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November 1996: Der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Ron Sommer, zeigt vor der Deutschen Börse auf die Anzeigentafel, auf der der Erstausgabepreis für die Telekom-Aktie zu lesen ist.
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November 1996: Der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Ron Sommer, zeigt vor der Deutschen Börse auf die Anzeigentafel, auf der der Erstausgabepreis für die Telekom-Aktie zu lesen ist.

Telekom-Börsengang vor 25 Jahren

Absturz der „Volksaktie“

  • VonRolf Obertreis
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Vor 25 Jahren ging die Deutsche Telekom an die Börse. Dank eines klugen Marketings, das die Risiken verschwieg, kauften Millionen Deutsche das Wertpapier - und verloren teils viel Geld.

Für die Fachleute ist das Thema abgehakt – nach 25 Jahren. Der erste Börsengang der Telekom am 18. November 1996 spielt heute für das Geschehen auf dem Aktienparkett und für Anlegerinnen und Anleger kaum noch eine Rolle. „Im letzten Jahr ist die Zahl der Aktionäre auf den höchsten Stand seit 20 Jahren gestiegen. Jeder sechste Bürger, auch viele junge Sparerinnen und Sparer, sind jetzt in Aktien, Aktienfonds und Indexfonds investiert“, sagt Christine Bortenlänger, geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts (DAI). „Das ist eine sehr positive Entwicklung. Dass wir nicht auf noch bessere Quoten kommen, liegt nicht an einem Ereignis, das ein Vierteljahrhundert zurückliegt, sondern vor allem an den politischen Rahmenbedingungen.“

12,4 Millionen Bundesbürger:innen besaßen 2020 direkt oder indirekt Aktien – so viele wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. 1997, im Jahr nach der Emission der T-Aktie, waren es nur 5,6 Millionen, bis 2000 stieg ihre Zahl auf 11,8 Millionen, bevor es bis 2010 wieder auf 8,4 Millionen nach unten ging. Das Desaster der T-Aktie scheint längst verdaut. Heute ist sie solider Teil der 40 im Deutschen Aktienindex Dax gelisteten Papiere der größten deutschen Unternehmen.

„Nachhaltiger Schaden für die deutsche Aktienkultur“

Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), ist im Rückblick skeptischer. „Aus heutiger Sicht hat der Börsengang der Deutschen Telekom vor 25 Jahren der deutschen Aktienkultur nachhaltig geschadet.“ Verantwortlich sei vor allem die massive Werbekampagne gewesen, die eine breite Bevölkerungsschicht zum Zeichnen der „Volksaktie“ animieren sollte – was auch funktionierte. „Leider wurde auf die mit einem Aktienkauf verbundenen Risiken dabei nicht hingewiesen“, moniert Kurz. Im Rückblick sei die T-Aktie beim Börsengang dramatisch überbewertet gewesen.

Das hat im Herbst 1996 praktisch niemand so gesehen. Oder sehen wollen. „Natürlich habe ich T-Aktien gezeichnet. Die Aktie ist zwar nichts für Zocker, aber als langfristige Anlage für jeden Familienvater sehr interessant.“ Der müsse ja für seinen Ruhestand vorsorgen. Das sagte am 18. November 1996 der damals 91-jährige legendäre Börsen-Guru André Kostolany lächelnd in die Kameras. Gerade war die T-Aktie, das Papier der Telekom, nach monatelanger, rund 80 Millionen DM (etwa 40 Millionen Euro) teurer Marketingkampagne an die Börse gekommen. Unter anderem mit Werbegesichtern wie dem Schauspieler Manfred Krug, der das später schwer bereute. Auch die Banker waren euphorisch.

Es war ein Tag der Rekorde. 500 geladene Gäste waren bester Laune, darunter Bundesfinanzminister Theo Waigel, Postminister Wolfgang Bötsch, Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper und natürlich Ron Sommer, der erste Mann des Bonner Konzerns. Auf dem Parkett der Frankfurter Börse war es so voll wie nie zuvor. Und selten drängten sich danach dort so viele Menschen.

Um 12.26 Uhr blinkte der erste Kurs auf der Anzeigetafel

713 Millionen Aktien wurden verkauft, rund 20 Milliarden DM nahm die Telekom ein. Sie hätte fünfmal so viele loswerden können, so groß war die Nachfrage. Es war der größte Börsengang, den es in Europa je gegeben hatte. Um 12.26 Uhr blinkte der erste Kurs auf der Anzeigetafel. Nicht nur Sommer war erleichtert: 33,20 DM, deutlich über dem Emissionspreis von 28,50 DM (14,57 Euro). Die „Volksaktie“ war da, die Deutschen schienen endlich auf dem Weg zu einem Volk der Aktionärinnen und Aktionäre zu sein.

Verfahren könnte mit Vergleich enden:

Im Anlegerschutzprozess um den dritten Börsengang der Deutschen Telekom AG im Jahr 2000 zeichnet sich ein Vergleich ab. Auf dem Tisch liegt ein Vorschlag, der sowohl vom Musterkläger und weiteren Anlegerschutz-Kanzleien sowie der beklagten Deutschen Telekom, der Bundesrepublik Deutschland und der Staatsbank KFW unterstützt wird. Das teilte das Oberlandesgericht Frankfurt am Montag mit. Der Vorschlag soll am Dienstag kommender Woche zwischen den Streitparteien öffentlich erörtert werden.

Hinter dem Musterverfahren stehen rund 16 000 Kleinaktionär:innen, die seit dem Jahr 2004 Schadenersatz für ihre erlittenen Kursverluste in Höhe von rund 80 Millionen Euro von der Deutschen Telekom verlangen. Die Aktien waren im Juni 2000 zu einem Startkurs von 66,50 Euro auf den Markt gekommen. Das Allzeithoch von 103,50 Euro lag damals schon mehrere Monate zurück. Heute notiert das Papier bei etwa 17 Euro und damit nicht allzu weit entfernt vom ursprünglichen Ausgabepreis 1996, 28,50 D-Mark, also etwa 14,57 Euro.

Laut dem Vergleichsvorschlag sollen diejenigen Anleger:innen den Kaufpreis erstattet bekommen, die zwischen dem 27. Mai und 19. Dezember 2000 gekauft und zudem stets ihre Rechtsansprüche aufrechterhalten haben. Abgezogen würden zwischenzeitlich gezahlte Dividenden und der heutige Kurswert, da die Wertpapiere bei den Käufer:innen bleiben sollen. Zu den möglichen Kosten wollte sich die Telekom am Montag nicht äußern. Sollte es zu dem Vergleich kommen, soll dieser jedem Kläger und jeder Klägerin bis zum 30. Juni 2022 angeboten werden. (dpa)

1,9 Millionen Kleinanleger:innen setzten auf das Papier, etwa ein Drittel kauften zum ersten Mal eine Aktie. „Die T-Aktie wird so sicher wie eine vererbbare Zusatzrente sein“, sagte Sommer und setzte sich mit Postminister und Bankern in den Flieger nach New York. Auch an der weltgrößten Börse, der Wall Street, wurde die T-Aktie in den Handel gebracht. Klotzen lautete die Devise.

Weitere zwei Male brachte die Telekom Aktien an die Börse: Ende Juni 1999 zu 39,50 Euro, ein Jahr später für 66,50 Euro. Wieder waren die Emissionen überzeichnet, rund 25 Milliarden Euro flossen an den Bund. Zwischenzeitlich kletterte der Kurs Anfang März 2000 auf das Rekordhoch von 104,90 Euro. Wer die Aktie beim ersten Börsengang für 14,57 Euro (jene 28,50 DM) gezeichnet hatte, konnte seinen Einsatz mehr als versiebenfachen. Verkauft wurde sie freilich kaum. Im Gegenteil.

Im Frühjahr 2000 platzte die Internetblase und mit ihr die schöne Welt der T-Aktie. 2001 rutschte die Telekom mit 3,5 Milliarden Euro in die Miesen, die Aktie kostete nicht einmal mehr 20 Euro, im Juni 2002 waren es weniger als zehn Euro. Sommer nahm kurz darauf seinen Hut. Anleger:innen verloren Zehntausende Euro, manche mehr. Börsenguru Kostolany erlebte das nicht mehr, er verstarb 1999.

Fast 25 Milliarden Euro Verlust

Im Jahr 2002 verbuchte die Telekom wegen gigantischer Abschreibungen mit fast 25 Milliarden Euro den höchsten Verlust, den je ein deutscher Konzern hinnehmen musste. Im Juni 2012 stürzte die T-Aktie auf ihr Allzeittief: 7,70 Euro.

17 000 Kleinanleger:innen klagten gegen die Telekom, Ex-Chef Sommer und andere Topmanager. Sie forderten 200 Millionen Euro Schadenersatz. Im Oktober 2005 begann der Prozess. Bis heute sind die Telekom-Verfahren nicht abgeschlossen, es geht zwischen dem Oberlandesgericht Frankfurt und dem Bundesgerichtshof hin und her. Kleinanleger:innen sind auch deshalb erbost, weil die Telekom bereits 2005 Anleger:innen in den USA 120 Millionen Dollar Schadenersatz gewährte.

Die T-Aktie hat sich längst von ihren Tiefs erholt. Heute stehe sie nicht schlecht da, sagt DSW-Sprecher Kurz. Aktuell kostet sie knapp 17 Euro. Das Unternehmen, an dem der Bund weiter direkt und über die Förderbank KFW mit insgesamt knapp 32 Prozent beteiligt ist, weist Jahr für Jahr Milliardengewinne aus und zahlt eine stabile, steuerfreie Dividende – seit 2004 ohne Unterbrechung, in der Spitze von 75 Euro-Cent. Für 2020 waren es 60 Cent.

„Die Telekom ist heute eine konservative Aktie mit stabilen Dividenden und deshalb interessant, gerade in Zeiten niedriger Zinsen“, sagt ein Börsenhändler. Anleger:innen, die die Telekom-Aktie 1996 gekauft und gehalten haben, liegen wieder im Plus. Wer aber beim zweiten und dritten Börsengang für 39,50 und 66,50 Euro eingestiegen ist, sitzt immer noch auf herben Verlusten. Insofern wirkt das Desaster weiter nach.

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