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Ein Mann analysiert den Aktienkurs
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Was sind die Vorteile und Risiken von Belegschaftsaktien? Eine Studie gibt Antworten. (Symbolbild)

Belegschaftsaktien

SAP, Bayer, Siemens und Co. bieten der Belegschaft Aktien an – zugreifen oder nicht?

  • VonRolf Obertreis
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Viele Unternehmen bieten im Rahmen von Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen ihren Beschäftigten eigene Aktien an. Lohnt es sich, zuzugreifen?

Frankfurt - Rund 550.000 Beschäftigte von börsennotierten Aktiengesellschaften haben 2020 das Angebot ihrer Unternehmen genutzt, Aktien der Gesellschaft kostengünstig oder sogar gratis zu kaufen. Damit gibt es hierzulande insgesamt 1,3 Millionen Belegschaftsaktionär:innen. Für sie sind die Anteile ein lohnendes Investment, besagt eine aktuelle Studie.

87 Prozent der jeweiligen Aktienpläne kommen über zehn Jahre im Schnitt jährlich auf eine Rendite von mindestens fünf Prozent, die Hälfte sogar auf mehr als elf Prozent. „Die Anlage von jährlich 1200 Euro in ein marktüblich gestaltetes Mitarbeiterbeteiligungsprogramm von börsennotierten Unternehmen erwirtschaftet über einen Zehnjahreszeitraum im Durchschnitt rund 11 900 Euro mehr Gewinn als eine zehnjährige Bundesanleihe“, sagt Norbert Kuhn vom Deutschen Aktieninstitut (DAI).

Aktien für die Belegschaft: Beschäftigte werden am Unternehmen beteiligt - Lohnt es sich?

Die Erkenntnis liefert eine Analyse des DAI, des Bundesverbandes Mitarbeiterbeteiligung (AGP), und der Unternehmensberatung hkp. Durch das „Rendite-Dreieck Mitarbeiteraktien“ können Aktienpläne der Unternehmen von 1996 bis 2020 berechnet werden. Einbezogen werden kann auch die geplante Verdoppelung des Steuerfreibetrags für Belegschaftsaktionär:innen ab 1. Juli diesen Jahres von 360 auf 720 Euro jährlich. Diese Erhöhung wird, so die Studie, die Gesamtrendite über zehn Jahre von etwa 92 auf 97 Prozent erhöhen.

Der Ansatz mit Belegschaftsaktien reicht weit zurück, bei Bayer etwa begann es 1953, bei RWE 1957. Ziel: Die Beschäftigten an „ihrem“ Unternehmen zu beteiligen, sie stärker zu binden, ihre Motivation zu fördern. Allerdings sind die Ansätze auch heute nicht breit gestreut. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung boten vor rund drei Jahren von 160 untersuchten großen und größeren Unternehmen, deren Aktien gelistet sind, nur 43 Aktien tatsächlich allen Beschäftigten an. Bei 16 war es auf Führungskräfte beschränkt, bei 27 nur auf den Vorstand.

Belegschaftsaktien: Laut Studie ein lohnenswertes Investment - Kurssteigerungen und Dividenden

Dort wo es für alle möglich ist, wird es der Studie zufolge aber kräftig genutzt. Bei SAP sollen 90 Prozent der Beschäftigten Belegschaftsaktien halten, bei Siemens 70 und bei der Deutschen Bank 60 Prozent. Insgesamt nutzen dem Vernehmen nach etwa eine halbe Million Beschäftigte die Angebote und sind so Miteigentümer:innen ihres Unternehmens. Im besten Fall profitieren sie von Kurssteigerungen und Dividenden. Und sie können sich auf der Hauptversammlung zu Wort melden und abstimmen.

Trotzdem könnten es mehr sein: 2019 hat das DAI ermittelt, dass nur jeder zweite Dax-Konzern und nur jedes dritte börsennotierte Unternehmen Belegschaftspapiere anbietet.

Aktien: Programme können sich lohnen - Positive Rendite

Dabei lohnt es sich in vielen Fällen, wie auch die Böckler-Stiftung 2017 am Beispiel eines Mitarbeiters von Siemens vorgerechnet hat. Er ist seit seinem 18. Lebensjahr dort beschäftigt, hat alle steuerfreien Offerten angenommen und nie Aktien verkauft. Mit 65 Jahren besitzt er 2176 Siemens-Aktien im Wert von 217.600 Euro. Dafür hat er selbst nur 18.319 Euro ausgegeben. Der Gewinn läge bei 199 281 Euro oder mehr als 1000 Prozent – plus weiteren 81.855 Euro aus Dividenden, Bezugsrechten und Steuergutschriften.

„Die Programme erzielen auch dann noch eine positive Rendite, wenn die Kursentwicklung der Aktien aufgrund von Krisen wie der Dotcom-Blase oder der Finanz- und Wirtschaftskrise mittelfristig negativ ist“, sagt DAI-Experte Kuhn. Solche Programme seien „eine sehr attraktive und sichere“ Möglichkeit für Beschäftigte, individuell Vermögen aufzubauen, ergänzt AGP-Geschäftsführer Heinrich Beyer. Die Verdoppelung des Freibetrags sei ein erster Schritt, die Bedingungen weiter zu verbessern.

Aktien der „eigenen“ Unternehmen: Noch Potenzial nach oben

Kuhn sieht noch viel Potenzial für Belegschaftsaktien – bei rund 44 Millionen erwerbstätigen Frauen und Männern. Deutschland hinkt hinterher, auch wenn ein aktueller internationaler Vergleich fehlt. 2014 gab es in der Bundesrepublik 800.000 Belegschaftsaktionär:innen, in Frankreich 3,3 Millionen, in Großbritannien 2,2 Millionen.

Hierzulande scheuen selbst langjährige Beschäftigte dem Vernehmen nach immer noch davor zurück, Anteile an ihren eigenen Unternehmen zu erwerben, obwohl sie einschätzen können, wie „ihre“ Firma läuft. Andererseits zeigt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Aon, dass Beteiligungsprogramme generell genutzt werden, wenn sie ein Unternehmen anbietet, auch von rund 70 Prozent der Beschäftigten mit einem Bruttoeinkommen von bis zu 2200 Euro im Monat. „Rund drei Viertel aller Mitarbeiter greifen zu, wenn Unternehmensanteile zum Beispiel in Form von Belegschaftsaktien angeboten werden“, so Aon-Partner André Geilenkothen.

LandAnzahl Belegschaftsaktionär:innen (2014)
Deutschland800.000
Frankreich3,3 Millionen
Großbritannien2,2 Millionen

Wer Belegschaftsaktien besitzt fährt gut, wenn es dem Unternehmen gut geht und der Job sicher ist. Aber es bleiben Risiken. Beschäftigte der Deutschen Bank, die sich vor zehn Jahren mit Papieren des Instituts eingedeckt haben, sitzen aktuell auf einem Minus von etwa 75 Prozent. Wenn es ganz schlecht gelaufen ist, haben sie auch noch ihren Job verloren oder es droht der Verlust im Rahmen des derzeit laufenden Stellenabbaus. Ähnlich gehen dürfte es manchem Beschäftigten der Commerzbank. Ganz übel sieht es im Fall der Pleite aus, wie bei Air Berlin 2017 und 2020 bei Wirecard. Belegschaftsaktien sind dann nur noch ein paar Cent wert – bei doppeltem Risiko: Denn oft ist auch der Job weg.

Belegschaftsaktien: Wie hoch ist das Risiko? Expertin bezweifelt Vorteile

Salome Preiswerk, Geschäftsführerin des digitalen Vermögensverwalters Whitebox warnt ausdrücklich vor Belegschaftsaktien und verweist auf erhebliche Verluste bei etlichen Dax-Aktien. Sie geht allerdings davon aus, dass Belegschaftsaktionär:innen nur eine Aktie, also die „ihres“ Unternehmens im Depot haben. Damit ist das Risiko hochkonzentriert statt es über den Besitz mehrerer Papiere oder über Fonds zu streuen. „Private Anleger sind gut beraten“, so Preiswerk, „wenn sie die Branche, in der sie arbeiten, meiden. Belegschaftsaktien sind zur Vermögensbildung und Altersvorsorge ungeeignet. Sie verpassen ihren Besitzern noch einen zusätzlichen Tritt in die Magengrube, wenn sie schon am Boden liegen.“

Sie bezweifelt, dass Beschäftigte motivierter sind und verantwortungsvoller handeln, wenn ihnen ein Bruchteil des Unternehmens gehöre. Auf Entscheidungen, die den Aktienkurs beeinflussen würden, habe der oder die durchschnittliche Angestellte keinen Einfluss. (Rolf Obertreis)

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