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Sporthungrige nehmen an einem von Fitbit organisierten Workout in Los Angeles teil.

Google will Fitbit kaufen

Allwissendes Armband

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Fitnessbänder und Smartwatches sind beliebt - und liefern den Herstellern viele, teils sehr private Informationen über die Träger. Die EU-Kommission schaut jetzt daher genauer hin.

Die große Zeit der Mini-Computer am Armband kommt erst noch. So sieht es zumindest Margrethe Verstager: Die Nutzung von sogenannten Wearables werde in den kommenden Jahren signifikant steigen. Das gehe Hand in Hand mit einem exponentiellen Wachstum der Daten, die diese Geräte generierten. Damit liegt die EU-Wettbewerbskommissarin auf einer Linie mit vielen Marktforschern. Inzwischen ist ein heftiger Konkurrenzkampf um Marktanteile in Gang. Die Google-Mutter Alphabet will da mitmischen. Doch der EU gefällt das überhaupt nicht.

Alphabet hatte schon Anfang November vorigen Jahres die Übernahme von Fitbit für 2,1 Milliarden Dollar auf den Weg gebracht. Fitbit war einer der Pioniere bei den sogenannten Fitness-Armbändern, die Schritte und verbrauchte Kalorien zählen. Sie registrieren die Herzfrequenz und teilen dem Nutzer mit, ob er genug für seine Gesundheit tut. Die Geräte am Handgelenk sind ständige Begleiter. Viele tragen sie sogar nachts, denn sie wachen auch über den Schlaf.

Diese intime Beziehung zwischen Mensch und Elektronik ist für Google/Alphabet höchst interessant. Doch der Deal ist noch immer nicht unter Dach und Fach. Die Wettbewerbshüter der EU haben sich viel Zeit genommen, um die Transaktion zu überprüfen. Das Ergebnis: Sie haben mitgeteilt, dass sie eine Nachspielzeit brauchen, um die geplante Fusion eingehender zu untersuchen. Die Uhr tickt nun bis spätestens 9. Dezember, dann muss ein Ergebnis vorliegen.

Fitbit hat seine Vorreiterrolle inzwischen verloren. Das US-Unternehmen rangierte in den ersten drei Monaten des Jahres nach den Berechnungen der US-Marktforschungsfirma IDC nur noch auf Platz fünf der Anbieter von Wearables (elektronischen Geräten, die Nutzer am Körper tragen) – weit entfernt von den Branchengrößen Apple, Xiaomi, Samsung und Huawei.

Nur noch 2,2 Millionen der typisch schmalen Armbänder hat Fitbit verkauft, gut ein Viertel weniger als in der Vorjahreszeit. Das hatte laut IDC viel mit Lieferschwierigkeiten zu tun, die Geräte werden in China produziert, wo wegen Corona die Fertigung zeitweise unterbrochen werden musste. Hinzu komme der starke weltweite Wettbewerb.

Intelligente Uhren gibt es seit gut zehn Jahren. Anfangs hatten es die Anbieter schwer, die Kleingeräte an den Mann und an die Frau zu bringen. Es haperte bei der Bedienung, und die ersten Generationen sahen ziemlich klobig aus. Wie bei anderen Innovationen war Apple der Schrittmacher. Die Uhr des weltgrößten Computerkonzerns ist inzwischen zu einem Statussymbol geworden, sie ist der unangefochtene Marktführer mit einem Anteil von fast 27 Prozent im ersten Quartal.

Xiaomi und Huawei (beide aus China) positionieren sich als Herausforderer, die massive Zuwächse mit preiswerten Smartwatches und Fitnessarmbändern erzielen konnten – der Übergang zwischen den Produktkategorien ist mittlerweile fließend.

Warum hat es Google dann ausgerechnet auf Fitbit abgesehen? Erstens, weil die US-Firma einer der wenigen Anbieter ist, die überhaupt für eine Übernahme infrage kommen. Zweitens, weil das Unternehmen nach wie vor über eine große Nutzerbasis und ein vielversprechendes Know-how verfügt, so IDC. Und drittens, weil der Markt in den nächsten Jahren enorm wachsen wird, glaubt man den Prognosen der Marktforscher. Ein Umsatzplus zwischen 40 und 60 Milliarden Dollar bis 2024 wird in diversen Studien vorhergesagt. Die Experten von Technavio etwa rechnen mit einer jährlichen Zuwachsrate von 15 Prozent.

Tritt das alles ein, werden Wearables in den nächsten Jahren das Smartphone als Zugpferd der Technologiebranche ablösen. Zu den Uhren/Armbändern werden intelligente Kopfhörer und Brillen kommen, die zahlreiche Funktionen übernehmen können, für die heute noch das Handy zuständig ist. Hinzu kommt Elektronik, die in die Kleidung integriert ist, und allerlei Daten über Körperfunktionen sammelt. Viele Anwendungen dürften sich denn auch in den Kategorien Fitness-Wellness-Gesundheit bewegen. Manche Analysten gehen davon aus, dass Corona hier die Nachfrage noch zusätzlich befeuern könnte.

Als weitere wichtige Funktionen gelten kontaktloses Bezahlen, was mit der Apple Watch bereits millionenfach praktiziert wird. Mit smarten Brillen soll es zudem schon bald möglich sein, Videos zu schauen und erweiterte Wirklichkeit (Augmented Reality) wahrzunehmen – zu Objekten, die der Nutzer fixiert, werden Zusatzinfos auf die Brillengläser projiziert.

Die Wettbewerbsexperten der EU-Kommission haben offenbar verstanden, dass die bei all dem anfallenden persönlichen Daten für ein Unternehmen wie Google enorm wertvoll sind. Sie könnten einen wichtigen Vorteil im Online-Werbemarkt bringen, so die Brüsseler Behörde. Das ermögliche es unter anderem, Nutzern der Suchmaschine und anderer Anwendungen des Konzerns sehr gezielt Reklame zukommen zu lassen. Google könne in Anbetracht seiner ohnehin schon starken Marktposition dadurch den Wettbewerb massiv einschränken, was unter anderem für Werbetreibende höhere Preise und weniger Wahlmöglichkeiten bringe.

Google hatte bereits angeboten, die Fitbit-Daten in einem „Silo“ separat zu speichern und nicht für Onlinewerbung zu nutzen. Und der US-Konzern insistiert darauf, dass es bei dem Deal „um Geräte und nicht um Daten“ gehe. Doch die Kommission hat „ernsthafte Zweifel“: Denn die Selbstbeschränkung beziehe sich nicht auf alle Daten, über die Google bei einer Übernahme verfügen könnte. Besonders heikel sei all dies im Gesundheitssektor.

Die relativ strengen Töne aus Brüssel könnten darauf hindeuten, dass der Deal verboten wird. Die internationale Menschenrechts- und Datenschutzorganisation Privacy International, die sich für die verschärfte Prüfung starkgemacht hatte, begrüßt jedenfalls den Vorstoß: Die Kommission stelle sich gegen eine digitale Dominanz, durch die intimste Daten ausgebeutet werden sollen, um Profite zu erzielen.

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