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„Amazon stopft sich voll“

Wut auf Online-Riesen: Frankreich ruft zu „Weihnachten ohne Amazon“ auf

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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22 Prozent Marktanteil, fast 50 Prozent mehr Umsatz trotz Corona: Der Einzelhandel in Frankreich ist mächtig sauer auf den Online-Riesen Amazon. Jetzt gibt es einen Boykott-Aufruf.

  • In Frankreich wird zum Boykott von Amazon im Weihnachtsgeschäft aufgerufen.
  • Die Black Friday-Aktionen auf Amazon wurden dort wegen der Corona-Krise verschoben.
  • Der Einzelhandel ist sauer auf den Online-Riesen und die Politik.

Paris - Die französische Kulturministerin Roselyne Bachelot wurde sehr deutlich: „Ja, Amazon stopft sich voll. Es ist an uns, sie nicht noch zusätzlich zu mästen.“ Die harten Worte einer politisch gemäßigten Vertreterin der Macron-Regierung sprechen Bände über die Stimmung in Frankreich. Buchhandlungen, Textilfirmen, aber auch Künstler:innen, Autor:innen und sogar die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo werfen dem amerikanischen Online-Händler vor, er reiße das Weihnachtsgeschäft an sich und treibe in der aktuellen Corona-Krise den Einzelhandel noch ganz in den Ruin.

Als Reaktion fordert eine Petition die Franzosen und Französinnen zu „Weihnachten ohne Amazon“ auf. Der Erklärtext vermeidet das Wort „Boykott“, bezeichnet die Bestellplattform aber unverhohlen als „digitalen Wegelagerer“. Auch Grünenpolitiker:innen, Gewerkschafter:innen und Nichtregierungsorganisationen haben den Aufruf unterzeichnet. „Es ist nicht nur ein Appell, nicht mehr auf Amazon zu bestellen, sondern eine positive Petition zugunsten der lokalen Kleinhändler:innen und eines nachhaltigen Onlinehandels“, heißt es in dem Text, der auch eine spezielle Besteuerung von Amazon verlangt.

Boykott von Amazon in Frankreich: Chef posaunte Umsatzplus mitten in Corona-Krise

Die vehementen Worte hat sich der Online-Anbieter zum Teil selbst zuzuschreiben. Sein Frankreich-Chef Frédéric Duval posaunte mitten in der Corona-Rezession, er habe in diesem Jahr 40 bis 50 Prozent Umsatz zugelegt. Damit weckte er den Zorn vom Einzelhandel, der katastrophale Verkaufseinbrüche erleidet. Viele hatten auf das rettende Weihnachtsgeschäft gesetzt. Doch die zweite Corona-Welle schmälerte diese Hoffnungen rasch wieder.

Die Regierung brachte die kleinen Händler:innen zusätzlich auf die Palme, als sie Ende Oktober einen neuen, teilweisen Lockdown verkündete, der teils unverständliche Maßnahmen beinhaltet. So dürfen nur Läden mit „unentbehrlichen“ Produkten offen bleiben. Blumen und Bücher fallen zum Beispiel nicht darunter, Zeitungen und Alkoholika aber schon. Supermärkte bleiben geöffnet, da sie „unentbehrliche“ Lebensmittel und Hygieneartikel anbieten; kleine Buchhandlungen mussten aber ihre Rollläden herunterlassen.

Läden in Frankreich wegen Corona dicht: Viele bestellen auf Amazon

Premierminister Jean Castex sah den Widersinn dieser Maßnahmen ein. Auf den Rat seines „Wissenschaftsrates“ hin erlaubte er aber nicht etwa den kleinen Läden, Kundschaft – etwa im Einzelempfang – zu bedienen. Vielmehr untersagte er den Großverteilern den Verkauf von Büchern, Pflanzen oder „entbehrlichen“ Kleidungsstücken (Unterwäsche bleibt im Verkauf). So finden sich die Einkaufenden im Supermarkt vor teils abgeschlossenen Regalen wieder. Viele bestellen das benötigte Produkt dann über Amazon.

Diese absurde Situation umgehen findige Buch- und Kleiderhändler:innen mit dem Prinzip „call&collect“ (Anrufen und Abholen): Sie nehmen telefonische oder digitale Bestellungen entgegen und verteilen die Ware dann vor dem eigentlich geschlossenen Ladentor.

Black Friday auf Amazon in Frankreich verschoben

Viele Franzosen und Französinnen unterstützen solche lokalen Initiativen zur Rettung des Kleinhandels. Doch das Gros der Aufträge entfällt weiterhin auf den Amazon-Konzern, der den Onlinehandel in Frankreich mit sieben riesigen Verteilzentren und 22 Prozent Marktanteil dominiert. Und im französischen Weihnachtsgeschäft wollte das Unternehmen des Milliardärs Jeff Bezos noch bedeutend stärker abräumen.

Ein Mittel dafür ist der aus den USA importierte Rabatt-Tag „Black Friday“. Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire versuchte vergeblich, ihn zu verhindern. Er hat zwar keine Handhabe dafür gefunden, aber immerhin erreicht, dass die Schnäppchenaktion um eine Woche vom 27. November auf den 4. Dezember verschoben wird.

Die Wirkung könnte beträchtlich sein. Denn Präsident Emmanuel Macron will den Lockdown noch diese Woche zurückfahren, mit der Folge, dass Einkäufe am 4. Dezember wieder physisch möglich sein dürften. Damit wären Bürger:innen nicht mehr gezwungen, ihre Weihnachtskäufe an dem landesweit beliebten „Black Friday“ nur über Amazon abzuwickeln. (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © AFP

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