+
Stefan Liebing

Chancen

"Afrikas Risiken sind überschätzt"

  • schließen

Stefan Liebing, Chef des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, über zurückhaltende Mittelständler, die Chancen des Kontinents und Erwartungen an die Bundesregierung.

Stefan Liebing kommt gerade von einem Termin mit dem Präsidenten von Madagaskar. Später hat der Chef des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft noch ein Treffen mit afrikanischen Unternehmern. Wenn es um Wirtschaftskontakte zwischen Deutschland und Afrika geht, ist der Verein für Politik und Unternehmen ein wichtiger Ansprechpartner. Das gilt umso mehr, seitdem die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise die wirtschaftliche Förderung Afrika zu einem Hauptthema der deutschen G 20-Präsidentschaft erklärt hat.

Herr Liebing, die Wirtschaftsleistung Ghanas war Ende der 1950er doppelt so hoch wie die Südkoreas. Heute beträgt das Bruttoinlandsprodukt des asiatischen Landes das 27-fache Ghanas. Was läuft falsch in Afrika?
Viele afrikanische Staaten haben es nach ihrer Unabhängigkeit versäumt, die durch Rohstoffe erwirtschafteten Einnahmen in die Entwicklung ihrer Länder zu investieren. Sie haben es unterlassen, die richtigen Rahmenbedingungen für Investoren zu schaffen, sei es durch ein verlässliches Rechtssystem, die Korruptionsbekämpfung oder die Infrastruktur. Man muss es ganz klar sagen: Afrika hat mindestens 40 Jahre verloren.

Jährlich fließen rund 50 Milliarden Euro an Entwicklungshilfe nach Afrika. Kritiker sagen, auch dieses Geld habe seinen Anteil am Zurückbleiben, denn es lähme die Entwicklung.
Ich gehöre nicht zu denjenigen, die diese Form der Hilfe verteufeln. Denn wir tun hier auch viel Gutes, gerade im humanitären Bereich, wo wir Menschen helfen, die in schlimmster Not sind. Doch man muss auch sehen: Je mehr man subventioniert, desto weniger Eigeninitiative entsteht. Es gibt ja immer noch Länder, deren Staatshaushalte erheblich durch Entwicklungshilfe mitfinanziert werden. Das ist alles andere als nachhaltig.

Und nun soll Afrika plötzlich der Chancenkontinent sein?
Afrika ist der letzte Kontinent, der der weltweiten Entwicklung hinterherhinkt. Das Potenzial ist riesig. Ihr Vergleich von Ghana und Südkorea zeigt, was alles möglich ist, wenn man es richtig anpackt. Immer mehr politische Führungskräfte in Afrika haben erkannt, dass sie handeln müssen. Wir haben es in der Mehrzahl mit erfahrenen, gut ausgebildeten Regierungsmannschaften zu tun, die weiter sind, als wir das hier glauben. Die wollen etwas ändern, und einiges ist auch schon erreicht worden.

Woran machen Sie das fest?
Die Wachstumsraten in vielen afrikanischen Staaten sind schon seit zehn Jahren zweistellig, und zwar nicht nur bei Rohstoffexporteuren. Es gibt boomende Städte mit Wolkenkratzern, funktionierende Handy-Netze, Straßen und Bahntrassen werden saniert und es ist eine muntere Start-up-Szene entstanden. Es gibt auch mehr internationale Direktinvestitionen und vielerorts wesentlich bessere Bedingungen für Unternehmen.

Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050 verdoppeln. Jährlich werden für die jungen Menschen 20 Millionen neuen Jobs benötigt. Ist das zu schaffen?
Das beschreibt leider nur einen Teil des Problems. Die 20 Millionen Jobs decken lediglich den Bevölkerungszuwachs in der Zukunft ab. Doch schon heute suchen viele Millionen Menschen eine Beschäftigung. Aber zu Ihrer Frage: Das muss zu schaffen sein. Ansonsten werden sich die Afrikaner aufmachen nach Europa.

Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?
Die afrikanischen Staaten werden nicht aus eigener Kraft Wachstumsraten erreichen, um das Bevölkerungswachstum abfedern zu können. Deshalb brauchen wir ausländische Investitionen. Glücklicherweise hat das auch die Bundesregierung als zentralen Punkt einer neuen Strategie für Afrika erkannt.

Gerade deutsche Unternehmen machen einen Bogen um Afrika. Weltweit sind 400 000 deutsche Firmen aktiv, in Afrika aber nur 1000. Woran liegt es?
Diese 1000 Unternehmen haben ihre Aktivitäten in den letzten zehn Jahren immerhin verdoppelt. Richtig ist aber, dass sich die deutschen Firmen immer noch stark zurückhalten. Zum einen ist der Mittelstand, der das Gros der deutschen Wirtschaft stellt, traditionell sehr vorsichtig. Das ist grundsätzlich in Ordnung. Doch oft existiert ein veraltetes Afrika-Bild. Es hält sich noch immer hartnäckig das Klischee, in Afrika sitzen Unterernährte in Strohhütten und vegetieren ohne Strom und fließend Wasser vor sich hin. Dass es dort eine Nachfrage nach dem gibt, was unsere Industrie besser als andere anbieten kann, ist weitgehend unbekannt.

Wer sich dann informiert, weiß aber auch, dass die Korruption ein riesiges Problem ist und das Rechtssystem nicht gerade zuverlässig funktioniert.
Die Risiken sind natürlich da, werden aber häufig überschätzt. Im Korruptionsindex von Transparency International stehen fünf afrikanische Staaten vor Italien. 34 der 54 Länder Afrikas sind dort besser gelistet als Russland. Das zeigt: Afrikanische Länder sind nicht schlechter als andere Regionen, in denen wir uns wirtschaftlich engagieren. Ich bin sicher: Man kann in Afrika in den meisten Ländern legale und ethisch saubere Geschäfte aufbauen.

Haben wir aber nicht längst den Anschluss auf dem Nachbarkontinent verpasst? Die Chinesen sind überall in Afrika aktiv, auch Briten und Franzosen sind stärker vertreten.
Die Deutschen drängt es leider nicht mit Investments ins Ausland, wir exportieren lieber unsere hierzulande hergestellten Produkte in andere Länder. Das dürfte sich aber langfristig als Fehler erweisen. Denn wie gesagt: Ein Investment in Afrika hat wegen der Migrationsprobleme eine ganz andere Bedeutung als eines in anderen Regionen der Welt. Und: Die Märkte lassen sich nur begrenzt von hier aus erschließen.

Die Bundesregierung plant im Rahmen der G 20 sogenannte Investitionspartnerschaften, um vor Ort die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu verbessern. Reicht das?
Die an sich guten Ideen sind derzeit noch viel zu allgemein. Wir brauchen so schnell wie möglich ganz konkrete Schritte zur besseren Absicherung von Exporten und Projekten in Afrika. Mit ihrem Eckpunktepapier geht die Bundesregierung in die richtige Richtung, ist aber in vielen Bereichen noch viel zu zaghaft.

Was stellen Sie sich vor?
Wenn die Regierung möchte, dass der vorsichtige Mittelstand in Afrika Menschen ausbildet und Arbeitsplätze schafft, dann muss der Staat zumindest einen Teil der Investitionsrisiken abdecken.

Es gibt doch aber für viele afrikanische Länder bereits die staatlichen Hermes-Exportbürgschaften. Reicht Ihnen das nicht?
Diese Absicherung ist schlicht zu teuer. Die Konditionen sind selbst im Vergleich zu den Versicherungen anderer EU-Staaten nicht wettbewerbsfähig. Das merkt man auch bei öffentlichen Ausschreibungen. Da können sie als deutsches Unternehmen angesichts der höheren Finanzierungs- und Versicherungskosten oft nicht mithalten. Gegen chinesische Firmen haben sie gleich gar keine Chance.

Warum?
Die kommen mit einer 100-prozentigen Absicherung des Investments durch den Staat und zinslosen Krediten der Regierung. Zwar wissen auch die Afrikaner inzwischen, dass die Produkte und Bauten der Chinesen oft nicht sonderlich lange halten. Aber auch in Afrika wird eher in Wahlperioden gedacht. Und wenn es die Straße bei den Chinesen billiger und schneller gibt, dann greifen sie zu.

Was brauchen die deutschen Unternehmen, um hier konkurrenzfähiger zu werden?
Nehmen wir die erneuerbaren Energien, wo Deutschland führend ist. Will ich einen Solar- oder Windpark in Afrika bauen, liegen zwischen der Idee und dem Baubeginn schwierige Verhandlungen über das Land, über die Netzanbindung und die Finanzierung. Das kostet fünf Jahre und mindestens fünf Millionen Euro. Ich weiß aber bis zum Schluss nicht, ob das Projekt je realisiert werden kann. Für solche frühen Projektentwicklungsphasen benötige ich eine staatliche Risikoabsicherung, weil privates Kapital dafür ansonsten nicht zur Verfügung steht. Auch andere Formen der Absicherung wären sinnvoll.

Zum Beispiel?
Wie in Deutschland wird auch in Afrika von den Regierungen die Vergütung des eingespeisten Stromes oft über einen bestimmten Zeitraum zugesichert. Doch auf diese Zusagen aus Afrika wollen sich Investoren nicht verlassen. Denkbar wäre, dass Deutschland über neuartige Bürgschaftsinstrumente derartige Garantien übernimmt. Das würde ähnlich wie bei uns einen Boom auslösen.

Welches Geld wollen Sie dafür nutzen?
Auch hier müssen wir umdenken. Wirtschaftsförderung ist die beste Entwicklungshilfe, insofern sollten dafür Gelder des Entwicklungsministeriums bereitgestellt werden. Dann können sie mit einigen Hundert Millionen Euro mehr erreichen als in klassischer Entwicklungshilfe mit Milliardensummen.

Studien zeigen aber, dass ein wirtschaftliches Wachstum zunächst sogar die Migration anheizt. Schneiden wir uns also ins eigene Fleisch?
Die Flüchtlinge, die aus Afrika in Richtung Europa ziehen, stammen nicht aus ganz armen Schichten, sondern oft aus Familien mit einem gewissen Wohlstand. Sie wissen, welche Chancen es woanders gibt und legen Geld für einen Angehörigen zusammen, der dann nach Europa geht. Dieser Prozess wird sich, so die Erfahrung, bei einem wirtschaftlichen Aufschwung zunächst verstärken, dann aber bei einem gewissen Wohlstand wieder abschwächen. Was wäre die Alternative? Wir halten die Menschen in bitterer Armut? Das kann doch nun wirklich keiner wollen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare