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Das Gefälle zwischen Ost und West ist weiterhin groß.

Ungleiche Vermögensverteilung

Aktienbesitzer sind vor allem Westdeutsche

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Bei Lohn und Vermögen klafft weiterhin eine große Lücke im wiedervereinigten Deutschland.

Knapp 28 Jahre nach der Wiedervereinigung klafft bei Einkommen und Vermögen unverändert eine erhebliche Lücke zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Bundesagentur für Arbeit machte am Freitag bekannt, dass der Brutto-Durchschnittsverdienst von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten mit 3339 Euro pro Monat im Westen 2017 immer noch weit höher lag als im Osten, wo nur 2600 Euro gezahlt wurden. Die einst geteilte Hauptstadt Berlin rangiert mit 3126 Euro auf Platz neun. Weitere neue Bundesländer belegen die letzten vier Plätze.

Schlusslicht im Westen – damit aber immer noch 358 Euro über dem Ost-Durchschnitt – ist Schleswig-Holstein mit 2958 Euro. Frappierend ist die Differenz zwischen einzelnen Städten. So verdienen Menschen im bayerischen Ingolstadt, wo Audi residiert, mit 4635 Euro mehr als doppelt so viel wie im sächsischen Görlitz, das zuletzt um das heimische Siemens-Werk bangte, mit 2183 Euro.

Das Gefälle wird noch plastischer, wenn man die Vermögensverhältnisse in den Blick nimmt. So lag das Nettogeldvermögen im ostdeutschen Mittel im Jahr 2016 bei 24 800 Euro, in den reichen Südländern der Republik Bayern, Baden-Württemberg und Hessen hingegen bei 112 500 Euro. Das wiederum wirkt sich auf die Aktivitäten am Aktienmarkt aus.

So hat die Direktbank Comdirect eine Umfrage von Acxiom ausgewertet und dieser Zeitung die Ergebnisse zur Verfügung gestellt. Dabei wurden 45 000 Bundesbürger zu ihrem Anlageverhalten befragt. Daraus ergibt sich, dass in Magdeburg ein Prozent der Bürger Aktien halten, in Hamburg-Harburg – einem eigentlich sozial schwachen Stadtteil Hamburgs – jedoch 35 Prozent und im reichen Starnberg 66 Prozent. In Berlin beträgt die Quote der Umfrage zufolge fünf Prozent – mit deutlich mehr Aktienbesitzern im Westen als im Osten der Stadt.

Zwar gibt es auch im Westen selbst große Unterschiede. So herrschen im Ruhrgebiet, in Teilen von Rheinland-Pfalz, des Saarlandes sowie von Schleswig-Holstein ostdeutsche Verhältnisse. Allerdings ist die Ost-West-Differenz aufs Ganze gesehen nach wie vor prägend. Zugleich besteht nach Ansicht von Experten die Gefahr, dass der Aktienbesitz die bestehende Spaltung zusätzlich vertieft. Denn Aktien werfen mehr Geld ab als Tages- oder Festgeld-Konten auf der Bank.

Schließlich stockt die Ost-West-Angleichung beim Bruttoinlandsprodukt seit Jahren. Laut Bericht zum Stand der Deutschen Einheit 2017 lag es 2016 in Ostdeutschland bei 73,2 Prozent des westdeutschen Vergleichswertes. Nichts deutet daraufhin, dass sich dies ändern könnte. Ursache für die Kluft ist der Mangel an großen Industrieunternehmen im Osten. Sie führt ihrerseits zu einem Mangel an Steuereinnahmen, der vom Westen ausgeglichen werden muss.

Nicht vergessen werden darf dabei allerdings, dass auch die Lebenshaltungskosten, etwa Mieten, in Ostdeutschland im Durchschnitt deutlich niedriger sind als in Westdeutschland. Bei vielen Vergleichen wird dieser Aspekt vernachlässigt.

Die Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Sahra Wagenknecht, sagte dieser Zeitung: „Die regionale und tiefe Spaltung beim Wertpapiervermögen zeigt das eklatante Versagen der letzten Bundesregierungen bei der Schaffung gleicher Lebensverhältnisse und einer gerechten Verteilung des Reichtums. In Merkels Niedriglohnparadies Deutschland hat sogar jeder zweite Bürger kein Vermögen mehr und kann nichts ansparen, geschweige denn in Aktien investieren. Es ist nicht verwunderlich, dass überdurchschnittlich viele dieser ärmeren Menschen in strukturschwachen Regionen wie dem Saarland oder einigen ostdeutschen Bundesländern zu finden sind.“

Merkels fatale Eurokrisenpolitik und die Niedrigzinsen der Europäischen Zentralbank verstärkten diese ungleiche Verteilung noch, weil so die Börsenkurse aufgeblasen und die Aktien- und Immobilienvermögen der Reichen in die Höhe getrieben würden. Im Gegensatz dazu würden die Sparguthaben von weniger einkommensstarken Menschen entwertet und ihre niedrigen Einkommen durch stark steigende Mieten sowie Lebensmittelpreise belastet.

Die Sprecherin der Grünen- Bundestagsfraktion für Ostdeutschland, Claudia Müller, sagte: „Die niedrige Aktienquote in Ostdeutschland ist Symptom für die wachsende Ungleichheit zwischen Ost und West. Der durchschnittliche Aktionär ist gut verdienend und über 60. Genau diese Altersgruppe konnte im Osten kein entsprechendes Vermögen aufbauen.“ Sie fuhr fort: „Wer sich keine Aktien leisten kann, nimmt am Wohlstand nicht teil. Das sind in erster Linie die schon jetzt strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland.“

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