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Ein Traktor auf einem Feld in Schleswig-Holstein verteilt im Frühjahr 2020 Pestizide.

Landwirtschaft

Klöckner redet Pestizid-Problem klein

  • vonHanna Gersmann
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Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) fordert in einem Brief an drei niedersächsische Bischöfe mehr Unterstützung für die Landwirte – und redet darin das Pestizid-Problem klein.

Es klingt nach einer Wende: „Wir müssen auch den Blick lenken auf die positiven Entwicklungen. Im Jahr 2019 hat der Absatz von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen in der Landwirtschaft den drittniedrigsten Wert seit 1977 erreicht.“ An diesem Mittwoch wird Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) vor die Presse treten und erklären, wie viele Pestizide die deutschen Landwirte 2019 gekauft haben. Ihre Botschaft hat sie mit dem Satz in einem offenen Brief vorweggenommen. Dieser zeigt, wie Klöckner Agrarpolitik versteht.

Sie schreibt den Brief – vier Seiten, Anrede „Sehr geehrte Exzellenzen“ - drei niedersächsischen Bischöfen, macht darin klar, was sie von Bauern hält: viel. Und was sie von Städtern oder Nichtlandwirten hält, die sich in die große gesellschaftliche Debatte zur Zukunft der Landwirtschaft einschalten: wenig.

Der Hintergrund: In Niedersachsen, dem deutschen Agrarland schlechthin, sammeln derzeit Umweltschützer Unterschriften für ein Volksbegehren „Artenvielfalt. Jetzt!“. Die Initiatoren vom Naturschutzbund Niedersachsen (Nabu) schreiben: „Vom Harz bis an die Küste, von der Ems bis zur Elbe sind Lebensräume und Arten in ihren Vorkommen gefährdet.“ Jeden Tag würden Flächen zugebaut, asphaltiert und betoniert. Das sei ein Grund für die Bedrohung von Tierarten. Der andere: die Intensivlandwirtschaft. An ihren Infoständen habe es Übergriffe von Bauern gegeben, beklagen die Naturschützer, Bauernvertreter weisen das zurück. Die Stimmung: gereizt.

Pesizide

Mitte Juli dankten dann der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, sein Hildesheimer Kollege Heiner Wilmer und der Weihbischof Wilfried Theising aus Vechta via offenem Brief den Landwirten „von Herzen“ für ihre Arbeit. Zwei von ihnen sind selbst auf Bauernhöfen aufgewachsen, der eine im Emsland, der andere im Münsterland. Der dritte kommt aus einem Dorf bei Paderborn.

Die drei erklären: „Extreme Wetterlagen nehmen zu. Zudem erhöhen politische Entscheidungen der letzten Monate bei vielen Landwirten ihre Existenzsorgen. Sie zeigen das insbesondere durch Demonstrationen, Mahnfeuer und das Aufstellen der grünen Kreuze, aber auch in vielen Diskussionen mit politisch Verantwortlichen und in unterschiedlichen Medien. Wir begrüßen Ihr gesellschaftliches Engagement.“ Und die Bischöfe enden: „Seien Sie sicher: Diesen Zukunftsdialog führen wir auf positiv kritische Weise an der Seite der Landwirt*innen, also an Ihrer Seite.“

Für diesen Brief, so schreibt Klöckner dann den Bischöfen „danke ich Ihnen!“. Und weiter: „Gute Ratschläge bekommen Bauern viele, aus dem städtischen Milieu, von Nicht-Landwirten und Nicht-Praktikern.“ Bei vielen Bauern gehe es aber „schlichtweg um die Existenz“. Und ja, schreibt sie: „Wir müssen noch nachhaltiger-, klima- und tierwohlgerechter werden“ – bevor das „Aber“ folgt und der Hinweis darauf, dass seit Ende der 70er Jahre selten so wenige Pestizide verkauft wurden wie zuletzt. Nur: Ist das wirklich eine Wende?

Ein Blick in den Jahresbericht des Industrieverbandes Agrar, der die deutsche Pflanzenschutz- und Düngemittelindustrie vertritt. Im Kapitel „Der Pflanzenschutzmarkt 2019, Nettoinlandsumsatz im freien Fall“ steht, dass 2019 der Nettoinlandsumsatz rund 1,19 Milliarden Euro betrug, also 6,9 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Wer dann weiterliest, versteht: Das hatte wie schon 2018 vor allem einen Grund: die Trockenheit. Ist es naß, werden Getreide, Obst und Wein mit Fungiziden gespritzt, etwa gegen Mehltau. Bei Dürre ist das nicht so nötig. Auch Unkraut sprießt weniger, wenn es trocken ist. Das mindert den Herbizideinsatz. Anti-Schnecken-Mittel verkauften sich ebenfalls schlechter.

Mit Umdenken, mit einer neuen Agrarpolitik, mit Ministerin Julia Klöckner habe das Minus bei der Agrarchemie nichts zu tun, sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte bei der Umweltorganisation Greenpeace. Es gebe keinen neuen Trend zu weniger Agrarchemie, auch kein großes Plus an Ökoflächen. Bauern säten auch nach wie vor nur selten unterschiedliche Pflanzen auf ihren Feldern, um es Schädlingen schwer zu machen. Stattdessen dominierten bei konventionellen Landwirten vor allem ertragreicher Mais und Getreide – aus ökonomischen Gründen. Wer das ändern wolle, müsse jene besserstellen, die den Einsatz von Pestiziden mindern – und milliardenschwere EU-Subventionen für Landwirte neu verteilen.

Klöckner bedauerte in ihrem Brief indes, dass nicht alle Kirchenvertreter ähnliche Töne anschlagen würden wie die drei niedersächsischen Bischöfe. Sie schreibt: „Nicht selten bekommen Landwirtsfamilien, deren Ansinnen es ebenfalls ist, die Schöpfung zu bewahren, von kirchlichen Gruppierungen schnell gemachte Forderungen ‚vorm Hoftor abgeladen.“

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