Angestellte von Lot und Condor posieren am Freitag mit Flugzeugmodellen der beiden Airlines. Foto: dpa
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Angestellte von Lot und Condor posieren am Freitag mit Flugzeugmodellen der beiden Airlines. 

Ferienflieger gerettet

Alles im Lot für Condor

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Kein zweites Air-Berlin-Desaster: Der Ferienflieger Condor ist gerettet. Die polnische Fluglinie Lot übernimmt die für den deutschen Reisemarkt wichtige Airline.

Ralf und Ralf wollen jetzt durchstarten: So lässt sich die Übernahme des angeschlagenen Ferienfliegers Condor durch die polnische Staats-Airline Lot auf den Punkt bringen. Am Freitag um 8.25 Uhr sei der Kaufvertrag unterschrieben worden, so Christoph Debus, Finanzchef des deutschen Ferienfliegers. Über den genauen Preis machten die Manager keine Angaben.

Mit der Übernahme würden sich die Größe und der Umsatz seines Unternehmens verdoppeln, betonte Rafal Milczarski, Chef der Lot-Dachgesellschaft PGL. Ins Deutsche übersetzt lautet sein Vorname Ralf, und so will der sich auch künftig nennen, wenn er hierzulande unterwegs ist. Condor-Chef Ralf Teckentrup sagte indes, sein Unternehmen bleibe, wie es ist. Allerdings könne man nun auf „nachhaltiges Wachstum“ setzen. Die Marke soll erhalten bleiben. Condor wird in dem polnischen Konzern für die touristische Fliegerei zuständig sein. Lot wird das Netzwerk mit den Linienflügen betreiben.

Hinter der Übernahme steckt eine ambitionierte Rettungsaktion, für die es keine Vorbilder gibt. Condor war Ende September als Tochtergesellschaft von Thomas Cook in den Pleite-Sog des britisch-deutschen Reisekonzerns geraten. Um weiterfliegen zu können, wurde ein relativ neues Instrument im Insolvenzrecht eingesetzt: Ein sogenanntes Schutzschirmverfahren, das Condor vor finanziellen Forderungen der Mutter schützte und dem Management ermöglichte, alle Verträge mit Zulieferern und Dienstleistern zu kündigen.

Außerdem stellten die Bundesregierung und die hessische Landesregierung einen auf sechs Monate befristeten Überbrückungskredit über 380 Millionen Euro bereit, um Zeit bei der Suche nach einen neuen Investor zu gewinnen. Die Polen machen nun Geld locker, um das Staatsdarlehen vollständig und fristgerecht im April zurückzuzahlen.

Ob sie zudem noch etwas drauflegen, wollte Milczarski nicht sagen. Allerdings kündigte er Investitionen an. So werde die Langstreckenflotte von Condor mit ihren 16 angejahrten 767-Maschinen von Boeing in den nächsten drei bis vier Jahren durch neue Jets ersetzt. Mutmaßlich dürfte es sich dabei um 787-Dreamliner handeln, die ebenfalls von den Amerikanern gebaut werden. Und es würde auf mindestens 20 Flieger aufgestockt. Denn, so der Lot-Chef, Condor soll künftig schließlich als Ferienflieger des Konzerns nicht nur deutsche Touristen in den Urlaub fliegen, sondern auch in Ländern in Mittel- und Osteuropa aktiv werden. Dabei könnten Synergien genutzt werden. Wie das genau aussehen soll, verriet der Manager nicht.

Er versprach aber, keine weiteren Stellen bei Condor zu streichen. Es gehe vielmehr darum, die Beschäftigten „besser fürs Wachstum“ des Unternehmens einzusetzen. Schon während der Verhandlungen mit den Polen hat Teckentrup die Streichung von 170 der insgesamt 750 Stellen in der Verwaltung im Frankfurter Hauptquartier auf den Weg gebracht. Zudem wurde mit den Gewerkschaften Verdi und Ufo ein Sanierungstarifvertrag ausgehandelt, der die Streichung von 150 Jobs bei den Flugbegleitern vorsieht. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 4900 Frauen und Männer.

Klar ist aber auch, dass bei dem traditionsreichen Flugdienst die Kosten weiter gedrückt werden müssen. Vorauseilend hatte Teckentrup schon im Dezember erklärt, dass die Ebit-Marge (Umsatz im Verhältnis zum Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit) auf acht Prozent gehievt werden soll. 2019 wurden bei einem Umsatz von rund 1,6 Milliarden Euro aber nur 3,4 Prozent erreicht. Das Renditeziel ist mit dem bereits beschlossenen Arbeitsplatzabbau allein nicht erreichbar. Die Pläne der Manager dürften auf Wachstum bei gleichzeitig strikter Knauserigkeit auf der Kostenseite hinauslaufen.

Condor-CEO Ralf Teckentrup (l.) und Lot-CEO Rafal Milczarski geben die Übernahme der Condor durch die Lot bekannt. 

Milczarski hat jedenfalls nach diesem Prinzip bei Lot die Kennziffern seit seinem Amtsantritt im Jahr 2016 deutlich verbessert. Voriges Jahr flog das Unternehmen einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro mit seinen 80 Maschinen ein. Dabei konnte die Airline zum vierten Mal in Folge die Zahl der Passagiere auf aktuell mehr als zehn Millionen deutlich steigern. Die Lot profitiert dabei seit einigen Jahren vom anhaltenden Tourismusboom vor allem in Polen und Ungarn. Die Luftfahrt hat in der jüngeren Vergangenheit in Osteuropa erheblich höhere Zuwachsraten als im Westen des Kontinents erreicht.

Gleichzeitig ist die Konkurrenz groß. Und die Fliegerei ist noch immer von Überkapazitäten geprägt. Lot hat es auf seinem Heimatmarkt vor allem mit Ryanair und dem ungarischen Billigflieger Wizz Air zu tun. Condor muss sich hierzulande unter anderem gegen die Lufthansa und TUIfly behaupten.

Die gesamte Branche ächzt unter hohen Spritpreisen, und die Fliegerei reagiert generell extrem sensibel auf Konjunkturschwankungen und unvorhersehbare Ereignisse – wie aktuell die Corona-Virus-Krise in China.

Experten rechnen in Europa mit weiteren Übernahmen und Fusionen, denn nur schiere Größe macht Airlines robuster, da damit die Kosten pro Ticket sinken. Lot/Condor wird nach dem Zusammenschluss auf etwa 130 Flugzeuge kommen. Das ist aber noch weit vom Billig-Marktführern Ryanair (rund 300 Jets) und vom Lufthansa-Konzern (mehr als 750 Maschinen) entfernt.

Die Polen setzten sich gegen fünf weitere ernsthafte Interessenten durch. Dazu zählte auch ein Konsortium aus deutschen Reiseveranstaltern und Finanzinvestoren. Laut Condor-Finanzchef Debus meldeten sich die Lot-Manager schon wenige Tage nach der Thomas-Cook-Insolvenz. Von Anfang an sei „der ultimative Wille, den Deal zu machen“ erkennbar gewesen.

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