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So sinken real die Preise zum Beispiel für Computer seit langem, ohne dass diese Branchen über Käufermangel klagen würden.

Ökonomie

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Pessimismus macht Rezession, heißt es. Die Menschen verhalten sich aber gar nicht so, wie die ökonomischen Modelle es vorhersagen. Die Analyse.

Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie, lautet ein bekannter Satz, der auch im dominanten ökonomischen Denken Berücksichtigung findet. Zum Beispiel bei der Erklärung der aktuellen Konjunkturschwäche: Der Handelskrieg zwischen den USA und China, heißt es, führt zu wachsender „Unsicherheit“ bei Firmen, und auf Grund dieser Unsicherheit senken sie ihre Investitionen – Pessimismus macht Rezession, so die Annahme. Erwartungen der Menschen spielen auch für die Geldpolitik der Zentralbanken eine große Rolle. Das Problem ist allerdings: Die Menschen verhalten sich gar nicht so, wie die ökonomischen Modelle vorhersagen.

Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen nicht nur drastisch gesenkt, sondern auch angekündigt, sie auf lange Sicht unten zu halten. Dadurch will sie die Inflationserwartungen steuern: Die Menschen sollen annehmen, dass auf Grund der niedrigen Zinsen die Inflation steigen wird, die Güter also schneller teurer werden. Das soll wiederum dazu führen, dass die rationalen Wirtschaftssubjekte ihre Käufe vorziehen – schließlich wird morgen ja alles mehr kosten.

Zudem frisst eine höhere Inflation den Ertrag auf Erspartes auf, was die Wirtschaftssubjekte ebenfalls zum Konsum anregen soll. Die Erwartung höherer Inflation führt so zu weniger Sparen, mehr Ausgaben, mehr Nachfrage und zu einer stärkeren Konjunktur.

In umgekehrter Richtung soll laut ökonomischer Psycho-Theorie auch das Deflations-Szenario funktionieren: Wenn die Menschen sinkende Preise erwarten, halten sie sich mit Käufen zurück, schieben sie auf, denn morgen soll ja alles billiger sein. Dadurch sinkt die aktuelle Nachfrage und die Konjunktur knickt ein. Dagegen hilft nur, in den Menschen die Erwartung steigender Preise zu wecken, die sie zum Konsum animieren soll.

Soweit die Theorie, deren empirische Belege eher widersprüchlich sind. So sinken real die Preise zum Beispiel für Computer und Chips seit langem, ohne dass diese Branchen über Käufermangel klagen würden. Dass die Erwartung schneller steigender Preise die Menschen zu vermehrten Ausgaben bewegen, ist ebenfalls zweifelhaft. Das zeigt eine neue Studie verschiedener Ökonomen aus den USA und den Niederlanden.

Die Wissenschaftler wählten eine repräsentative Gruppe niederländischer Haushalte aus und versorgten sie mit Informationen über die Inflationsrate. Jene Haushalte, die mit steigender Inflation rechneten, reagierten jedoch nicht so, wie die ökonomische Theorie annimmt. In Erwartung schneller steigender Preise gaben sie ihr Geld nicht schneller aus, sondern kürzten deutlich ihre Käufe dauerhafter Güter in den folgenden Monaten.

Dieser Effekt zeigte sich bei ärmeren wie bei reicheren Haushalten. Fazit der Ökonomen: „Inflationserwartungen beeinflussen tatsächlich die Ausgabeentscheidungen von Haushalten, aber nicht in der Weise, wie von makroökonomischen Modellen üblicherweise vorhergesagt.“

Was ist der Grund dafür? Laut den Wissenschaftlern erwarten die Haushalte, dass die steigende Inflation nicht durch steigende Einkommen kompensiert wird und ihr Einkommen daher real schrumpft. Folge: Sie halten sich mit Anschaffungen zurück und sparen lieber. Das zeigt: Lohnzurückhaltung macht nicht nur die Leute ärmer, sondern auch die Gültigkeit ökonomischer Modelle zunichte.

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