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Ackermann findet Rausschmiss "unwürdig"

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Seine Zeit bei Siemens ist wohl vorbei:  Peter Löscher.
Seine Zeit bei Siemens ist wohl vorbei: Peter Löscher. © dpa

Im Siemens-Aufsichtsrat regt sich Widerstand gegen die Art, auf die der Konzernchef Peter Löscher weggeputscht werden soll. Selbst Bundeskanzlerin Merkel äußert sich zu dem Streit.

Die Ablösung von Peter Löscher reißt Gräben in der Führungsriege von Siemens. Unter Druck gerät vor allem Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der den Sturz des von ihm einst geholten Österreichers eingefädelt hat.

Drei prominente Vertreter auf der Kapitalseite des Kontrollgremiums stören sich Insidern zufolge an der Art und Weise, wie Löscher herausgedrängt wird. Der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Allianz-Chef Michael Diekmann und die Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller sind demnach gegen eine Ablösung auf der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch. Sie kritisieren das Verfahren der Absetzung als unwürdig für einen Weltkonzern, wie die Nachrichtenagentur Reuters am Montag aus dem Umfeld des Unternehmens erfahren hat. Die Rede ist von einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" oder gar von einem "Putsch" gegen Löscher.

Der Missmut entzündet sich an der knappen Gewinnwarnung vom Donnerstag, mit der Siemens seine Renditeziele für 2014 aufgab. Insidern zufolge hätten sich Löschers Vorstandskollegen gegen seinen Willen durchgesetzt, die Öffentlichkeit zu informieren. Kritisch wird dabei auch die Rolle von Finanzchef Joe Kaeser gesehen, der Löscher an der Konzernspitze beerben soll. Kaeser soll auf eine weitergehende Erläuterung der Gründe verzichtet und damit Löscher dem Zorn des Kapitalmarkts preisgegeben haben. Wegen zahlreicher Misserfolge wie der verspäteten Lieferung von Zügen an die Bahn oder nach wie vor fehlenden Anschlüssen von Windparks in der Nordsee stand Löscher bereits massiv in der Kritik.

Zuletzt ließ auch Aufsichtsratschef Cromme Löscher fallen, der ihn 2007 inmitten der Korruptionsaffäre vom US-Pharmakonzern Merck an die Isar geholt hatte. Den abrupten Seitenwechsel nehmen ihm nun einige Aufsichtsräte übel. Cromme musste sich zuletzt vorwerfen lassen, er schaue den mitunter glücklos agierenden Siemens-Vorständen nicht immer genau genug auf die Finger.

Bei ThyssenKrupp hatte Cromme erst im Frühjahr nach Milliardenverlusten, Kartellverfahren und Personalquerelen das Handtuch als Aufsichtsratschef geworfen. Die nötige Zweidrittel-Mehrheit für Löschers Ablösung steht Kreisen zufolge allerdings nicht infrage, da vor allem die Arbeitnehmer im 20-köpfigen Kontrollgremium geschlossen für einen Neuanfang seien. Berichte, wonach Löscher Cromme bei einem Rauswurf per Kampfabstimmung mitreißen will, dementierte ein Konzernsprecher.

Löscher akzeptiert Abgang

Löscher scheint sein Schicksal anzunehmen: "Es geht mir ausschließlich um das Wohl von Siemens und der 370.000 Siemensianer, die zurecht stolz auf ihr Unternehmen sind", sagte er der "Bild"-Zeitung. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete auf ihrer Website unter Berufung auf Konzernkreise, der Manager wehre sich nicht länger gegen seine Ablösung. Über eine einvernehmliche Trennung werde bereits verhandelt.

Großaktionäre äußerten sich grantig über das Spektakel in München. "Machtkämpfe verschärfen unnötig die Probleme von Siemens. Gute Corporate Governance sieht anders aus", zürnte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment. "Die Art der Kommunikation ist mehr als unglücklich." Sein UBS-Kollege Pascal Boeuf wittert eine Intrige. "Es scheint so, als wäre Löscher ins offene Messer gelaufen. Einiges spricht dafür, dass dieser Putsch von langer Hand geplant worden ist", sagte er. "Alle Stakeholder verlieren bei solchen Machtkämpfen. Wenn Herr Cromme auch noch geht, wäre das beunruhigend."

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich besorgt um den Konzern. "Aus ihrer Sicht ist Siemens ein Flaggschiff der deutschen Wirtschaft, und deshalb ist es ihr wichtig, dass dieses Weltunternehmen wieder in ruhiges Fahrwasser gerät", richtete der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter aus.

Angesichts der Kritik an Cromme beginnen bereits Spekulationen um seine Nachfolge. Innerhalb des Gremiums bietet sich eigentlich nur Ackermann an, den die Arbeitnehmer allerdings vehement ablehnen. Kenner halten es daher für wahrscheinlich, dass Cromme bis zur Hauptversammlung im kommenden Januar im Amt bleibt und bis dahin seine Nachfolge regelt. Als heißester Kandidat gilt der scheidende Linde -Chef Wolfgang Reitzle, der bereits 2007 als Vorstandschef bei Siemens im Gespräch war. Er führt bereits den Aufsichtsrat von Continental und geht im kommenden Frühjahr bei Linde in Ruhestand.

Jubel an der Börse

Am Kapitalmarkt löste der bevorstehende Rauswurf Löschers Begeisterung aus. Sein wahrscheinlicher Nachfolger Kaeser wird einhellig für die bessere Wahl gehalten. Die Siemens-Aktie kletterte zeitweise um 2,3 Prozent nach oben und setzte sich damit vorübergehend an die Spitze im Leitindex Dax.

"Kaesers Erfahrung und seine detaillierte Kenntnis des Unternehmens machen ihn zu einem passenden Nachfolger für Löscher", sagt Analyst Ingo-Martin Schachel von der Commerzbank. "Wir schätzen seine breite Qualifikation und Erfahrung sowie seine Rolle bei den jüngsten erfolgreichen Trennungen von NSN und Osram ".

HSBC-Experte Michael Hagmann wies darauf hin, dass auch Kaeser die Probleme nicht über Nacht wird lösen können. "Wir glauben aber, dass er die Problemsparten schnell verbessern wird und das Geschäftsmodell auf stabile Umsätze, Konkurrenzfähigkeit und Preisgestaltung ausrichten wird."

Für Andreas Willi von JP Morgan steht Kaeser vor einer großen Aufgabe. "Er wird zu kämpfen haben, die hohen Erwartungen zu erfüllen." Aktienhändler bezweifelten, dass die Freude der Anleger von Dauer sein dürfte. "Ein neuer Chef allein löst ja die Probleme noch nicht", sagte ein Börsianer. "Kaeser macht eine sehr gute Kommunikationsarbeit, er ist lange dabei - seit 2006 in dieser Rolle. Bislang war seine Teflon-Schicht sehr dick. Aber er trägt sicherlich Mitschuld an der derzeitigen Situation von Siemens", mahnt Fondsmanager Boeuf. (rtr)

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