+
Blick in den neuen Verwaltungssitz von Bio-Lebensmittelhändler Alnatura.

Alnatura

Alnatura-Chef im Interview: „Erst der Sinn, dann der Gewinn“

Alnatura-Chef Götz Rehn spricht im Interview über das bessere Bio, die Konkurrenz der Discounter und die nächste Generation im Unternehmen.

Mit aller Macht drängen konventionelle Supermarktketten und Discounter seit dem vergangenen Jahr in den Markt für Bio-Produkte und erhöhen damit den Druck auf traditionelle Bio-Fachmärkte. Im Gespräch erläutert Götz Rehn, Gründer und Chef der Darmstädter Bio-Fachmarkt-Kette Alnatura, was sein Unternehmen von der neuen Konkurrenz unterscheidet, warum es sehr gutes und weniger gutes Bio gibt und wieso er als Vater zweier erwachsener Kinder Alnatura in zwei Stiftungen überführt hat.

Herr Rehn, muss der Gründer und Chef der zweitgrößten deutschen Bio-Supermarkt-Kette ausschließlich Bio-Nahrungsmittel zu sich nehmen, damit er morgens mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen kann?

Wann immer ich es selbst in der Hand habe, esse ich nur Produkte aus biologischem Landbau. Schon weil sie besser schmecken. Auf Reisen ist das natürlich nicht immer möglich. Aber zu Hause esse ich nur Bio-Produkte.

Ich nehme an, nur die von Alnatura?

Ja, natürlich. Mit größter Freude.

Dass Sie auch als Konsument den Umsatz Ihres Unternehmens steigern, ist nachvollziehbar. Aber heute bieten alle konventionellen Supermärkte und Discounter hierzulande eine Vielzahl von Bio-Produkten an. Sind die Lebensmittel einer Biofachmarkt-Kette wie Alnatura besser als die Bio-Lebensmittel der großen Supermarkt- und Discountketten?

Natürlich gibt es bei Bio ganz unterschiedliche Qualitäten. Und Sie können die Lebensmittel nach verschiedenen Kriterien analysieren: Stammt das Produkt aus dem Ausland oder aus der Region? Was hat es für eine Rezeptur in der Weiterverarbeitung? Wie viele wertgebende Inhaltsstoffe hat es? Und ganz wichtig: Haben die Bauern faire Preise erhalten? Denn wenn dem nicht so ist, können sie auch nicht biologisch wirtschaften. Es gibt also unterschiedliche Bio-Qualitäten und entsprechend unterschiedliche Preise. Wir haben seit 35 Jahren einen sogenannten Arbeitskreis Qualität, der aus sechs selbstständigen unabhängigen Experten besteht, die jedes Alnatura-Produkt absegnen müssen. Damit geht unser Standard weit über die Anforderungen hinaus, die für das EU-Biosiegel zu erfüllen sind.

Alnatura-Chef Götz Rehn: Bio ist nicht gleich Bio

Aber die Discounter Lidl oder Kaufland bieten doch auch Bio an, das über die EU-Mindestanforderungen hinausgeht. Lidl bezieht Produkte von Bioland und Kaufland von Demeter.

Das ist richtig. Aber der Anbau garantiert letztlich nicht hohe Produkt-Qualität. Demeter und Bioland sind Markenzeichen für bestimmte Landbau-Methoden. Das heißt zunächst nur, dass die Rohstoffe erstklassig sind. Die stammen dann zum Beispiel nicht von Höfen, auf denen sowohl ökologischer als auch konventioneller Anbau erfolgt. Aber über die Produkt-Qualität entscheidet letztlich die Zusammensetzung – etwa der Bio-Anteil. Der beträgt bei unseren Produkten 100 Prozent. Andere geben sich teilweise mit 95 Prozent zufrieden, der EU-Mindestanforderung. Und in unseren Produkten finden Sie auch nur weniger als 30 der insgesamt 53 für Bio zugelassenen Zusatzstoffe. So verzichten wir auf das Verdickungsmittel Carrageen, das die EU-Biorichtlinie zwar erlaubt, das aber erwiesenermaßen das Immunsystem beeinflussen kann.

Diese Unterschiede dürften nur den wenigsten Kunden bekannt sein?

Mag sein. Aber Menschen kaufen bei Alnatura ein, weil wir nicht nur gute Bio-Waren anbieten, sondern als gesamtes Unternehmen nachhaltig sind. Beispielsweise sitzen wir hier in einem nachhaltigen Gebäude, das aus Lehm besteht und nahezu klimaneutral ist: Geothermie statt Klimaanlage, selbst produzierter Strom. Unser Hochregallager in Lorsch ist aus heimischem, zertifiziertem Holz, also ebenfalls nachhaltig. Und seit mehr als fünf Jahren fördern wir in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund mit der Bio-Bauern-Initiative das Projekt „Boden gut machen“, also die Umstellung konventioneller Höfe auf Bio-Landbau – mit bis zu 60 000 Euro pro Hof. Bislang sind damit mehr als 11 000 Hektar Bio-Flächen hinzugewonnen worden. Wir sind Überzeugungstäter. Uns geht es um eine zukunftsorientierte, nachhaltige Wirtschaft. Gemäß dem Motto „Sinnvoll für Mensch und Erde“ heißt das für uns: erst der Sinn, dann der Gewinn.

Viele Verbraucher scheinen dies zu honorieren: Im vergangenen Geschäftsjahr ist der Alnatura-Umsatz um 9,5 Prozent gestiegen, und damit fast doppelt so stark wie der gesamte Biomarkt.

Wir sind für das Interesse der Kunden sehr dankbar. Auch in diesem Jahr wollen wir doppelt so stark wachsen. Und da sind wir bislang auf einem guten Weg.

Alnatura-Chef: Bio-Markt hat großes Entwicklungspotenzial

Nichtsdestotrotz vereinen Discounter und konventionelle Supermärkte bereits 60 Prozent des deutschen Bio-Marktes auf sich. Aldi ist längst zum größten Bio-Verkäufer avanciert. Befürchten Sie nicht, von der Marktmacht der großen Player aus dem Bio-Markt gedrängt werden?

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland elf Milliarden Euro mit Bio-Produkten umgesetzt worden. Der gesamte Lebensmittelmarkt ist jedoch 180 Milliarden Euro schwer. Der Bio-Anteil ist also nicht so groß wie gemeinhin angenommen und auch zu wünschen wäre. Da besteht noch sehr großes Entwicklungspotenzial. Die Zahl der Menschen, die Wert auf Nachhaltigkeit, Umwelt und Soziales legen, steigt.

Einerseits ja. Andererseits handeln viele Menschen inkonsequent. Als Bürger kritisieren sie etwas, als Konsument ignorieren sie es – wie beispielsweise die Luftverschmutzung einerseits und das Flugaufkommen andererseits zeigen.

Aber man kann doch noch nicht so naiv sein zu glauben, wir könnten weiter so wirtschaften wie bisher. Das Klimathema ist jetzt wirklich in der Gesellschaft angekommen. Und der Kauf von Bio-Produkten bietet die Chance, ohne Verzicht das Klima zu schützen, möglichst sauberes Grundwasser zu gewährleisten und die Artenvielfalt zu erhalten. Dieser Konsum trägt also dazu bei, die Situation auf der Erde zu verbessern. Insofern müssen wir uns alle bemühen, mehr Bio in die Welt zu bringen.

Sind Sie mit den entsprechenden Bemühungen der Bundesregierung zufrieden?

Nein, die Wachstumsraten im deutschen Bio-Markt sind meiner Ansicht nach viel zu klein. Und angesichts der Klimakrise sind die diesbezüglichen Ziele der Bundesregierung viel zu kurz gesteckt: In zehn Jahren sollen 20 Prozent aller Anbauflächen ökologisch bewirtschaftet werden. Derzeit liegen wir bei zirka acht Prozent. Länder wie Dänemark wollen komplett auf ökologischen Anbau umstellen.

Alnatura-Chef: Gewinnmaximierung nicht das Ziel

Während Sie Ihre Unternehmensumsätze beziffern, weigern Sie sich, den Gewinn auszuweisen. Warum?

Nun, die Bemessung des jeweiligen Gewinnes hängt auch davon ab, wie Sie das Unternehmen gestalten. Aber so viel kann ich sagen: Wir wollen immer einen angemessenen Anteil zurückbehalten. Und da planen wir in der Regel mit einer Netto-Rendite von 1,5 bis 2,0 Prozent. So viel, dass wir investieren können und frei und unabhängig bleiben. Gewinnmaximierung ist, wie gesagt, nicht unser Ziel.

Haben Sie deshalb die Firma 2018 in eine Stiftung überführt?

Genauer gesagt, handelt es sich um ein Doppelstiftung: Zum einen habe ich die gemeinnützige Alnatura Stiftung gegründet – zum anderen die nicht gemeinnützige Götz E. Rehn Stiftung, eine Familienstiftung. Beide sind über eine Holding miteinander verbunden. In der Alnatura Stiftung wird zukünftig das Gros des Firmenkapitals gebündelt werden, in der Familienstiftung sind die Stimmrechte gebündelt. Damit gehört das Unternehmen quasi sich selbst.

Das heißt, das Gros des Firmenvermögens ist in die Alnatura-Stiftung geflossen, so dass die Erträge, die dieses Vermögen abwirft, für steuerbegünstigte gemeinnützige Zwecke verwendet wird? Und ein geringerer Teil des Vermögens ist der Familienstiftung zugute gekommen, so dass aus den dortigen Erträgen Sie und die Familie versorgt werden?

Ja, nachdem organisatorisch alles vollumfänglich umgesetzt ist, wird das so sein.


Alnatura soll sinnstiftend sein

Gemeinhin wird dieses Konstrukt gewählt, um die Zahlung hoher Erbschaftssteuern zu vermeiden und zugleich den Einfluss der Familie auf die Geschäftspolitik des Unternehmens zu wahren. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich entschied ja schon mit 21 Jahren, ein Unternehmensmodell zu entwickeln, das sinnstiftend ist. Und dieses Ansinnen betrifft eben nicht nur die Art der Produkte, die wir verkaufen. Vielmehr zieht es sich durch das gesamte Unternehmen. Und das soll so bleiben. Das vorrangige Ziel für diese Alnatura-Rechtsstruktur war und ist, die Zukunftsfähigkeit langfristig zu sichern. So kann das Unternehmen entsprechend seiner Unternehmensidee geführt und weiterentwickelt werden.

Diese Rechtsstruktur stellt also sicher, dass das Unternehmen nicht verkauft werden kann und dass das Kapital auf jeden Fall im Unternehmen bleibt – auch wenn die Firma beispielsweise später von Erben geführt wird.

Zum Beispiel. In der Vererbungsfolge entstehen ja bei vielen Unternehmen Herausforderungen. Gerade wenn die Familien immer größer werden und vielleicht nicht so unternehmerisch orientiert sind – also nicht mehr so stark in das Unternehmen investieren wollen, sondern daran interessiert sind, Kapital aus dem Unternehmen abzuziehen. Was nicht im Sinne der Unternehmensentwicklung ist. Da ist ein Doppelstiftungsmodell eine sehr interessante Option.

Sind Ihr 33-jähriger Sohn und Ihre 30-jährige Tochter Mitglieder der Familien-Stiftung? Und haben beide oder zumindest eines der Kinder vor, später über die Stiftung die Geschicke des Unternehmens zu lenken?

Bisher sind meine beiden Kinder nicht bei Alnatura oder in der Stiftung beschäftigt. Gesteuert wird das Unternehmen von der Alnatura-Geschäftsführung. Unsere Kunden können sich auf jeden Fall sicher sein, dass das, was sie mit ihrem Kauf bei uns unterstützen, bleibt und fortentwickelt wird.

Interview: Panagiotis Koutoumanos

Vielen Verbrauchern ist eine artgerechte Tierhaltung wichtig. Doch es gibt Unterschiede. Bio ist nicht gleich Bio. Weshalb es im Supermarkt Sinn macht, zu Bio zu greifen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare