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Ein Mann in einem Schutzanzug sitzt neben einer Infrarot-Temperatur-Maschine in der Lobby des Börsengebäudes.

Weltwirtschaft

Vom Virus ausgebremst

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Geschlossene Fabriken, leere Läden, sinkende Aktienkurse: Wie die Corona-Epidemie die gesamte Weltwirtschaft infiziert.

Jetzt ist es passiert: Ausgerechnet der Technologie-Gigant Apple kassiert als erstes ganz großes Unternehmen seine Umsatzprognose für das erste Quartal – wegen der Corona-Krise. Und nicht nur die Aktie des iPhone-Konzerns zog es an Dienstag in die Tiefe, auch viele wichtige Aktienindizes rund um den Globus gaben nach. Dahinter steckt die Befürchtung, dass Apple nur der Anfang ist und viele andere Konzerne folgen, was schlimmstenfalls in einem weltweiten Konjunktureinbruch münden könnte.

Apple teilte mit, dass die prognostizierten Erlöse für die Zeit von Anfang Januar bis Ende März nicht mehr erreichbar seien, weil sich einerseits die Fertigung verzögere und weil es andererseits in der Volksrepublik eine geringere Nachfrage nach Smartphones gebe. Präzise Zahlen soll es erst im April geben, wenn die Bilanz für das erste Quartal vorgelegt wird. Bislang hat der Konzern, der stark vom iPhone abhängig ist, mit einem Gesamtumsatz von 63 bis 67 Milliarden Dollar kalkuliert. Analysten hatten im Schnitt rund 65 Milliarden Dollar (60 Milliarden Euro) erwartet. Mit den geringeren Einnahmen dürften auch die Gewinne schrumpfen. Verschärfen könnte sich die Lage dadurch, dass sich auch der Verkaufsstart des neuen in China gefertigten Billig-iPhones verzögern dürfte – es sollte eigentlich Anfang März in die Läden kommen.

Das Apple-Management hatte ursprünglich damit gerechnet, dass um den 10. Februar herum die Arbeiter in die Fabriken zurückkehren. Doch auf Anweisung der Behörden wurden vielfach strenge Quarantänen verhängt, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Überall im Land werde nun zwar die Arbeit wieder aufgenommen, doch die Rückkehr zu normalen Verhältnissen vollziehe sich langsamer als erwartet, so Apple in einer Mitteilung. Hinzu komme, dass viele Geschäfte entweder noch immer komplett geschlossen seien oder lediglich einige Stunden geöffnet hätten, und nur wenige Kunden würden den Weg in die Läden finden. Apple gehört zu den Unternehmen, die in doppelter Hinsicht stark von China abhängig sind. Die Produktion der iPhones findet dort bei der Firma Foxconn statt. Zugleich ist die Volksrepublik der drittgrößte Markt für den Konzern. Er unterhält in dem Land 42 eigene Läden, die im Februar bislang weitgehend geschlossen waren. Man wolle sie nun Schritt für Schritt wieder eröffnen und die Geschäftszeiten allmählich ausweiten, so Apple.

Da schwingt die Hoffnung mit, dass der Höhepunkt der Epidemie bald erreicht sie dürfte. Bestätigt wird dies durch Meldungen, dass die Zahl der Neuerkrankungen in China auf den niedrigsten Stand seit Einführung einer neuen Zählweise in der vergangenen Woche gestiegen ist. Für die am stärksten betroffene Provinz Hubei wurden am Dienstag 1807 neue Fälle gemeldet. Etwa 73 000 Menschen sind nach Behördenangaben insgesamt erkrankt.

Die Lage in China

Radikale Maßnahmenim Kampf gegen die Lungenkrankheit Corona sorgen für enorme Verwirrung und große Probleme für europäische Unternehmen in China. Die EU-Handelskammer in der Volksrepublik teilte am Dienstag in Peking mit, dass widersprüchliche Regeln lokaler Stellen es extrem schwierig machten, die Arbeit diese Woche wieder aufzunehmen. „Das Ausmaß der Herausforderungen ist riesig“, sagte Kammerpräsident Jörg Wuttke. Lieferketten seien unterbrochen. Auch könnten Produkte nicht verschifft werden, was einen Berg von Papieren erfordere. „Es ist ein logistischer Alptraum“, sagte Wuttke. Waren könnten nicht an den Kunden und auch nicht an den Verbraucher gebracht werden.

Auf dem Weltmarktkomme es zu Engpässen mit Ersatzteilen aus China, so Wuttke. Da es kaum Flugzeuge und Schiffe gebe, könnten Waren nicht verschifft werden. „Sachen aus China herauszubekommen, ist herausfordernd“, so der Kammerpräsident. Da Chinas pharmazeutische Industrie ebenfalls betroffen sei, könnte es weltweit zu Engpässen bei Antibiotika und anderen Medikamenten kommen.

Kleine Unternehmenund Mittelständler sind laut Paul Sives, Vertreter der Kammer in Südwestchina, besonders schwer betroffen. Viele könnten nur zwei bis drei schlechte Monate verkraften. So drohten Pleiten, wenn nicht der Staat mit Krediten und anderer Unterstützung zur Hilfe komme. dpa

Börsianer zeigten sich bislang wenig beeindruckt von den Meldungen aus China. Der Deutsche Aktienindex (Dax) kletterte in den vergangenen Tagen von einem Höchststand zum nächsten. Dahinter steckte für die Investment-Profis der Deutsche Bank-Tochter DWS: Investoren gehen davon aus, dass die Corona-Krise schnell überwunden werden kann. Gestern rutschte das Börsenbarometer aber deutlich in den roten Bereich – mit Einbußen von zeitweise fast einem Prozent – während die Apple-Aktie im europäischen Handel sogar mehr als vier Prozent verlor. Unter Händlern kursierten erste Spekulationen, dass mit der Apple-Meldung ein Kipppunkt erreicht sein könnte und es an den Finanzmärkten nun doch noch richtig bergab gehen könnte.

Martin Steinbach von der Prüf- und Beratungsgesellschaft EY erwartet denn auch, dass wir im Laufe des Jahres „weitere Prognosekorrekturen bei börsennotierten Unternehmen sehen“. Ereignisse wie die Corona-Krise könnten Unternehmen in ihrem Erwartungsmanagement nur schwer vorhersehen. Steinbach rechnet nun für das erste Quartal insgesamt mit einer „schwachen weltweiten Konjunkturentwicklung, da der chinesische Markt inzwischen sowohl als Produktionsstandort als auch als Absatzmarkt enorm wichtig ist“ – das gilt für Apple, aber auch für die deutschen Autokonzerne. Besonders empfindlich für diese Entwicklungen sind laut EY neben dem Transport- und dem Rohstoffsektor deshalb vor allem auch Konsumgüterhersteller.

Und eine Art Ansteckungseffekt ist wegen international organisierter Lieferketten überdies naheliegend: Wenn die Fertigung in der Volksrepublik stillstehe, seien die Folgen rasch auch in Europa und Amerika zu spüren, so Steinbachs Kollege Marc Förstemann. „Die Teileversorgung stockt, auch erste Werke außerhalb Chinas drosseln die Produktion.“ Das wird für viele hiesige Firmen noch dadurch überlagert, dass die Lage schon vorher schwierig war. So hat EY im vergangenen Jahr unter den rund 300 wichtigsten börsennotierten Unternehmen so viele Gewinnwarnungen wie niemals zuvor gezählt – Ursache für nach unten korrigierte Profitprognosen waren vor allem Unsicherheiten wegen Handelskonflikten und einer lahmenden Konjunktur.

In das Bild passt, dass der aktuelle Konjunkturindikator des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW in den Keller gerasselt ist – 300 Finanzprofis werden jeden Monat befragt. „Besonders stark sinken die Einschätzungen zur Entwicklung der exportintensiven Sektoren“, sagte ZEW-Präsident Achim Wambach. Zudem habe sich die deutsche Wirtschaft zu Beginn des neuen Jahres schlechter als erwartet entwickelt. Die Konjunkturentwicklung sei derzeit „recht fragil“.

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