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Besonders im Elektronik-Bereich sind die asiatischen Staaten Vorreiter.

Verschenkte Innovationen

Die alte deutsche Schwäche

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Deutschland gilt als Hort der Erfinder. Aber es bleiben Mängel. Aus den eigenen Ideen Produkte und mit diesen Geld zu machen, das gelingt anderen Nationen besser.

„Die Liste der Heldentaten ist lang“, sagt Lorenz Kaiser. Dann zählt der Chefjurist der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) eine bemerkenswerte Auswahl deutscher Erfindungen auf: den Buchdruck von Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert, das Auto von Karl Benz und Gottlieb Daimler 1886, den Computer von Konrad Zuse 1941. In den 1960ern erfand Rudolf Hell den Scanner, in den 1980ern wurde in Deutschland die mp3-Technologie entwickelt. Aber nicht aus jeder dieser bahnbrechenden Erfindungen wurde in hierzulande ein marktfähiges Erfolgsprodukt. Denn Deutschland gilt zwar als das Land der Ideen, aber mit einer hartnäckigen Schwäche beim Ausbeuten derselben.

Experten wie Kaiser attestieren gleichwohl Fortschritte. „Die deutsche Industrie ist viel innovationsorientierter als früher“, sagt er. Das gelte vor allem für die Autoindustrie. Perfekt ist die Lage aber nicht. Im aktuellen EU-Innovationskraftindex liegt Deutschland einerseits erstmals vor Dänemark und hinter Schweden auf Rang zwei. Andererseits bleiben Mängel.

Was einer noch besseren Platzierung entgegensteht, ist im Urteil der EU-Experten neben der mangelnden Finanzierung oft risikobehafteter Neuheiten vor allem die Fähigkeit, diese zu Geld zu machen, also die alte deutsche Schwäche. Global sind laut Studie die USA und Japan am innovativsten, wenngleich die EU den Abstand zum Spitzenduo seit 2008 halbiert hat. Auch Südkorea und China kommen. 2012 hat der südkoreanische Konzern Samsung erstmals Siemens als Europameister im Anmelden von Patenten abgelöst. Als erster chinesischer Konzern landete der Technologieriese ATE unter den Top Ten der anmeldstärksten Firmen. Die neue Patentmacht China liegt heute mit gut sieben Prozent aller Anmeldungen in Europa auf Rang vier, gefolgt von Südkorea und hinter den USA, Japan sowie Deutschland.

Übermächtige Chinesen

„Anmeldung ist nicht gleichbedeutend mit Patenterteilung“, relativiert ein Sprecher des Amts. Im Schnitt münde nur jedes vierte Ersuchen in einer Erteilung. Komme die Erfindung aus China, sei es weniger. Vor allem Europa rage durch die Qualität seiner Erfindungen heraus.

Allein die schiere Masse chinesischer Patentanmeldungen vor allem im Heimatland ist allerdings beeindruckend, sagt Kaiser. Dort würden pro Jahr fast 800?000 Erfindungen angemeldet, das Dreifache der Anmeldungen aller Nationen beim Europäischen Patentamt. „China wird bedrohlich“, findet Kaiser.

Nicht immer seien Patente aber als Indikator für Innovationskraft brauchbar. Es gebe Branchen wie Computer- und Informationstechnologie, wo der Fortschritt so rasant und der Produktlebenszyklus so kurz sind, dass Patente kaum lohnen. Andere Branchen wie Pharma seien wegen langer Produktlaufzeiten auf geistigen Schutz existenziell angewiesen. Dann gebe es Unternehmen, die das Anmelden einer Erfindung mit einsehbarer Patentschrift scheuen, weil sie fürchten, damit erst Nachahmer auf die Spur zu locken. „Keine unberechtigte Furcht“, sagt ein Patentexperte.

Im Schnitt dauert es zehn Jahre und mehr, bis eine Patentanmeldung zum Produkt wird. Patente können auch missbraucht werden. Angemeldet werden nicht nur das eigentliche Patent sondern angrenzende Technologien, die es Konkurrenten schwerer machen, um eine Erfindung herumzuforschen. Auch mancher Patentkrieg gilt als Missbrauch des Schutzrechtsgedankens, der eigentlich dem Fortschritt dienen soll. „Technik, die als Standard notwendig, aber durch Rechtsstreit unzugänglich ist, wird zum Hindernis für jede Weiterentwicklung“, warnt Kaiser.

Durch Rechtsstreitigkeiten könne man oft mehr verdienen als durch klassisches Produktgeschäft. Kläger erzwingen vielfach teuere Lizenzzahlungen, weil dem Beklagten ein Vermarktungsstopp noch teuerer käme. Das Volumen dieses Lizenzgeschäfts taxiert Kaiser für die letzten 15 Jahre auf global 200 Milliarden Dollar. Tendenz steigend.

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