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Die geflüchtete Afghanin Mastura Ekhlas im VW-Logistikzentrum in Baunatal. Auch VW ist Mitglied von Tent.
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Die geflüchtete Afghanin Mastura Ekhlas im VW-Logistikzentrum in Baunatal. Auch VW ist Mitglied von Tent.

Integration

Am Ende endlich ein Job

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Frauen mit Fluchterfahrung finden oft nur schwer eine Arbeitsstelle. Die Organisation Tent will das nun auch in Europa gemeinsam mit vielen Unternehmen ändern.

Mona Asadi weiß, was es bedeutet, als Geflüchtete in ein fremdes Land zu kommen – und sie weiß, was es für ein Zugewinn ist, dort eine Arbeitsstelle zu finden. Mit ruhigen Worten beschreibt sie bei einer digitalen Pressekonferenz des europäischen Wirtschaftsgipfels für geflüchtete Frauen in Brüssel, wie sie vor neun Jahren wegen ihres politisches Engagements ohne Pass aus dem Iran in die Niederlande kam. Wie die Unsicherheit wegen der fehlenden Sprachkenntnisse an ihrem Selbstbewusstsein nagte, wie die ungewohnten Gepflogenheiten in der anderen Kultur sie überforderten, wie sie oft das Gefühl hatte, dass ihre tatsächlichen Fähigkeiten für andere Menschen durch ihren Flüchtlingsstatus unsichtbar wurden.

Erfolgreicher Tent-Gründer

Asadi hat einen Job beim Personaldienstleister Manpower Group gefunden und war dort Teil eines Mentorenprogramms. Demnächst wird sie selbst Mentorin für eine geflüchtete Person sein, wenn das Unternehmen sich an der in Europa neuen Initiative Tent beteiligt. Tent hat sich gemeinsam mit der Non-Profit-Organisation Catalyst zur Aufgabe gemacht, geflüchtete Frauen in Berufe zu bringen. Denn die Beschäftigungsquote von geflüchteten Frauen liegt weit unter der von Einheimischen – und unter der von geflüchteten Männern.

Weltweit hat Tent mittlerweile mehr als 200 namhafte Firmen als Mitglieder gewinnen können, die sich an diesem Ziel beteiligen wollen – auch weil sie den Fachkräftemangel mittlerweile schmerzhaft spüren. Zum Europa-Start der Kooperation zwischen Tent, Catalyst und den beteiligten Unternehmen wurde eine Studie von Economist Impact durchgeführt, die besagt, dass die arbeitende Bevölkerung zwischen 2018 und 2030 um 13,5 Millionen Menschen schrumpfen wird. Die Unternehmen werden dadurch auch auf die Arbeitskraft und die Fähigkeiten der geflüchteten Bevölkerung angewiesen sein.

In Europa startete die Kampagne offiziell am 9. November. International sind bereits Firmen wie SAP, Levi’s und Ikea beteiligt. In Deutschland gehören unter anderem Pfizer und Adidas dazu. Aber auch Barilla, L’Oreal, Sodexo, Hilton und H&M werden in Deutschland Mentorenprogramme für Geflüchtete starten. In Deutschland werden sie dabei unter anderem von den Organisationen Jobs4Refugees und Start Steps unterstützt.

Europaweit haben sich bisher 24 Unternehmen bereiterklärt, geflüchtete Frauen bei der Jobsuche zu unterstützen. In den nächsten drei Jahren werden mehr als 1200 weibliche Geflüchtete – darunter auch kürzlich eingereiste afghanische Frauen – geschult werden, um den Einstieg in einen Beruf und damit in die Gesellschaft zu finden.

Nicht alle der Frauen werden eine Biografie schreiben wie Tent-Gründer Hamdi Ulukaya. Ulukaya ist zwar nicht geflohen, aber als kurdischer Einwanderer und Sohn einer Schäferfamilie 1994 in die USA gekommen. In Twin Falls in Idaho übernahm er eine Molkerei, wo – an die Familientradition anknüpfend – Joghurt und Schafskäse produziert wird. Sein Molkereiunternehmen Chobani hat ihn zum Milliardär gemacht hat, er zählt zu den 1500 reichsten Menschen der Erde.

Erfolg, Erfahrung und Macht bringen bestenfalls Verantwortungsbewusstsein mit sich. Schon von Beginn an gingen zehn Prozent des Gewinns seiner Firma über eine Stiftung an wohltätige Zwecke. In seinem Unternehmen soll jede Dritte beschäftigte Person eine Fluchtgeschichte haben.

Nicht nur in Europa gibt es Nachholbedarf, wenn es um die Integration Geflüchteter am Arbeitsmarkt geht – aber es tut sich auch etwas: Die von Tent geförderte Studie ist 2017 noch zu einem starken Abstand bei der Beschäftigung von geflüchteten zu einheimischen Frauen gekommen: Nur 45 Prozent der geflüchteten Frauen in Europa hatten einen Arbeitsplatz – in Deutschland waren es sogar nur 13 Prozent. Einheimische Frauen gingen zu 74 Prozent einer Arbeit nach, geflüchtete Männer zu 45 Prozent.

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom August 2021 sieht etwas Besserung: Heute ist gut die Hälfte der Geflüchteten, die seit 2013 nach Deutschland gekommen sind, nach fünf Jahren erwerbstätig. Bei geflüchteten Männern beträgt dieser Anteil 60 Prozent, bei den Frauen sind es 28 Prozent.

„Die Pandemie hat sichtbar gemacht, dass es die Geflüchteten sind, die mit ihrer Energie an der Front arbeiten“, sagt Ulukaya bei der digitalen Pressekonferenz. Sie wollten ein Teil der neuen Gesellschaft sein, nach ihrer aufwühlenden Reise ein Zuhause haben. „Es sind die persönlichen Verbindungen, das Interesse an der anderen Person, das gegenseitige Voneinander-Lernen, das bei der Arbeit und durch Arbeitskollegen einen maßgeblichen Einfluss auf die Integration hat.“

Das Mentorenprogramm bei der Manpower Group habe ihr geholfen, sagt Mona Asadi. Besonders beim Sprechen mit Muttersprachlern sei ihr viel Geduld entgegengebracht worden, wodurch sie viele Unsicherheiten abbauen konnte. „Auch heute spüre ich manchmal noch die Hürden“, sagt Asadi. „Aber heute weiß ich, wie ich sie klären oder wo ich mir Unterstützung holen kann.“

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