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Schwäbischer Milliardär

Adolf Merckle wählt den Freitod

"Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet", sagt seine Familie. Von Christoph Albrecht-Heider

Von Christoph Albrecht-Heider

Stuttgart. Der schwäbische Milliardär Adolf Merckle ist tot. Der 74-Jährige sei bereits am Montagabend in der Nähe seines Wohnorts Blaubeuren bei Ulm von einem Zug erfasst und getötet worden, berichtet die Deutsche Presse-Agentur.

Die Familie von Merckle spricht in einer Erklärung von einem Freitod des 74-Jährigen: "Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet."

Merckles Firmenimperium war wegen Fehlspekulationen mit VW-Aktien und der Finanzkrise zuletzt in große Finanznot geraten. Der schwäbische Milliardär kontrollierte mit seiner Familie über ein Firmengeflecht neben Heidelberg Cement unter anderem noch den Generikahersteller Ratiopharm, den Pharmahändler Phoenix und war am Pistenraupenhersteller Kässbohrer beteiligt.

Der Aktienkurs von Heidelberg-Cement brach um bis zu zwölf Prozent ein. Ein Händler sagte: "Da haben einige Anleger Angst, dass es niemanden gibt, der in dieser sensitiven Lage für das Unternehmen die Verhandlungen fortführen kann." Die Aktien von Heidelberg-Cement verloren bis zu 12,5 Prozent auf 29,16 Euro, erholten sich dann aber leicht.

Viertreichster Deutscher

Milliarden spielten im Leben des Adolf Merckle eine wesentliche Rolle. Mit einem Vermögen von grob geschätzt acht Milliarden Euro war er laut Forbes der viertreichste Deutsche. Sein verschacheltes Firmenkonglomerat soll mit 16 Milliarden Euro verschuldet sein. Zuletzt machten Gerüchte die Runde, wonach der Merckle-Clan zu den Verlierern der absurden VW-Wetten gehören und beim Zocken an der Börse zuletzt etwa eine Milliarde Euro eingebüßt haben soll.

Offenkundig braucht die Gruppe sehr schnell Geld. Agenturen meldeten eine halbe Stunde vor der Todesnachricht, die Verhandlungen über einen Überbrückungskredit seien auf der Zielgeraden. "Man ist kurz vor einem positiven Abschluss", sagte eine Sprecherin der Gesellschaft VEM, in der der 74-Jährige viele seiner Firmen-Beteiligungen gebündelt hatte.

Der Firmenpatriarch Adolf Merckle

Auch in der jüngsten Geschichte des deutschen Kapitalismus halten sich viele inhabergeführte Unternehmen auf Spitzenplätzen. Da gibt es die monothematischen Firmen wie die Einzelhandelsketten der Aldi-Brüder oder aber die Querbeet-Gesellschaften, für die die Merckles stehen - respektive Firmenpatriarch Adolf Merckle.

Zum bunten Strauß seiner über die Jahre zusammengekauften Beteiligungen und Besitztümer gehören Medikamente und Pharmahandel, Landsitze und Bergbahnen, Wälder, Windrotoren und Zement. "Kaum eine deutsche Unternehmerdynastie agiert so unberechenbar und schonungslos wie der Merckle-Clan", hieß es in einem eher unfreundlich gehaltenen Familien-Porträt im Manager-Magazin.

Eingeweihte wussten Ungünstiges zu berichten; Worte wie "raffgierig" und "missgünstig" fielen, wenn die Sprache auf den Senior Merckle kam, der als "Sonderling" verschrieen war und als prozessfreudig galt.

Die Unternehmer-Dynastie hatte sein Großvater gleichen Vornamens 1881 im böhmischen Aussig mit " Adolf Merckle, Drogen und Chemikalien en gros" begründet. Nach dem Krieg begann die Unternehmensgeschichte im schwäbischen Blaubeuren, wo die Merckles noch immer residieren, aufs Neue.

Der Aufstieg des Familienbetriebs

1967 übernahm Jurist Adolf Merckle den Familienbetrieb - 80 Beschäftigte damals, zwei Millionen Euro Umsatz - und legte 1974 den Grundstein für seinen späteren Aufstieg in die Unternehmer-Bundesliga mit der Gründung des Generika- Produzenten Ratiopharm. Die Arzneimittel-Firma fiel negativ auf, als 2005 bekannt wurde, wie sie mit Rabatten versucht hatte, Einfluss auf die Verkaufs- und Verschreibungspraxis von Apotheken und Ärzten zu nehmen.

Aus der operativen Geschäftsführung zog sich der mit Verdienstkreuzen, Orden und Ehrendoktoren dekorierte Senior zwar schon vor Jahren zurück und ließ stattdessen seine Söhne Ludwig und Philipp wirken, doch sein Wort hatte, wie die Krise zeigte, im Zweifel größtes Gewicht.

Angeblich ging es zuletzt um ein Kreditvolumen von etwa 400 Millionen Euro, um Zahlungsausfälle zu verhindern. Mittelfristig ist der Finanzbedarf der Gruppe aber deutlich höher, was eine umfassende Umschuldung nötig macht.

Merckle erreicht unlängst noch, dass die Institute ihre Forderungen für eine gewisse Zeit aussetzen. Nach diesem Stillhalteabkommen und der Gewährung des Überbrückungskredits sollten nun auf Basis eines Sanierungsgutachtens die Schulden des Merckle-Firmenimperiums neu verhandelt werden. Das Gutachten soll unter anderem den Wert der Merckle-Beteiligungen ermitteln. (mit rtr)

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