer mehr Daten in den Rechenzentren von Amazon, Google, Microsoft, Alibaba und IBM gespeichert werden. „Das größte Risiko ist die Zentralisierung“, warnt Hicks. „Das Internet bestand aus autonomen Netzen, die miteinander kommunizierten. Jetzt, mit der Cloud, können Angreifer das ganze Netz übernehmen.“

Die Cloud, damit sind die bereits erwähnten Rechenzentren von Amazon & Co. gemeint, die jeder gegen Entgelt nutzen kann. Die Beratungsfirma IDC schätzt, dass bis 2015 die Hälfte aller Daten in der Cloud gespeichert sein werden. Damit werden die Internetkonzerne zu Hütern eines Schatzes: den Daten und dem Wissen der Menschheit.

Denn auf dem Cloud-Markt sind schon jetzt nur wenige Anbieter tätig. Das liegt in der Natur des Geschäfts: Der Aufbau und der Betrieb von Rechenzentren ist teuer. Das können sich nur wenige Firmen leisten. Und wer einmal große Kapazitäten in Betrieb hat, profitiert von Skaleneffekten, wodurch er seine Dienstleistungen günstiger anbieten kann als Unternehmen, die neu in den Markt eintreten. Es gibt also eine natürliche Tendenz zum Monopol.

Das lässt sich an Zahlen ablesen: Die fünf größten Cloud-Anbieter haben nach Angaben der Marktforschungsfirma Canalys ihren Marktanteil binnen Jahresfrist (zu Ende 2018) von 61,1 auf 66,2 Prozent gesteigert, wobei der kleinste unter ihnen, IBM, wie andere kleinere Anbieter zurückgefallen ist.

In den nächsten Jahren wird der Datenschatz der Menschheit so groß wie nie zuvor werden. Handys, Computer und Maschinen werden immer und überall Daten erfassen. IDC erwartet, dass sich der schon heute unvorstellbar große Datenberg bis zum Jahr 2025 noch einmal mehr als verfünffachen wird. Es sind Daten, mit denen man Arzneien und Maschinen entwickeln und den Verkehr steuern kann – und die Auskunft über Verhalten und Vorlieben der Menschen geben.

Die Internetkonzerne versprechen, diese Daten gut zu schützen, besser als es die allermeisten Menschen könnten. Ohne Sicherheit habe man kein Geschäft, sagt Amazon-Manager Vogels. Aber Missbrauch ist nie ausgeschlossen – durch die Konzerne selbst, durch Hacker oder Regierungen. Zentralisierung ist ein Risiko.

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