Linde

Abwanderung eines Urgesteins

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Der 139 Jahre alte Industriegasehersteller Linde zieht in die USA.

Es war die wehmütige Abschiedsvorstellung eines Stücks deutscher Industriegeschichte. „Eine Ära geht zu Ende“, sagte gleich die erste Rednerin bei der außerordentlichen Hauptversammlung des Münchner Industriegasehersteller Linde. Trauer und Wut habe sie unter den Miteignern verspürt, meinte die Vertreterin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zu den einigen hundert widerspenstigen Aktionären der alten Linde AG. Die wird nun in einer neuen Linde Plc britischen Rechts aufgehen und von den USA aus industriell geführt. Acht Prozent Linde-Alteigner wollten das bis zuletzt nicht. Sie werden nun zwangsweise mit gut 189 Euro je Aktie abgefunden und aus dem Unternehmen gedrängt. Das war der offizieller Anlass des Eignertreffens in München.

Ursprünglich sei sie sogar eine Befürworterin der Fusion von Linde mit dem US-Rivalen Praxair gewesen, bekannte die DSW-Aktionärsschützerin. Weil Kartellbehörden dafür aber den Verkauf von Firmenteilen mit einem Umsatz von über 3,7 Milliarden Euro verlangt haben und damit eine vom Management zuvor festgelegte Schmerzgrenze gerissen wurde, sei das jetzt anders. Strategischen Sinn mache die Fusion jedenfalls nicht mehr. Linde habe etwas Besseres verdient als einen solchen Abschied.

Unter Wert verkauft worden sei der Konzern, meinte ein anderer Aktionärsschützer. Die neue Linde werde nun zudem amerikanisch geprägt. Denn geführt wird der zum weltgrößten Hersteller von Industriegasen fusionierte Konzern vom Praxair-Chef Steve Angel sowie seiner rechten Hand Matthew White vom bestehenden Praxair-Firmensitz in den USA aus. Was vom deutschen Traditionsunternehmen bleibt, ist wenig mehr als der Name Linde. Zu verdanken sei das einer „One-Man-Show“, kritisierte die DSW-Vertreterin unter dem Beifall von Aktionären. Gemeint war damit Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle, der als treibende Kraft hinter der Firmenehe gilt.

Der 69-jährig ließ jede Kritik von sich abperlen. In der fusionierten neuen Linde hat er sich den Posten des Verwaltungsratschefs gesichert. Als Garant deutscher Interessen soll er dort fungieren, so mancher sieht ihn aber als Verräter ebendieser an. Etwa 70 000 Beschäftigte und 24 Milliarden Euro Umsatz dürfte der von ihm geschmiedete Weltmarktführer bei Industriegasen am Ende haben, wenn alle Verkaufsauflagen bis Ende Januar 2019 erfüllt sind. Rund zwei Drittel davon stammen von der alten Linde.

Der Umstand, dass trotz dieser Größenverhältnisse die Führung in die USA abwandert, hat viele Kritiker auf den Plan gerufen. Aber ebenso wenig wie Aktionäre konnten auch Beschäftigte die Fusion verhindern. In den Augen der IG Metall ist sie gar eine unfreundliche Übernahme. Wie die IG BCE als zweite bei Linde aktive Gewerkschaft fürchtet sie um Stellen und deutsche Mitbestimmungsrechte, obwohl Jobs und Standorte bis Ende 2021 garantiert sind. Über einen Verkauf des Linde-Anlagenbaus hat Praxair-Finanzchef White, der diesen Posten auch im fusionierten Konzern inne hat, schon einmal vernehmbar sinniert. Für Gewerkschafter sind zudem die von Kartellämtern zur Fusion verhängten Auflagen ein zu hoher Preis. „Dieser Zusammenschluss rechnet sich nicht, weder für Aktionäre, noch für die Beschäftigten, noch für den Industriestandort Deutschland“, sagt IG BCE-Chef Michael Vassiliadis. Selbst Linde-Manager hatten gegen das Verschmelzen beider Konzerne votiert. Sie mussten gehen.

Dem führenden deutschen Aktienindex Dax bleibt Linde zwar erhalten. Aber die Tage der Eigenständigkeit sind vorüber.

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