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Gewächshaus-Atmosphäre: Rund 20 000 Menschen arbeiten in der Amazon-Zentrale in Seattle.

Gentrifizierung

Achtung, Amazon kommt

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Der Internet-Gigant will in zwei US-Städten neue Zentralen eröffnen - das weckt auch Ängste.

Es war unvermeidlich, dass Amazon irgendwann die Mehrheit der amerikanischen Städte würde vor den Kopf stoßen müssen nach dem Spiel, das der Technologie-Riese ein Jahr lang betrieben hatte. Von Chicago über San Francisco bis nach Toronto und Indianapolis hatten die Stadtoberen sich krumm gelegt, um Amazon mit seinem geplanten zweiten Hauptquartier anzulocken, und so musste es zwangsläufig eine ganze Riege an enttäuschten Verlierern geben.

Deshalb hätte man in der PR-Abteilung in Seattle auch gerne die volle Kontrolle darüber behalten, wie man die Wahl seines neuen zweiten Hauptsitzes, HQ2 genannt, kommuniziert. Doch leider war Amazon dieses Glück nicht vergönnt, zu Beginn dieser Woche drang die große Entscheidung vieler Unterschriften unter Vertraulichkeitsabmachungen zum Trotz an die Öffentlichkeit.

Amazon setzt deutliches Zeichen der Dezentralisierung

Die Reaktion war entsprechend empört, die geschnittenen Kommunen fühlten sich gekränkt und an der Nase herumgeführt. Der Missmut entsprang allerdings nicht nur der Form der Enthüllung sondern auch dem Inhalt. Amazon hatte nicht einen Standort gewählt, sondern gleich zwei und somit die Gebote an Steuererleichterungen und Infrastruktur-Investitionen faktisch verhöhnt.

Anstatt einem großen HQ2 mit 50.000 hochqualifizierten, gut verdienenden Technologie-Angestellten, gibt es nun also zwei: einen im New Yorker Stadtteil Queens und einen in Crystal City, einem Vorort von Washington DC. Amazon streut seinen Reichtum und setzt dabei zugleich ein deutliches Zeichen der Dezentralisierung. „Amazon verwandelt sich in ein Unternehmen, dessen Standort virtuell und dessen physische Präsenz überall ist“, beschreibt Charles O’Kelley, Direktor des Forschungszentrums für Recht, Wirtschaft und Gesellschaft an der Universität Seattle, die Strategie.

Gänzlich virtuell wird Amazon durch diese Strategie freilich nicht, auch ein gespaltenes HQ2 strahlt noch Effekte in die analoge Welt ab. Und in den auserwählten Städten fragt man sich seit vergangenen Montag, ob man sich diese Effekte auch wünscht.

Verdrängung befürchtet

Insbesondere in Long Island City, dem Viertel von Queens, das Amazon in den Blick genommen hat, befürchtet man, dass die Ankunft von 25.000 gut verdienenden Technologie-Arbeitern die ohnehin bereits drängende Gentrifizierung noch beschleunigt. „Viele unserer Anwohner haben zu kämpfen“, sagt Lauren Jacobs, Direktorin einer Gruppe von Interessenvertretern arbeitender Familien in Queens. „Wir brauchen Garantien, dass der Zuzug von Amazon keine neue Welle der Massenverdrängung auslöst.“

Man hat Angst davor, dass hier Ähnliches passieren könnte wie in San Francisco, wo der Rückzug der Technologie-Arbeiter aus dem Silicon Valley in die Stadt die Lebenshaltung für die Mittelschicht unerschwinglich gemacht hat. Deshalb fordern Interessenvertreter wie Lauren Jacobs, dass Amazon verspricht, Anwohner aus der Gegend auszubilden und anzuheuern, anstatt qualifizierte Kräfte von außerhalb zu holen.

Die New Yorker Politiker sind von solchen Befürchtungen derweil unbelastet. Der gerade neu gewählte Gouverneur Andrew Cuomo, der Amazon großzügig den Teppich ausgerollt hatte, witzelte noch vor der Entscheidung, dass er seinen Vornamen von Andrew in Amazon ändern würde, wenn es sein müsste. Und der Bürgermeister Bill De Blasio, der sich eigentlich als Gentrifizierungs-Gegner gibt, macht keinen Hehl aus seinen Ambitionen, San Francisco als Technologie-Zentrum den Rang abzulaufen. Nachdem Google im Stadtteil Chelsea mittlerweile zwei ganze Blocks besetzt, kommt er mit dem Zuzug von Amazon diesem Ziel nun einen großen Schritt näher.

Die größten Sorgen macht sich New York jedoch um seine zerbröselnde Infrastruktur. Die U-Bahn ist dringend sanierungsbedürftig, die Züge sind notorisch verspätet und überfüllt. Täglich 25.000 neue Passagiere an einer einzigen Linie, so die Befürchtung, könnte die Linie zum Kollaps bringen.

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