Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Dieser Mann ist vor der Dürre in ein Hifscamp in der Region Waaf Dhuug geflohen. Sparsam wäscht er sich mit Wasser.
+
Dieser Mann ist vor der Dürre in ein Hifscamp in der Region Waaf Dhuug geflohen. Sparsam wäscht er sich mit Wasser.

Dürre

"Alle Tiere sind tot"

  • Tim Szent-Ivanyi
    VonTim Szent-Ivanyi
    schließen

Die Not der Menschen im dürregeplagten Äthiopien ist groß. Entwicklungsminister Müller macht sich ein Bild von der Lage vor Ort und verspricht mehr Hilfe.

Als auch noch einige ihrer Kamele entkräftet zusammenbrachen und verendeten, wusste Amren Mualin, dass sie Hilfe suchen muss. So machte sich die 42-Jährige mit sieben ihrer 13 Kinder auf, um Zuflucht zu suchen in einer von Hilfsorganisationen betreuten Siedlung im Herzen der Somali-Region im Südosten Äthiopiens. Ihr Mann und die übrigen Kinder sind bei der Herde geblieben – oder vielmehr bei dem, was davon übrig geblieben ist: 350 der 400 Ziegen und Schafe der Nomadenfamilie haben die verheerende Dürre am Horn von Afrika nicht überlebt. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat die Region am Montag und Dienstag besucht, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

„Seit drei Jahren ist es nun schon so trocken“, berichtet Mualin. Tatsächlich sind die Regenzeiten mehrfach hintereinander ausgefallen, seit Juni vergangenen Jahres ist in der Region kein einziger Tropfen mehr gefallen. Jetzt im April müsste eigentlich Belg, die kleine Regenzeit, beginnen. Doch die Wetterprognosen sehen schlecht aus. Mittlerweile sind alle Flüsse zu Rinnsalen geschrumpft, die Zisternen trocknen aus, die Brunnen versiegen und aus vielen Büschen und Bäumen in der Savanne scheint die Sonne das letzte Leben ausgebrannt zu haben. Immer wieder liegen Tierkadaver am Rande der Piste.

Hilfsorganisationen verteilen Wasser

Die Dürre, die schwerste seit über 30 Jahren, hat ganz Ostafrika fest im Griff. Neben Äthiopien sind insbesondere der Südsudan, Somalia und Kenia betroffen. In der Krisenregion leben schätzungsweise 22 Millionen Menschen, die Hälfte davon Kinder. Allein in Äthiopien sind fast sechs Millionen Menschen Opfer der Trockenheit. Dabei haben die hiesigen Nomadenfamilien noch Glück im Unglück. Schließlich ist Äthiopien weitgehend friedlich, während im Südsudan und in Somalia Bürgerkriege toben.

Das Land am Horn von Afrika gilt als Musterstaat, in den vergangenen zehn Jahren wurde ein Wirtschaftswachstum von jeweils zehn Prozent erreicht. Die Kehrseite der Medaille: Äthiopien ist eine Entwicklungsdiktatur. In dem Einparteiensystem wird die Opposition unterdrückt und die freie Presse behindert. Nach landesweiten Protesten verhängte die Regierung im vergangenen Herbst den Ausnahmezustand, Zehntausende Kritiker wurden verhaftet. Erst vor wenigen Tagen wurde der Ausnahmezustand um weitere vier Monate verlängert.

Die Regierung ist gleichwohl bemüht, die Dürre so gut wie möglich zu meistern. „In vielen Ländern fangen wir in derartigen Situationen bei null an, hier haben die staatlichen Institutionen schon sehr viel geleistet“, berichtet Paul Handley von der UN-Nothilfeorganisation Ocha. In der Krisenregion wurden für die Nomaden rund 60 temporäre Siedlungen angelegt, wo Hilfsorganisationen wie Unicef oder Oxfam Wasser und Lebensmittel zu Verfügung stellen und die Familien medizinisch versorgen.

In Waaf Dhuug, wo Amren Mualin Zuflucht gesucht hat, hat Unicef eine kleine Krankenstation eingerichtet, in der extrem unterernährte Kinder wieder stabilisiert werden. Bei Neuankömmlingen wird der Umfang des Oberarmes gemessen, was ein sicherer Indikator für den Ernährungszustand ist. Bei fast allen Kindern zeigt das Zentimetermaß rot – Unterernährung. Viele der Kinder sind völlig apathisch, einige müssen durch die Nase mit Nährlösung versorgt werden, weil sie nicht einmal mehr schlucken können.

Wer über die staubtrockene Savanne blickt, kann kaum glauben, dass nicht weit entfernt Unmengen von Wasser vorhanden sind. In einer Tiefe von bis zu 800 Metern fließt Grundwasser, das aus dem Hochland Äthiopiens stammt, berichtet Unicef-Wasserexperte Samuel Godfrey. Mit aufwendigen geologischen Untersuchungen hat Unicef die Wasseradern ausfindig gemacht.

Müller: „Wir lassen Sie nicht allein“

Seit drei Jahren werden mit Hilfe der bundeseigenen Förderbank KfW Tiefbrunnen gebohrt – doch sie sind extrem teuer und kosten pro Bohrung fast eine Million Euro. Ohne diese Wasserstellen sähe die Lage noch viel schlimmer aus als sie ohnehin ist. Allerdings reichen die Brunnen längst nicht aus, die Nomaden zu versorgen – die Somali-Region hat immerhin die Größe Großbritanniens.

Zum Ärger seiner Beamten überzieht Entwicklungsminister Müller sämtliche Zeitpläne seines Besuchsprogramms. Ausführlich lässt er sich von den Familien berichten, wie deren Situation ist und was sie am nötigsten brauchen. „Da alle Tiere tot sind, wissen wir nicht, wovon wir nun leben sollen“, klagt eine Frau.

„Wir lassen Sie nicht allein“, verspricht Müller. Schließlich sei die Dürre auch eine Folge des Klimawandels, den überwiegend die westlichen Industriestaaten zu verantworten hätten. Er kündigt an, die Dürrehilfe seines Ministeriums um 100 auf dann 300 Millionen Euro aufzustocken. Das Geld bekommt unter anderem Unicef.

Das ist gemessen am gesamten Hilfsbedarf für die Staaten am Horn von Afrika eine eher bescheidene Summe. UN-Generalsekretär António Guterres hatte den Bedarf kürzlich auf etwa vier Milliarden Euro geschätzt. Bisher hat die Staatengemeinschaft aber nur eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt. Das sei „beschämend und inakzeptabel“, wettert Müller am Rande seines Besuchs. „Angesichts von Hunger, Sterben und Tod muss es doch wohl möglich sein, innerhalb weniger Tage eine derartige Summe zur Verfügung zu stellen“, klagt er.

Dass nicht mehr Geld fließt, ist zum Teil aber auch die Schuld der betroffenen Staaten. Mit internationaler Hilfe ist in den vergangenen Jahren eine Dürre-Versicherung für Afrika aufgebaut worden, die sich bereits 2015 in Westafrika bewährt hat. Damals waren den teilnehmenden Staaten zweistellige Millionenbeträge für die betroffene Bevölkerung ausgezahlt worden. Doch Äthiopien und andere Staaten am Horn sind bisher nicht beigetreten, sie bekommen folglich kein Geld.

Was der Geldmangel für die Viehzüchterin Amren Mualin und deren Familie bedeuten könnte, erklärt ein Vertreter des Welternährungsprogramms WFP dem Entwicklungsminister mit wenigen Worten: Das Geld reiche noch bis Juni: „Dann ist Schluss.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare