Die Lufthansa steigt ab.
+
Die Lufthansa steigt ab.

Dax

Dax-Absteiger: Abschied aus der Topliga

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
    schließen

Im Deutschen Aktienindex Dax sind die wertvollsten und am stärksten gehandelten börsennotierten Unternehmen der Republik aufgeführt. Von den Gründungsmitgliedern des Leitindex sind viele inzwischen ganz verschwunden.

Die Lufthansa-Aktie hat ihren - zumindest vorerst - letzten Handelstag in der höchsten deutschen Börsenliga hinter sich. Am Montag steigt der Luftfahrtkonzern aus dem deutschen Leitindex Dax in den MDax ab. Damit muss ein weiteres Gründungsmitglied den Dax verlassen. Dieser wurde erstmals am 1. Juli 1988 veröffentlicht, der erste Indexstand lag übrigens bei 1163,52 Punkten.

Zwölf Unternehmen sind seitdem ununterbrochen dabei: Allianz, BASF, Bayer, BMW, Daimler (1988 noch Daimler-Benz), Deutsche Bank, Eon (vormals Viag und Veba), Henkel, Linde, RWE, Siemens und VW. Ein Gründungsmitglied, nämlich Continental, stieg zweimal aus dem Dax ab und ist inzwischen wieder im Leitindex vertreten.

Ein Blick auf die Geschichte der 30 Gründungsmitglieder ist auch ein Blick auf die deutsche Industriegeschichte. Die FR gibt – geordnet nach dem Datum des Dax-Ausstiegs – einen Überblick über die Unternehmen, die nicht nur aus dem Leitindex verschwunden, sondern deren Namen oft auch ganz erloschen sind.

Dax-Absteiger: Feldmühle Nobel

Feldmühle Nobel:Die Feldmühle Nobel AG entstand 1986 aus den Traditionsunternehmen Buderus aus Wetzlar (Kesselbau, Edelstahl), Dynamit Nobel aus Troisdorf (Kunststoffprodukte, Sprengmittel) und Feldmühle aus Düsseldorf (Papier). Sie alle hatten zum Imperium des Unternehmers Friedrich Karl Flick gehört. 

1990 erwarb ein skandinavischer Konzern – heute Stora Enso – das Unternehmen für vier Milliarden DM, eine der größten bis dahin in Europa durchgeführten Finanztransaktionen. Feldmühle fiel aus dem Dax raus, die Metallgesellschaft nahm ihren Platz ein. Die Metallgesellschaft übernahm zudem von Stora die Unternehmensteile Buderus und Dynamit-Nobel.

Dax-Absteiger: Nixdorf

Nixdorf:Der Computerhersteller wurde 1968 von Heinz Nixdorf gegründet. Bis 1985 stieg der Umsatz des Paderborner Unternehmens auf fast vier Milliarden DM, beschäftigt waren damals 23 300 Mitarbeiter in 44 Ländern. Das Unternehmen gehörte zu den bedeutendsten Computerherstellern in Europa. 

Aus Sorge um ihre Arbeitsplaetze wandten sich die Beschaeftigten der Firma Nixdorf 1990 auf einer Betriebsversammlung der IG Metall an die Oeffentlichkeit.

1986 verstarb Gründer Nixdorf überraschend, eine Nachfolgekrise entstand. Das Unternehmen verschlief wichtige Markttrends. 1990 übernahm Siemens zunächst die Mehrheit, später 100 Prozent an dem Unternehmen, Nixdorf verschwand vom Kurszettel.

Dax-Absteiger: Deutsche Babcock

Deutsche Babcock:Die Deutsche Babcock geht auf den 1891 in London gegründeten Dampfkesselhersteller Babcock und Wilcox zurück. Sie hatte zeit ihres Daseins den Hauptsitz in Oberhausen. Ursprünglich ein Kesselbauer, entwickelte sich das Unternehmen weiter und gliederte sich seit den Sechzigerjahren auf in die Geschäftsbereiche Maschinenbau, Verfahrens- und Umwelttechnik und energietechnischer Anlagenbau. 1970 übernahm Babcock den Berliner Maschinenbauer Borsig – das Unternehmen wurde 1999 umbenannt in Babcock Borsig AG. 

1995 musste die Deutsche Babcock den Dax verlassen. Sie wurde durch SAP ersetzt, dem heute wertvollsten Unternehmen im deutschen Leitindex. Die Babcock geriet nach der Wiedervereinigung ins Schlingern, stand mehrfach vor dem Aus – im Juli 2002 meldete das Traditionsunternehmen Insolvenz an. Es war eine der größten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Der Konzern wurde zerlegt, Teile gingen an den Baukonzern Bilfinger, andere kaufte das japanische Unternehmen Hitachi.

Dax-Absteiger: Kaufhof

Kaufhof:1879 gegründet von Leonhard Tietz, firmierte die Warenhauskette ab 1905 unter dem Namen Leonhard Tietz AG, ab 1933 dann unter Westdeutsche Kaufhof AG. 1996 fusionierte die Warenhauskette mit dem Großhändler Metro Cash & Carry, die Kaufhof-Aktie wurde im Dax von der Metro-Aktie abgelöst.

Der Konzern verkaufte Kaufhof aber 2015 wieder, zunächst an Kanadier, die wiederum 2018 an die österreichische Signa Holding verkauften. Seit Anfang 2019 treten Galeria Kaufhof und Karstadt gemeinsam als Galeria Kaufhof Karstadt auf dem Markt auf.

Dax-Absteiger: Höchst

Hoechst:„Die Deutschen denken bei Hoechst ohnehin nur an Chemiestörfälle“, bejubelte Jürgen Dormann, damaliger Vorstandschef des Chemie- und Pharmariesen Hoechst, 1999 die Fusion mit dem französischen Konzern Rhône-Poulenc zu Aventis – womit auch der Name Hoechst verschwand. Tatsächlich hatte die Reputation von Hoechst unter anderem durch einen schwerwiegenden Störfall im Werk Frankfurt-Griesheim 1993 stark gelitten. Dennoch mutet es seltsam an, dass kaum jemand dem 1863 gegründeten Traditionskonzern eine Träne nachzuweinen schien.

Immerhin war das Unternehmen in den 1980ern der größte Arzneimittelproduzent der Welt. Meilensteine waren etwa die Entdeckung des ersten Heilmittels gegen Syphilis vor dem Ersten Weltkrieg und der Aufbau der Penicillinanlage nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine unrühmliche Rolle spielte Hoechst als Teil der IG Farben im Nationalsozialismus. Heilmittel waren nur ein Geschäftsbereich von vielen. Hoechst entwickelte etwa die Textilfaser „Trevira“, die Kleidung deutlich pflegeleichter machte. Der Kunststoff „Hosta“ war Rohstoff für Haushaltsgeräte jeglicher Art. 

Gebäude der Farbwerke Hoechst ca. 1968 

Mit Schwarzkopf, Marbert und Jade verfügten die Frankfurter über bekannte Kosmetikmarken. Anfang der 1990er Jahre erreichte der Konzern mit 180 000 Beschäftigten und einem Umsatz von 47 Milliarden DM seine größte Ausdehnung. Der ab 1994 amtierende Vorstandsvorsitzende Dormann restrukturierte den inzwischen kriselnden Konzern, verkaufte viele Unternehmensteile – und fusionierte dann 1999 den verbliebenen Rest mit Aventis, das 2004 in Sanofi aufging. Aus dem Dax schied Hoechst 1999 aus.

Dax-Absteiger: Veba

Veba:In der „Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks AG“ (Veba) fasste Preußen 1929 seine Bergwerksaktivitäten zusammen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die in Düsseldorf ansässige Veba Eigentum des Bundes, der das Unternehmen aber bis 1987 schrittweise privatisierte. Es umfasste diverse Geschäftsbereiche wie Strom, Öl und Chemie. Im Jahr 2000 fusionierte Veba mit der Viag zu Eon, das auch heute noch im Dax notiert ist.

Dax-Absteiger: Viag

Viag:Die Viag wurde 1923 als Dachgesellschaft für Beteiligungen des Deutschen Reiches gegründet. Die Hauptgeschäftsfelder waren die Energieerzeugung, die Aluminiumindustrie sowie Chemie. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb es bei der Holdingstruktur und den geschäftlichen Schwerpunkten. Der Bund war Eigentümer, Firmensitz war Bonn. 1986 und 1988 trennte sich der Staat über die Börse von seinen Anteilen an der Holding mit über 100 Unternehmen. Vor zwanzig Jahren fusionierten Viag und Veba zu Eon.

Dax-Absteiger: Mannesmann

Mannesmann:Die Geschichte des Industriekonzerns Mannesmann geht zurück auf die Brüder Max und Reinhard Mannesmann aus Remscheid, die 1885 das erste Verfahren zur Herstellung nahtloser Stahlrohre durch Walzen erfanden. Die Mannesmannröhren-Werke AG übernahm in den folgenden Jahrzehnten Erz- und Kohlezechen und errichtete eigene Stahlproduktionen. Es folgten Maschinenfabriken und Rohrleitungsbau. In den 1970ern wurde Mannesmann zu einem der größten Röhrenproduzenten der Welt und später zu einem breit aufgestellten Technologiekonzern.

1990 erwarb Mannesmann die Lizenz zum Aufbau und Betrieb des ersten privaten Mobilfunk-D-Netzes in Deutschland. Die Gewinnspannen waren so hoch, dass der Mannesmann-Vorstand 1999 beschloss, den Konzern alleine auf den Geschäftsbereich Telekommunikation auszurichten. Dazu kam es nicht mehr, denn das britische Telekommunikationsunternehmen Vodafone übernahm Mannesmann im Februar 2000 für unglaubliche 190 Milliarden Euro. Mannesmann wurde zerschlagen und verschwand von der Börse; die verschiedenen Unternehmensteile gingen etwa an Salzgitter, Bosch und Siemens.

Dax-Absteiger: Karstadt

Karstadt:Im Jahr 1881 eröffnete Rudolph Karstadt sein erstes Warenhaus in Wismar, schnell folgten weitere Filialen in Norddeutschland. Das Neue: Es gab Festpreise, üblich war damals das Handeln. 1930 war Karstadt mit 89 Filialen, 27 Fabriken und über 29 000 Angestellten Europas größter Warenhauskonzern. 1999 fusionierten die Karstadt AG und das Versandhaus Quelle zur Karstadt-Quelle AG. Im Jahr 2004 wurden gravierende finanzielle Probleme der Warenhauskette öffentlich.

Schon vorher, im Jahr 2001, war Karstadt-Quelle aus dem Dax abgestiegen und hatte Platz gemacht für die Deutsche Post. Die Geschichte von Karstadt in den vergangenen 15 Jahren ist eine von Dauerkrisen. Die Veränderungen im Einzelhandel und hausgemachte Probleme belasten den Konzern. Im Jahr 2009 ging die Mutter Arcandor in Insolvenz, es folgten diverse Eigentümerwechsel. Inzwischen gehört Karstadt der österreichischen Signa Holding und tritt zusammen mit dem ehemaligen Konkurrenten Kaufhof als Galeria Karstadt Kaufhof auf. Die Probleme bleiben.

Dax-Absteiger: Dresdner Bank

Dresdner Bank:Kurz vor ihrem Verschwinden im Jahr 2009 war die Dresdner Bank die viertgrößte Bank Deutschlands. Dann ging das 1872 in Dresden gegründete Geldhaus in der Commerzbank auf und brachte diese damals mit ungeheuren Lasten im Investmentbanking in eine gravierende Schieflage, die Staatshilfen nötig machte. Aus dem Dax war die Dresdner Bank aber schon lange vor dieser Übernahme ausgeschieden. Im Jahr 2001 kaufte die Allianz die Bank für 30,7 Milliarden Euro. Damit musste das Geldhaus den Leitindex verlassen und wurde durch den Finanzdienstleister MLP ersetzt.

Dax-Absteiger: Degussa

Degussa:Die Degussa wurde 1873 als Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt in Frankfurt am Main gegründet. Anfangs ging es vor allem um die Rückgewinnung von Edelmetall aus nicht mehr gebrauchten Münzen. Bis Ende des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Unternehmen zum größten Spezialchemiekonzern der Welt. Anfang des neuen Jahrtausends wurden viele traditionelle Geschäftsbereiche wie die Edelmetallaktivitäten und der Bereich Keramische Farben ins Ausland verkauft. 

1999 wurde der Energiekonzern Veba zum Hauptaktionär der Degussa. Nach dem Zusammenschluss von Veba und Viag zum Energieriesen Eon wurde der Firmensitz der Tochter Degussa nach Düsseldorf verlegt. Sie stieg 2002 in den MDax ab. Bis 2006 wurde sie schrittweise eine hundertprozentige Tochter des Steinkohlekonzerns RAG, das Unternehmen verschwand von der Börse. Heute ist die Degussa Teil der RAG-Abspaltung Evonik Industries AG.

Dax-Absteiger: Bayerische Hypotheken- und Wechelbank 

Bayerische Hypotheken- und Wechselbank:Die 1835 gegründete Regionalbank mit Sitz in München war hauptsächlich auf das Hypothekengeschäft ausgerichtet. Seit Ende der 1960er expandierte sie über Bayern hinaus und auch ins Ausland. 1998 fusionierte sie mit der Bayerischen Vereinsbank zur Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG, kurz Hypovereinsbank (HVB). Diese wurde 2005 von der italienischen Großbank Unicredit übernommen, die Aktie flog aus dem Dax und wurde durch die Hypo Real Estate ersetzt. 2007 übernahm die Unicredit auch die letzten Anteile, die HVB verschwand von der Börse.

Dax-Absteiger: Bayerische Vereinsbank

Bayerische Vereinsbank:1869 gegründet, betrieb die Münchener Bank sowohl das Kredit- als auch das Hypothekenbankgeschäft. Schon Ende der Fünfzigerjahre expandierte die bisherige Regionalbank mit Filialen und später durch Aufkäufe in andere Bundesländer und auch ins Ausland. 1998 fusionierte sie mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank zur Hypovereinsbank (HVB). Die HVB war nach Bilanzsumme die zweitgrößte Bank Deutschlands. Die Übernahme durch die Unicredit 2005 bedeutete den Abschied aus dem Dax.

Dax-Absteiger: Schering

Schering:Der Chemiker Ernst Schering gründete 1851 eine Apotheke in Berlin. Die Arzneimittel stellte er selbst her, ebenso wie Parfümeriebedarf, Textilpflegemittel und Feuerwerkskörper. Schering entwickelte sich schnell zu einem großen Pharmaunternehmen. Aber der Konzern war auch im Bergbau aktiv und jahrzehntelang wichtiger Hersteller von Fotopapieren und Kameras. 1961 brachte Schering mit „Anovlar“ die erste Antibabypille auf den deutschen Markt. 2006 übernahm Bayer das Berliner Unternehmen, Schering musste im Dax Platz für die Postbank machen.

Dax-Absteiger: MAN

MAN:Die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (MAN) ist heute eines der größten Fahrzeug- und Maschinenbauunternehmen in Europa. Es war von 1921 bis 1986 Teil des Oberhausener Montan- und Maschinenbauunternehmens Gutehoffnungshütte (GHH). 1982 beschäftigte die GHH bei einem Umsatz von 18,7 Milliarden DM rund 80.000 Mitarbeiter. Davon entfielen jedoch rund 60.000 allein auf MAN, die also immer dominanter im Konzern wurde.

In den Achtzigerjahren wurde der Firmensitz nach München verlegt, der Konzern übernahm den Namen MAN. Der Nutzfahrzeugbauer musste im Herbst 2012 nach der Mehrheitsübernahme durch Volkswagen den Dax verlassen. Die Aktie ist zwar noch an der Börse notiert, der Streubesitz liegt aber nur noch bei 5,3 Prozent.

Dax-Absteiger: Commerzbank

Commerzbank:Deutschlands heute viertgrößte Bank wurde nach ihrer Gründung 1870 schnell zu einer der führenden Großbanken mit großem Filialnetz. In der Finanzkrise von 2008 musste das Institut mit 18,2 Milliarden Euro vom Staat gerettet werden, der bis heute Miteigentümer der Bank ist. 2018 musste die Commerzbank ihren Platz im Dax räumen und wurde durch den Zahlungsdienstleister Wirecard ersetzt, die Bank stieg in den MDax ab.

Dax-Absteiger: Thyssen

Thyssen:Die Wurzeln des Stahlkonzerns gehen auf das Jahr 1891 im heutigen Duisburg zurück. 1999 fusionierten Thyssen und das ebenfalls traditionsreiche Unternehmen Krupp zu Thyssen-Krupp mit zusammen 185 000 Mitarbeitern. Der Abstieg aus dem Dax erfolgte im September 2019, Marktkapitalisierung und Börsenumsatz reichten nicht mehr aus. Der Triebwerksbauer MTU rückte nach.

Seit vielen Jahren gibt es kaum noch Erfreuliches von dem einstigen Weltkonzern zu berichten. Misslungene Abenteuer in Brasilien und den USA kosteten das Unternehmen mit Sitz in Essen bis 2017 geschätzte acht Milliarden Euro, mehrmals wurde es zu Strafzahlungen wegen Kartellabsprachen verdonnert, langwierige Personalquerelen erschüttern das Vertrauen vom Aktionären. Thyssen-Krupp steckt in einer Dauerkrise.

Dax-Absteiger: Lufthansa

Lufthansa:Die Corona-Krise zwingt den Luftfahrtkonzern in die Knie, er braucht Staatshilfe und steigt am 22. Juni 2020 in den MDax ab. Die Geschichte des Unternehmens begann mit der Deutschen Luft Hansa im Jahr 1926. Diese wurde jedoch 1945 von den Alliierten aufgelöst, so dass die 1953 neu gegründete Lufthansa keine juristische Nachfolgerin des alten Unternehmens war. Bis 1962 war die Lufthansa komplett in Staatshand, der Bund brachte dann erste Anteile an die Börse. Erst seit 1997 ist die Lufthansa komplett privatisiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare