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Tagebau in Nordrhein-Westfalen: Die Allianz steigt aus dem Geschäft mit Versicherungen für Kohlekraftwerke aus.

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Allianz steigt aus Kohle aus

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Umweltschützer applaudieren. Der Münchener Dax-Konzern verzichtet bis 2040 auf alle Kohlegeschäfte. Neue Kraftwerke und Minen werden ab sofort nicht mehr versichert.

Was die Bundesregierung noch auf die lange Bank schiebt, hat Versicherungsriese Allianz nun beschlossen. Bis 2040 wollen die Münchner komplett aus Kohlegeschäften jeder Art aussteigen und ab sofort keine Einzelversicherung neuer Kohlekraftwerken oder -minen im Bau oder Bestand mehr anbieten. „Als ein führender Versicherer und Investor möchten wir den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft vorantreiben“, erklärte Allianz-Chef Oliver Bäte den Schritt. Man wolle die eigene Klimastrategie an das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens knüpfen. Umweltverbände, die unter anderem Allianz und Munich Re jüngst für die Versicherung speziell der polnischen Kohleindustrie kritisiert hatten, spendeten umgehend Beifall für die neuen Bekenntnisse der Allianz.

„Mit ihrer neuen Kohlerichtlinie wirft sie beim Klimaschutz ihr Gewicht in die Waagschale“, lobt Regine Richter. Sie ist Kampagnenleiterin bei der Umweltorganisation Urgewald, die als deutscher Ableger eines internationalen Bündnisses gegen die Versicherung von Kohleindustrien fungiert. Was die Allianz nun angekündigt habe, sei so überfällig wie wirksam. Nach der französischen Axa und der schweizer Zurich treibe mit der Allianz jetzt ein weiteres Schwergewicht der Assekuranz den Wandel weg von der Kohle voran. „Als erster Versicherer entwickelt Allianz einen Kohleausstiegsplan für den Gesamtkonzern“, betont Richter.

Der Assekuranzriese lässt dabei sowohl die Versicherung von Kohlefirmen als auch in der Funktion als Kapitalanleger das Investment in sie schrittweise auslaufen. Ab sofort versichern die Münchner keine Neubauten von Kohlekraftwerken oder Kohleminen mehr. Gestrichen werden auch Policen für Häfen, die hauptsächlich der Kohleverschiffung dienen. Damit verzichten die Münchner auf ein Beitragsvolumen von jährlich rund 50 Millionen Euro.

Aus bestehenden Versicherungen der Kohleindustrie, für die sich oft mehrere Versicherer im Rahmen von Konsortien zusammenschließen, will die Allianz über die Jahre nach und nach aussteigen. „Wir werden nicht einem großen Energieversorger sofort alle Versicherungen kündigen“, erklärte eine Allianz-Sprecherin zudem. Ziel sei es aber, diesen zum Kohleverzicht zu bewegen oder ihm alternativ bis spätestens 2040 keine Policen mehr anzubieten.

Ähnlich ist das Vorgehen bei der Kapitalanlage in Kohlefirmen. Ab sofort investiert die Allianz nicht mehr in Konzerne, die neue Kohlekraftwerke bauen. Schon heute schließen die Münchner Anlagen in Firmen aus, deren Geschäfte sich zu über 30 Prozent aus Kohle speisen. Diese Schwelle wird bis 2040 nach und nach auf Null abgesenkt. Die Münchner gehen dabei über die reine Kohleindustrie hinaus. Alle Unternehmen, denen es in den kommenden beiden Jahrzehnten nicht gelingt, ihre Treibhausgasemissionen an das Zwei-Grad-Ziel anzupassen, werden nach und nach aus dem Portfolio genommen. 

Ein Instrumentarium, dieses Zwei-Grad-Ziel unternehmensstrategisch zuverlässig zu beurteilen gibt es heute noch nicht, gesteht die Allianz ein. Um das zu schaffen, tut sich der Versicherer mit der anerkannten Organisation Science Based Target Initiative zusammen, die sich zum Ziel gesetzt hat, ein solche Bewertungskriterien für 45 einzelne Branchen zu entwickeln. Analysten sollen dann auf Knopfdruck ermitteln können, wie klimaneutral ein Unternehmen wirtschaftet. Die Allianz geht davon aus, beim Aussortieren von Klimasündern, Risiko aus der eigenen Kapitalanlage zu nehmen und Renditen zu steigern. „Der Klimawandel birgt enorme ökonomische und soziale Risiken“, warnt Bäte.

Klimaschützer wie Urgewald sehen nun andere Versicherer speziell in Deutschland wie die Munich Re oder Hannover Re unter Druck, wollen sie klimastrategisch nicht den Anschluss an den neuen Trendsetter Allianz verlieren. Das gilt vor allem für die Munich Re, die als Klimamahner der ersten Stunde gilt, sich aber bislang weigert, keine Kohlekraftwerke und – minen mehr zu versichern. „Für einen Rückversicherer mit eigener Klimaforschungsabteilung ist das schizophren“, sagt Richter. Mit der Allianz habe sie nun ein Vorbild, um auch ihren eigenen Abschied aus der Kohle zu planen.

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