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Die SPD hat die 21-Prozent-Lücke im vergangenen Bundestagswahlkampf prominent zum Thema gemacht.

Analyse Gender Pay Gap

Belohnen, nicht bestrafen

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Frauen verdienen weiterhin 21 Prozent weniger als Männer. Doch nicht die Firmen sind das Problem, sondern die Gesellschaft.

Es ist alle Jahre wieder dieselbe Klage. Und manche mögen ihrer inzwischen überdrüssig sein. Doch solange sich nichts ändert, muss die Gesellschaft sie ertragen. Denn das Anliegen der Frauen, genauso gut bezahlt zu werden für ihre Erwerbsarbeit wie Männer, ist absolut berechtigt. Eine unterschiedlich hohe Bezahlung lediglich aufgrund des Geschlechts ist einzig und alleine eines: Diskriminierung.

Umso beschämender ist es, dass es in der Frage kaum Fortschritte gibt. Seit dem Jahr 2006 ist der Verdienstunterschied gerade einmal um zwei Punkte auf 21 Prozent zurückgegangen. Auf diesem Niveau verharrt der Wert nun seit drei Jahren, wie am Donnerstag veröffentlichte Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2018 zeigen. Und das, obwohl das Thema im öffentlichen Diskurs längst gut verankert ist.

Gender Pay Gap: Zweifelhafte Messmethode

Die Sozialdemokraten haben die 21-Prozent-Lücke im vergangenen Bundestagswahlkampf auf ihren Plakaten prominent zum Thema gemacht. Dafür mussten sie sich teils scharfe Kritik anhören. Ihnen wurde vorgeworfen, die Zahl sei unseriös. Dabei hat auch die SPD sich nur auf die Daten des Statistischen Bundesamtes gestützt, das allgemein als verlässliche Quelle gilt.

Auch wenn das Prinzip richtig ist, dass die Politik nicht in Lohnverhandlungen eingreifen soll, so war und ist es genauso richtig, dass die SPD sich der Lohnlücke annimmt. Denn diese Problematik ist eine gesellschaftliche Frage, die nur politisch gelöst werden kann. Dafür stehen die oft kritisierten 21 Prozent geradezu emblematisch.

Kritiker greifen den Wert deshalb an, weil damit pauschal der Verdienstabstand zwischen berufstätigen Männern und berufstätigen Frauen beziffert wird. Die Messmethode nimmt keine Rücksicht darauf, dass es Unterschiede gibt zwischen Frauen und Männern, was die ausgeübten Berufe oder die Arbeitsplatzanforderungen betrifft. Es werden also zum Beispiel Frauen, die Teilzeit in der schlecht bezahlten Pflegebranche arbeiten, mit Männern verglichen, die als Führungskräfte in Vollzeit in der hochbezahlten Autoindustrie tätig sind. Das halten Kritiker für geradezu unerträglich.

Und in der Tat, wenn man die alle vier Jahre durchgeführte Verdienststrukturerhebung des Statistischen Bundesamtes heranzieht, zeigt sich, dass die um strukturelle Faktoren bereinigte Lohnlücke deutlich schrumpft – und zwar auf nur noch sechs Prozent (im Jahr 2014).

Auch das ist zwar noch eine Lücke, die geschlossen gehört. Aber es zeigt sich, dass Frauen und Männer bei gleicher Tätigkeit von den Unternehmen fast gleich bezahlt werden. Für den weitaus größeren Teil der Lohnlücke ist also die Gesellschaft verantwortlich. Warum? Weil sie es Frauen zum Beispiel noch immer schwer macht, die gleichen Karrierewege wie Männer einzuschlagen, hierzu sei nur das Thema Kinderbetreuung erwähnt. Warum noch? Weil Branchen und Berufe, in denen Frauen besonders häufig tätig sind, finanziell weniger lukrativ sind als typische Männerbranchen und -berufe. Dabei verdienen Pflegerinnen, die sich um Kranke oder alte Menschen kümmern, mindestens so viel Wertschätzung wie ein Banker, der mit komplexen Finanzprodukten jongliert.

Das zu korrigieren, ist eine politische Aufgabe. Die Gesellschaft will, dass Frauen Kinder bekommen. Sie will, dass Frauen im Sozial-, Erziehungs- oder Gesundheitswesen arbeiten. Also sollte sie sie finanziell belohnen. Nicht bestrafen.

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